In eigener Sache Hier ist der Abschlussbericht der Aufklärungskommission zum Fall Relotius

Im Dezember 2018 machte der SPIEGEL die Fälschungen seines ehemaligen Redakteurs Claas Relotius öffentlich und leitete eine interne Untersuchung ein. Der Bericht über den Betrugsfall liegt jetzt vor.
SPIEGEL-Verlag

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Maxim Sergienko/ DER SPIEGEL

Liebe Leserin, lieber Leser,

etwas mehr als fünf Monate ist es her, dass wir die Fälschungen unseres ehemaligen Redakteurs Claas Relotius offengelegt haben. Wie versprochen hat der SPIEGEL die Zeit genutzt, um den Betrugsfall aufzuarbeiten. Eine dreiköpfige Aufklärungskommission hat ergründet, wie es Relotius gelingen konnte, sämtliche Sicherungen außer Kraft zu setzen. Und sie hat untersucht, wie wir dem Betrugsverdacht nachgegangen sind, als dieser erstmals vom Kollegen Juan Moreno geäußert wurde.

Die gute Nachricht: Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war.

Die schlechte Nachricht: Wir haben uns von Relotius einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist. Und: Wir sind, als erste Zweifel aufkamen, viel zu langsam in die Gänge gekommen und haben Relotius' immer neuen Lügen zu lange geglaubt. In seiner Verdichtung zeichnet der Bericht da ein verheerendes Bild.

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes haben wir den Bericht für die Veröffentlichung im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE an einigen Stellen anonymisiert; überall dort, wo wir bereits in eigener Sache unter Nennung vollständiger Namen berichtet haben, tun wir dies auch hier. Auch wenn Claas Relotius seine Fälschungen mit aller Akribie vertuscht und abgesichert hat, so haben doch einige Kollegen die Verantwortung dafür übernommen, dass sein Treiben so lange unentdeckt bleiben konnte: Der zuständige Dokumentar hat den SPIEGEL auf eigenen Wunsch verlassen, zwei von Relotius' ehemaligen Vorgesetzten sind abgetreten, der eine als Ressortleiter, der andere als Chefredakteur.

Im hinteren Teil des Berichts werden exemplarisch einige Beispiele genannt, in denen nicht betrogen, aber unsauber gearbeitet wurde: indem Geschichten durch eine sehr großzügige Auslegung von Abläufen oder Fakten eine künstliche Dramaturgie eingepflanzt wurde. Dergleichen war bis zuletzt auch in anderen Redaktionen durchaus üblich, macht die Masche aber nicht legitimer - und wird bei uns nicht länger toleriert.

Wie geht es nun weiter? Wir haben dem Qualitätsjournalismus in Deutschland mit dem Fall Relotius einen gewaltigen Imageschaden zugefügt, das ist uns bewusst. Deshalb werden wir unsere Lehren daraus ziehen. Wir organisieren unsere Sicherungsmechanismen fortan so, dass sie auch nahtlos funktionieren, wir richten eine unabhängige Ombudsstelle ein, die etwaigen Hinweisen auf Ungereimtheiten nachgehen soll, und wir überarbeiten unsere Recherche-, Dokumentations- und Erzählstandards.

Die Kommission hat hierzu eine Reihe von Vorschlägen gemacht, zusätzlich arbeiten drei SPIEGEL-Teams an einem neuen journalistischen Regelwerk für unsere Marke.

Wenn all das den SPIEGEL besser macht, stellen sich die Betrügereien von Claas Relotius rückblickend betrachtet vielleicht als heilsamer Schock heraus. Der Abschlussbericht war dafür ein wichtiger Schritt, aber die Aufarbeitung geht weiter.

Thomas Hass, Geschäftsführer; Steffen Klusmann, Chefredakteur

Hier finden Sie den Abschlussbericht der Aufklärungskommission, der auch im SPIEGEL Nr. 22 vom 25. Mai 2019 erscheint:

Der Fall Relotius: Welche Texte gefälscht sind und welche nicht - hier finden Sie den Überblick.

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