Digitale Diskussionskultur Wie man mit Hetzern diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren

Sollte man auf Facebook auch auf unsachliche Kommentare eingehen? Der Literaturwissenschaftler Daniel-Pascal Zorn nimmt regelmäßig politische Äußerungen auseinander - und rät zur Gelassenheit im Umgang mit Hetzern.
Foto: Lukas Schulze/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Zorn, in Ihrem Buch "Logik für Demokraten" empfehlen Sie, in sozialen Medien mit Pegida-Anhängern zu diskutieren. Was versprechen Sie sich von solchen Auseinandersetzungen?

Zorn: Heute erscheint es klüger oder zumindest praktischer, die Ellbogen auszufahren, um eine bestimmte Meinung durchzusetzen. Das perfekte Beet für Debattenkulturen, in denen das Begründen kaum noch eine Rolle spielt. Wenn Sie mich überzeugen wollen, müssen Sie mir aber Gründe liefern. Man kann also in der Sache streng nachfragen: Wie begründest du das? So entsteht eine Art Performance, mit der man anderen zeigen kann, dass es die Möglichkeit der Auseinandersetzung sehr wohl gibt.

SPIEGEL ONLINE: Der Adressat ist also nicht der Mitdiskutant, eigentlich geht es Ihnen um das Publikum im Netz?

Zorn: Nicht "eigentlich", ich würde sagen "auch". Der andere ist immer eingebunden. Aber wenn mein Mitdiskutant sich verschließt, kann ich mich auf seine Rede so beziehen, dass ich für andere sichtbar mache, warum sie nicht überzeugend ist. Die Aufmerksamkeit für das stille Publikum gehört immer dazu. Ein klassisches Beispiel aus der antiken Philosophie ist das erste Buch der "Politeia" von Platon. Thrasymachos ist dort ein Dogmatiker, der großspurige Monologe hält. Sokrates fragt geduldig: Warum behauptest du das? Könntest du bitte Gründe geben? Dieser stete Fluss von gelassenen Nachfragen führt dazu, dass Thrasymachos immer heftiger reagiert, sich zum Opfer von Sokrates erklärt und gehen will. "Aber die anderen hielten ihn zurück und forderten ihn auf, seinen Logos zu übergeben", heißt es in der "Politeia". Der Dogmatiker wird vom Publikum für seine Rede verantwortlich gemacht.

Zur Person
Foto: privat

Daniel-Pascal Zorn, Jahrgang 1981, ist Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler. Im Philosophie-Magazin "Hohe Luft" schreibt er die Kolumne "Na logisch", zuletzt erschien sein Buch "Logik für Demokraten: Eine Anleitung" bei Klett-Cotta.

SPIEGEL ONLINE: Aber funktioniert das wirklich? Ein reales Beispiel: Die Kita-Beiträge in einer kleinen bayerischen Gemeinde werden erhöht, im Onlineforum der Lokalzeitung kommentiert ein Leser: "Aber Geld für Kulturfremde, Vergewaltiger, Räuber, Mörder und sonstige Schmarotzer ist ja genügend da." Wie antwortet man idealerweise?

Zorn: Eine ideale Weise gibt es nicht. Man kann zuerst die Spreu vom Weizen trennen. Ganz offensichtlich ist "Schmarotzer" eine Form der Herabwürdigung. "Räuber" und "Vergewaltiger" sind Zuschreibungen von Straftaten, und das Wort "Kulturfremde" ist sehr voraussetzungsreich. Man kann Hinweise geben: Es macht dich nicht glaubwürdiger, wenn du Leute herabwürdigst. Du kannst das natürlich machen, aber wenn du uns überzeugen willst, solltest du das besser lassen. Man nimmt die Rede damit ernster, als sie eventuell genommen werden will. Dann kann man den anderen in die Beweislast bringen, in die er sich selbst gestellt hat: Du schreibst anderen Straftaten zu, kannst du die belegen? "Kulturfremde" schließlich setzt voraus, dass man eine klare Linie zwischen dem Eigenen und dem Fremden ziehen kann. Kannst du das entscheiden?

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren ihre Kontrahenten auf sachliche Nachfragen?

Zorn: Häufig erklären sie sich zu Opfern - ich hätte das nicht zu fragen, ich würde sie bedrängen, man müsse das überhaupt nicht beweisen et cetera. Selbstviktimisierung ist eine verbreitete Strategie. Ich verweise dann immer darauf, dass es ihr eigener Anspruch ist, nicht meiner. Sie haben eine Behauptung aufgestellt, sie möchten, dass andere Menschen das ernst nehmen. Und ich möchte von ihnen einfach wissen, warum ich das ernst nehmen soll. Ich füge zu ihrer Rede nichts hinzu.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie allerdings hinzufügen, sind Maßnahmen einer philosophisch geschulten Logik.

Zorn: Das ist richtig. Diese Maßnahmen bestehen aber eigentlich nur in einer besonderen Form der Aufmerksamkeit: Was tut der andere, wenn er etwas sagt? Sie bestehen am Ende vor allem darin, eine Rede an ihrem eigenen Anspruch zu messen.

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Zorn, Daniel-Pascal

Logik für Demokraten: Eine Anleitung

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 314
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Preisabfragezeitpunkt

04.12.2022 21.19 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Fehlschlüssen haben Sie es denn am häufigsten zu tun?

Zorn: Der grundlegende Fehlschluss ist die Selbstautorisierung. Man setzt sich von vornherein ins Recht. Das wird meist gar nicht als Fehlschluss wahrgenommen, weil viele der Meinung sind, dass, wenn sie etwas meinen, der andere sie erst einmal vom Gegenteil überzeugen müsste. Das passiert, wenn man glaubt, in Debatten würden einfach nur Meinungen aufeinanderprallen. Wer dann denkt, man würde mit der lautesten Stimme gewinnen, übt das laufend ein und hält es irgendwann für die einzige Möglichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie analysieren in Ihrem Buch auch das totalitäre Denken, das mit der "ständigen Abwehr des Unerwünschten" beschäftigt sei. Dieser Abwehr liegen aber doch keine logischen Fehlschlüsse, sondern ziemlich heftige Affekte zugrunde. Kommt man in der Diskussion dann nicht schnell an eine Grenze, an der Rationalität und Vernunft nicht mehr weiterhelfen?

Zorn: Gefühle funktionieren aus logischer Sicht dogmatisch. Jemand, dem argumentativ die Felle davonschwimmen, kann versuchen, das durch irgendeine Form von affektivem Nachdruck zu kompensieren. Das kennen wir aus unserem Alltag. Wir naturalisieren unsere Gefühle, weil sie als ursprünglicher wahrgenommen werden. Das kann einen auch schützen: Ich bin so, wie ich bin, fertig. "Ich habe Angst - und du kannst jetzt nichts dagegen machen." Gemeint ist aber: "Ich habe recht." Der Selbstzuschreibung von Affekten ist also zu misstrauen, was nicht heißt, dass sie immer falsch ist.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das.

Zorn: Wenn es um wirkliche Ängste geht, kann man den Gesprächsmodus ändern, von argumentativ in therapeutisch. Geht man mit den Leuten aber rational um und sieht sie nicht nur als affektgeladene Spinner, ist das auch eine Form von Anerkennung. Ich nehme sie ernst, indem ich auf die Argumente eingehe. Das kann auch affektmildernd wirken.

SPIEGEL ONLINE: Muss man dementsprechend die eigenen Affekte ausschließen, wenn man mit Ihrer Argumentationslogik in den Ring steigt?

Zorn: Nicht ausschließen, aber einklammern. Natürlich nerven bestimmte Dinge. Wenn ich im Ton scharf werde, dann aber vor allem aus strategischen Gründen, um etwas zu spiegeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von einer Gelassenheit, die man erreicht, wenn man logisch konsistent argumentiert.

Zorn: Auch diese Idee findet man bereits bei Sokrates. Wer dafür sorgt, dass er mit sich selbst übereinstimmt, und von anderen nicht verlangt, was er nicht selbst erbringt, der kommt zur Ruhe. Der Dogmatiker hingegen muss zwangsläufig leiden. Er lebt in dem Zwiespalt, dass er absolut sicher sein muss und trotzdem ständig angegriffen wird. So lange es noch Menschen gibt, die nicht denken wie er, wird er im Krieg leben. Dogmatismus ist vor allem Selbstschutz, ebenso Tyrannei. Klar kann er sich verbunkern, sich gegen seine selbstgeschaffenen Feinde wehren und sich in dieser Situation sicher wähnen. Mein Angebot dagegen ist: Du kannst auch versuchen, logisch konsistent zu denken und mit dir selbst übereinzustimmen. Und darin eine Form von Frieden finden.

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