"Extinction Rebellion" So einfach, so ausweglos

Die ökolinke Jutta Ditfurth warnt, "Extinction Rebellion" sei eine esoterische Weltuntergangssekte. Sicher ist: Der aufreizend gewaltlose Protest der Klimarebellen kann nicht paternalistisch weggetätschelt werden.
"Extinction Rebellion"-Aktivisten in Berlin: Wer Polizisten beleidigt, fliegt

"Extinction Rebellion"-Aktivisten in Berlin: Wer Polizisten beleidigt, fliegt

Foto: Christophe Gateau/ DPA

Unauffälliger geht's wirklich nicht. In der Fußgängerzone von Wiesbaden haben Aktivisten einen Stand aufgebaut. Ein Zelt, ein selbst gemaltes "Extinction Rebellion"-Schild und ein paar Flugblätter auf einem Klapptisch: "Rebellion für das Leben" oder "Aufstand gegen das Aussterben". Dahinter wiegt eine Mutter ihr Kind - allein das ist schon ein Argument in diesen Zeiten. Der Aktivist Chris, Student der Psychologie, verabschiedet gerade eine Passantin: "Komm morgen wieder, um 17 Uhr meditieren wir hier zusammen!"

Mit der passiven Aggressivität der Zeugen Jehovas hat dieses Auftreten wenig zu tun, mit der aktiven Aggressivität von Tierschutzorganisationen wie Peta noch viel weniger. Kein Gesäusel, keine Schockbilder. Einen expliziten "Warnhinweis" gibt es allerdings auf Twitter . Dort rät die "öffentliche Intellektuelle" und Ökolinke Jutta Ditfurth vor allem "Kindern und Jugendlichen" davon ab, sich den Aktionen von "Extinction Rebellion" (XR) anzuschließen.

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Die Bewegung sei eine "intellektuellenfeindliche" und vernebele vermittels hysterisierender "Hyperemotionalisierung" den Verstand ihrer Mitglieder. Sie sei, so Ditfurth, kein "kritisches, rationales, linkes Projekt" und anschlussfähig nach rechts; mithin also eine "esoterische" Weltuntergangssekte.

Zwar soll auch bei den Protesten in Berlin das vieldeutige, aber einschlägig okkupierte Wort "Heimatschutz" skandiert worden sein. Bisher überwiegen aber gerade von rechtsreaktionärer Seite auf Twitter die üblichen Gewaltfantasien gegen die Demonstranten; man möge, beispielsweise, mit einem SUV in die Menge fahren.

Wenn beide Pole des politischen Spektrums allergisch reagieren, scheint im öffentlichen Raum etwas Neues entstanden zu sein - nicht nur im Netz, sondern neuerdings auch physisch. Auf der Straße.

Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit

In seinem Auftreten wirkt XR zunächst wie eine "erwachsenere" Variante der "Fridays for Future"-Bewegung. Erwachsen auch in dem Sinne, dass der jugendlichen Dringlichkeitsrhetorik von der drohenden Apokalypse durch mass extinction nun Taten folgen müssen. Ein Protest, der nicht paternalistisch weggetätschelt werden kann.

"Ich will eure Hoffnung nicht", hatte Greta Thunberg in Davos gesagt: "Ich will, dass ihr in Panik geratet", Panik als Zustand intensiver Angst vor einer Bedrohung. Möglich, dass XR das erste Symptom dieser Panik ist. "Hope dies - action begins" lautet einer der Slogans der Bewegung.

Die Logik dahinter ist simpel und von entsprechender Wucht. Die wissenschaftliche Tatsache der fortschreitenden Vernichtung unserer Lebensgrundlagen wird begriffen als das absolut Böse. Im Umkehrschluss steht, wer sich radikal gegen diese Entwicklung stemmt, auf der Seite des absolut Guten. So einfach ist das. Und so ausweglos.

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Womit wir tatsächlich den theologischen Bezirk der Eschatologie betreten, die Rede von den letzten Dingen und dem Anbruch einer neuen Welt. Im Kern erinnert diese Ideologie der Dringlichkeit an den Manichäismus, eine spätantike Lehre vom Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit. Wer will, kann darin durchaus sektiererische Tendenzen erkennen.

XR gibt es erst seit 2018 , gegründet unter anderem von dem walisischen Biobauern Roger Hallam - ein fragwürdiger Kauz, der für seinen friedlich herbeigeführten Systemwandel durchaus "ein paar Tote" in Kauf nehmen würde. 2019 promovierte Hallam über zivilen Ungehorsam, das moralische Widerstandsrecht des Bürgers gegen herrschendes Unrecht, und sei das auch noch so legitim. Außerparlamentarische Opposition, sozusagen.

Mit zivilem Ungehorsam in die grünen Sowjets

Drei Forderungen sind es, für die XR-Aktivisten auf die Straße gehen und sich, so die Taktik, auch gerne verhaften lassen: "Sagt die Wahrheit!" über eine Katastrophe, die nicht länger als "Klimawandel" verharmlost werden soll und der nur durch die Ausrufung eines Klimanotstands begegnet werden kann. "Handelt jetzt!", um bis 2025 die Emissionen von Treibhausgasen auf null zu bekommen. "Politik neu leben!" schließlich soll den zivilen Ungehorsam in die Bahnen partizipativer Demokratie lenken; mit weisungsbefugten "Bürger*innenversammlungen" für "Klima und ökologische Gerechtigkeit", also grüne Sowjets.

Es sind die dezentral organisierten Mitglieder von XR also, je nach Perspektive, entweder Klimafaschisten oder Klimabolschewisten - wäre da nicht ihre geradezu aufreizende Gewaltlosigkeit, die sich auf Mahatma Gandhi beruft und sogar auf das Feld der Sprache erstreckt. Wer Polizisten beleidigt, fliegt. Das System soll nicht mit terroristischen, sondern mit systemkonformen Methoden mürbe gemacht werden. Die Idee ist es, zynisch gesprochen, eine kritische Masse an Aktivisten in die Arrestzellen zu bekommen - und damit maximale Aufmerksamkeit für die gute Sache.

In der Fußgängerzone von Wiesbaden sagt Chris, dass doch "jeder irgendwie links" sei, der das gegenwärtige System infrage stelle. Natürlich könne man sich auch in einer Partei engagieren, klar. Es sehe aber nicht so aus, als habe das in den vergangenen Jahrzehnten etwas gebracht.

Vielleicht ist das der Grund für die gereizten Reaktionen von ganz rechts wie ganz links auf die Anliegen und Methoden von XR. Es ist praktizierte Suprapolitik, von der noch niemand weiß, ob sie nach rechts oder links kippen wird. Oder ob diese Kategorien in naher Zukunft überhaupt noch von Belang sein werden.

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