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EZB-Zentrale: Gigant im Ostend

Foto: Boris Roessler/ dpa

Neuer EZB-Turm in Frankfurt Heilige Statik!

Babylonisch in der Anmutung, trickreich in der Tektonik: Inmitten der Blockupy-Ausschreitungen eröffnet am Mittwoch die neue EZB-Zentrale in Frankfurt - ein Turm, der wackelig wirkt wie Europa. Und der doch wie eine Eins zu stehen scheint.

Europa droht auseinanderzufallen, und wer will, kann diese Aussage in dem Neubau der Europäischen Zentralbank eingeschrieben sehen. Die Planungen für die neue Heimat der obersten europäischen Finanzbehörde begannen zwar schon am Anfang des neuen Jahrtausends, als die Bankenkrise und das Euro-Unheil noch fern waren - und doch spiegelt sich in diesen 185 Meter in den Himmel gestapelten Glas-und Stahl-Elementen das augenblickliche europäische Unbehagen, das sich in entfesselter Form auch in den Blockupy-Ausschreitungen niederschlägt.

Europa? Da kann einem ja schwindlig werden. So wie bei diesem Bau, wenn man ihn zu lange anguckt.

Ein bisschen wirkt die EZB-Zentrale, die am Mittwochvormittag unter den Protesten offiziell eröffnet wird, als hätte man zwei Zwillingstürme ineinandergedreht und dabei bewusst erhebliche tektonische Risiken in Kauf genommen. Atemberaubende Schrägen und stilisierte Scherbenformen prägen das Äußere des Turms, verwinkelte Planken und scheinbar anarchisch in die Höhe schießende Stahlstreben das Innere. Rechte Winkel sucht man in den Grundzügen von Mario Draghis neuem, schön schrägen Zuhause vergeblich.

Auf Abstand zum Bankenviertel

Für eine Behörde, und das ist die EZB ja bei aller Herrlichkeit und Selbstherrlichkeit, ist das erst einmal ein riskantes Statement. Aus den Wettbewerbsentwürfen von mehr als 300 Architekten aus über 30 Ländern entschied man sich am Ende für den der Architektengruppe Coop Himmelb(l)au, hinter deren blumigen 68er-Name sich ein dekonstruktivistisches Architekturverständnis verbirgt.

Gerade Linien und kastige Formen, die bei Behördenbauten gemeinhin Strenge, Ordnung und Bodenhaftung suggerieren sollen, sind bei der Himmelsstürmer-Coop nicht zu erwarten gewesen. Die Anmutung der EZB-Zentrale ist weniger bürokratisch als babylonisch geraten.

Zum Vergleich schaue man sich nur mal das Gebäude der Bundesbank an, ein schmuckloser gigantischer Riegel. Motto: keine Experimente, wenn es ums Geld geht. Der radikale Look der EZB-Zentrale ist das Gegenteil - und strategisch ziemlich smart: Denn wer den auf den ersten Blick leicht windgebeugt wirkenden Turm genauer ansieht, entdeckt schließlich dessen tektonische Raffinesse. Da scheint jemand doch den großen Plan gehabt zu haben. Heilige Statik.

Eine Botschaft, die ja durchaus beruhigend auf die erregten Gemüter Europas wirken kann. Die Sache sieht wackelig aus, steht aber wie eine Eins. Das würde man über die EU und ihre Finanzpolitik ja auch gerne sagen.

Dass der Bau ein paar Kilometer auf Abstand geht zum Bankenviertel und sich diesem gegebenüber gleichsam aufbäumt, mag man ebenfalls als Wohlfühl-Bonus verbuchen. Aus dem eher flach bebauten ehemaligen Frankfurter Osthafen am Main, einem ehemaligen Arbeiter- und Industrieviertel, das nun einen brüsken Gentrifizierungsschub erhält, ragt er durchaus verwegen vor der Mainhattan-Skyline in den Himmel. Gut 70 Meter niedriger als der Commerzbank-Tower, aber auch 30 Meter höher als die schwarz schimmernden Zwillingstürme der Deutschen Bank.

Wer es gut mit der EZB meint, könnte sagen, dass der Bau, dessen Gesamtkosten in den zehnstelligen Euro-Bereich explodiert und behördenunüblich noch nicht abschließend geklärt sind, ein extrem selbstbewusstes Statement gegenüber der Bankenwelt ist: Brüder, wir haben Euch im Blick!

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