Facebook-Tausch Mit Rechten reden?

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ist Grüner und für rechte Sprüche bekannt. Eine Woche lang hat SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim mit ihm die Facebook-Seiten getauscht. Seine Bilanz: ogottogott.

Boris Palmer
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Boris Palmer


Boris Palmer, seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen, und ich haben ein Experiment gewagt: Für eine Woche haben wir unsere Facebook-Profile getauscht. Ziel war, mit der Followerschaft des jeweils anderen konfrontiert zu sein - und das Publikum, zumindest große Teile davon, mit Sichtweisen und Meinungen zu konfrontieren, die es nicht gewohnt ist.

Palmer, Mitglied der Grünen, ist nämlich bundesweit bekannt für seine drastische Ausdrucks- und Handlungsweise. Mal geht es ihm um einen Radfahrer, der ihn "in der Fußgängerzone bei einer Slalomfahrt fast umgenietet" habe, wie er es formuliert, und von dem er nicht verschweigen wolle, "dass er schwarze Hautfarbe hatte und das Hemd so weit offen, dass er quasi mit nacktem Oberkörper provozierte".

Dann sagt er über Berlin: "Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: 'Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands'". Wieder ein anderes Mal gerät er in Tübingen mit einem Studenten aneinander, will dessen Personalien aufnehmen, fotografiert ihn und zückt seinen Dienstausweis.

Screenshot aus einer Unterhaltung von Hasnain Kazim auf Boris Palmers Facebook-Seite

Screenshot aus einer Unterhaltung von Hasnain Kazim auf Boris Palmers Facebook-Seite

Palmer versteht sich als Realpolitiker, der Probleme anspricht und dafür in eine rechte Ecke gestellt wird. Stempele man Menschen auf diese Weise ab, wie es ihm widerfahre, höre man ihnen nicht zu und nehme ihre Sorgen nicht ernst, treibe man sie erst recht in die Arme der AfD, argumentiert er.

Ich wiederum halte Palmer für einen Politiker, der durchaus bedenkenswerte Ideen hat und mit dem man im direkten Miteinander konstruktiv reden kann, der zuhört und beachtliche Erfolge in Tübingen nachweisen kann, dem aber zu oft die Emotionen durchgehen, der sich rassistischer Vorurteile und einer Sprache bedient, die Rassisten in ihrem Rassismus bestätigt und ihn damit erst recht salonfähig macht. Mir ist es egal, ob solche Leute ihn oder die AfD wählen - Menschenverachtung bleibt Menschenverachtung.

Entsprechende Follower erwartete ich auf seiner Seite. Ich fand es einen Versuch wert, herauszufinden, ob man mit seinen "Freunden" und "Abonnenten", insgesamt etwa 50.000, in den Dialog treten kann. Man solle ja "mit Rechten reden", wie immer wieder gefordert wird. Umgekehrt redete Palmer mit meinen Followern. Außer dass wir die privaten Nachrichten des anderen nicht lesen, hatten wir keine Regeln aufgestellt.

Alternative Wahrheiten, Unterstellungen, abstruse Vorwürfe

Ich postete auf der Palmer-Seite, wie ich es auf meiner eigenen getan hätte. Schon die erste Begrüßung mit "Asalamaleikum und Grüß Gott" sorgte bei einigen für einen erhöhten Puls.

Facebook-Post aus dem Experiment von Boris Palmer und Hasnain Kazim

Facebook-Post aus dem Experiment von Boris Palmer und Hasnain Kazim

Das Ergebnis des Experiments, das am heutigen Montagvormittag endete, ist ernüchternd. Ein sinnvoller Dialog, das ist meine Erkenntnis, ist auf der Facebook-Seite von Boris Palmer nicht möglich. Ja, es gab einige, die ernsthaftes Interesse an einem Austausch hatten. Auch manche, die zwar eine harte Auseinandersetzung suchten, aber doch auch bereit waren, zuzuhören und eigene Positionen wenigstens zu überdenken.

Ein großer Teil aber wollte keine konstruktive Debatte. Zwar dürfte es eine Minderheit sein, die pöbelte, beleidigte, "alternative Wahrheiten" und Unterstellungen verbreitete und darauf abstruse Vorwürfe konstruierte. Aber es war, wie so oft und wie auch jenseits der virtuellen Welt, eine laute Minderheit, die den Ton angab.

Auf Nachfrage lieferte sie keine Belege für ihre Thesen oder eröffnete, mit einer neuen absurden Behauptung, eine neue Front. Wenn gar nichts mehr ging, fiel ihr der Begriff "Lügenpresse" ein. Und an allem waren "die Ausländer", "die Flüchtlinge", "die Muslime" schuld.

Es bedarf auch im digitalen Leben Regeln und Grenzen

Jemand schrieb über mich: "Der Tausch wäre eine wirklich interessante Sache gewesen, allerdings nicht mit diesem Teilnehmer. Da er im Grunde selbst Gegenstand der Migrations-Debatte ist." Ein anderer: "Hasnain Kazim, Du pakistanischer Untermensch, verpiss dich zurück nach Pakistan wo Du hingehörst, Du Jammerfreddy." Oder: "Haben Sie ein Kindheitstrauma gehabt, welches noch nicht verarbeitet wurde?"

Es ist bemerkenswert, wie viele Rechtsextreme bis Neonazis sich auf Palmers Seite lautstark äußern dürfen. Palmer versicherte mir - und ich glaube es ihm -, dass er von vielen dieser Leute noch nie zuvor auf seiner Seite gelesen habe. Dass es also neue Fake-Accounts waren, die das Experiment zum Scheitern bringen wollten.

Er hat aber auch einige "Freunde", also von ihm bestätigte Leute, die sich auf abwertende, diffamierende oder menschenverachtende Weise äußerten. Anders als Palmer, der kaum löscht und sperrt, bin ich der Überzeugung, dass es für ein fruchtbares Miteinander einiger Regeln und Grenzen bedarf, im digitalen wie im realen Leben. Und das ist nicht erst das Strafrecht - Beleidigungen, Verleumdungen und Drohungen sind selbstverständlich strafbar -, sondern der Respekt vor dem anderen. Wer das nicht kapiert, stellt sich selbst ins gesellschaftliche Abseits und ist draußen. Das ist weder "Zensur!" noch "Einschränkung der Meinungsfreiheit!", sondern Folge der eigenen Worte. Für seine Worte trägt man Verantwortung. Auch die Konsequenzen muss man tragen.

Drei Dutzend Leute musste ich in dieser Woche blocken. Es entstand ein regelrechter Wettbewerb, wer schneller gesperrt wird. Etwa ein Dutzend pöbelte, nachdem ich sie geblockt hatte, weiter - per E-Mail. Einer schrieb: "Ein Deutscher lässt sich von einem Kanakenschwein nicht den Mund verbieten!" Ein anderer wollte von mir wissen: "Was du wolle von unsere Oberbürgermeister???"

Rassismus ist keine "andere Haltung"

Ich werde die Namen der Geblockten Palmer mitteilen. Wenn er sie wieder bei sich mitreden lassen möchte, ist das seine Sache. Ich hingegen halte es für wichtig, dass wir in einer zivilisierten Gesellschaft anständig miteinander umgehen. Das schließt Provokationen und das eine oder andere derbe Wort nicht aus. Wer aber nur diese Art der Kommunikation kennt, findet irgendwann kein Gehör mehr.

Palmer schreibt, in der Frage, wie man mit anderen Haltungen umgehe, "trennen uns Welten". Das ist falsch. Menschen sind verschieden, "andere Haltungen" selbstverständlich. Man sollte über sie nachdenken, daraus etwas mitnehmen, sich auch mal überzeugen lassen und sich gegebenenfalls korrigieren. Aber Hass, Rassismus und Menschenverachtung sind keine "andere Haltung", auch keine "akzeptable Meinung in einem breiten Meinungsspektrum", wie mir jemand schrieb.

Wenn solche Leute aus dem Diskurs auszuschließen bedeutet, dass man in seiner "Filterblase" verharren wolle, ja dann bleibe ich in Zukunft gern in meiner "Blase".

Video: Doku über Boris Palmer - Provokateur aus Leidenschaft



insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
Hrothgaar 04.02.2019
1. Einseitig
wie immer ist es eine einseitiger Bericht. Alle böse, alle dumm, alle Nazis. Wo ist denn der Bericht über die andere Fazebook-Seite? Was haben die Gutmenschen so geschrieben?
strixaluco 04.02.2019
2. Da haben Sie Recht, Herr Kazim!
... und Danke dafür, dass sie bereit sind, an dieser Grenze der Erträglichkeit zu diskutieren. Ich finde das sehr wichtig. Vielleicht hat ja doch der eine oder andere gemerkt, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt und kein Feindbild.
remedias.cortes 04.02.2019
3. Rassisten in ihrem Rassismus bestärken.....
Aus Angst vor genau dem werden Probleme nicht diskutiert, unter den Tisch fallen gelassen , und auch ich bin nicht frei davon - denn ich bin zu Schwarzen dann immer besonders nett, damit sie keinesfalls denken, ich sei Rassistin, obwohl WEDER schwarze noch weiße noch sonstige Radfahrer über 10 was auf dem Bürgersteig zu tun haben. Und Asalamaleikum bedeutet "Friede sei mit dir".
Elias Alias 04.02.2019
4. Hauptsache relativiert.
Zitat von Hrothgaarwie immer ist es eine einseitiger Bericht. Alle böse, alle dumm, alle Nazis. Wo ist denn der Bericht über die andere Fazebook-Seite? Was haben die Gutmenschen so geschrieben?
Whataboutism. Und jetzt, was ändert das? "Alle böse, alle dumm, alle Nazis". Das hat er nicht geschrieben. Und es bringt auch nichts, zu relativieren, indem man auf andere zeigt. Das macht die menschenverachtenden, niveaulosen Kommentare und Posts keinen Deut besser. Ich schäme mich für meine Mitmenschen.
ch.weichberger 04.02.2019
5. Ist die frage
Ob es sinn macht MIT jemand zu diskutieren Der deine existenz als solche nicht akzeptiert
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