Expo-"Faust" Zwischen Dahindämmern und Erwachen

Peter Stein inszenierte seinen Marathon-"Faust" auf der Expo als sklavisch werktreue Reise ins Theater-Antiquariat.

Von Sven Siedenberg


Faust (Christian Nickel) und Gretchen (Dorothee Hartinger)
Ruth Walz

Faust (Christian Nickel) und Gretchen (Dorothee Hartinger)

Musste das jetzt wirklich sein? 21 Stunden lang auf unbequemen Stühlen hin- und herrutschen und sich 12110 Goethe-Verse anhören, von denen man viele schon aus der Schulzeit oder irgendwelchen Sprüchesammlungen kennt? Es musste sein: weil es so etwas bisher noch nie gegeben hat. Und weil dieser Theatermarathon - bestehend aus "Faust" Teil I und II - eine Idee von Regisseur Peter Stein war, dem einstigen Chef der Berliner Schaubühne, längst selbst ein Klassiker.

Das Ergebnis: eine Durchhalteübung für Bildungsbürger, eine seltsam unzeitgemäße Sprachbeschwörung im Lärm der Expo, eine Kunstanstrengung voller Pathos und Poesie, an der mehr als 80 Künstler und Techniker mitgewirkt haben, die einen Etat von 30 Millionen Mark verschlungen hat und für die fast eineinhalb Jahre geprobt wurde. So gesehen ein Superlativ und durchaus tauglich fürs Guinness-Buch der Rekorde.

Andererseits wagt Peter Stein keine neue Sicht auf "Faust". Auch bei ihm ist dieser deutscheste aller Bühnenhelden das, was er schon in vielen vorangegangenen Inszenierungen stets war: ein vergrübelter Sinnsucher und lebensmüder Jammerer, ein entrückter Schwärmer und skrupelloser Machtliebhaber, ein Geistmensch voller Gelüste und Begierde, der sich den Göttern ähnlich fühlt und am Ende doch an seiner irdischen Beschränktheit scheitert.

Was die Inszenierung vor allem kennzeichnet, ist ein musikalischer Umgang mit der Sprache. Weshalb sich die Schauspieler so bewegen wie in einer Oper: Sie gehen nicht, sie schreiten. Sie sprechen nicht, sie deklamieren. Lauter Bedeutungsträger, die sich vor allem als Wohlklangkünstler verstehe. Und auch Regisseur Stein zelebriert sein Handwerk als Diener der Verse. Seine Textgläubigkeit geht so weit, dass er jede noch so kleine Regieanweisung penibel befolgt: Wenn ein Vogel zwitschern soll, dann kommt ein Vogel herbeigeflattert und zwitschert. Wenn eine Hexe mit "entsetzlichem Geschrei" erscheinen soll, dann erscheint eine Hexe und schreit ganz entsetzlich. So illustriert Stein das Stück bloß - statt es zu interpretieren. Er tut es, weil dieses "Weltgedicht" seiner Meinung nach voller Tiefsinn ist und bereits all das enthält, was den Menschen ausmacht: sein ewiges Streben zwischen Gut und Böse, seine Irrfahrt zwischen Himmel und Hölle. Und so präsentiert er eine Reise durch den bekannten Goethe-Kosmos: durch Auerbachs Keller und Walpurgisnacht, durch Gelehrten- und Gretchenstube, durch Hexenküche und Todeskerker.

Robert Hunger-Bühler als Mephisto
Ruth Walz

Robert Hunger-Bühler als Mephisto

Und weil es immer wieder dampft und donnert und magisch leuchtet, gibt es ein Aufwachen zwischen dem Dahindämmern. Dennoch wirkt die Inszenierung mit ihren antiken Chor-Einlagen und ihrer bemühten Gleichnishaftigkeit wie eine Reise ins Theater-Antiquariat. Das größte Problem bei diesem Stück, das der Autor selbst für "fast unspielbar" hielt, sind jedoch die ständig wechselnden Schauplätze: Es gibt zwei Bühnen, sechs variable Tribünen und unzählige Umbaupausen. So wandert man als Zuschauer von Raum zu Raum, während die Dramaturgie des Stückes zunehmend zerfranst. Besonders deutlich wird dies im zweiten Teil. Da landet Faust in Arkadien und im antiken Hellas, heiratet die schöne Helena, betätigt sich als Staatsmann und Regisseur und begegnet zudem lüsternen Fabelwesen, scheppernden Soldaten und singenden Engeln. Lauter altherrenhafte Rätselszenen, die zwar zyklisch um stets wiederkehrende Themen kreisen, dabei aber ihren dramaturgischen Zusammenhang verlieren.

Verneigen muss man sich vor der schauspielerischen Leistung. Allen voran Christian Nickel als vergeistigter Faust. Was er an körperlicher Kraft mobilisiert und wie er die Textmenge bewältigt - das ist unglaublich. Johann Adam Oest und Robert Hunger-Bühler verkörpern Mephisto mit Schalk und menschlichen Macken. Und Dorothee Hartinger ist ein unschuldiges, in seiner Liebe opfermutiges Mädchen voller Anmut und Tristesse. Am Ende gab es kollektive Erschöpfung und viel Applaus für alle. Und kein einziges "Bravo" für den Regisseur.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.