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Fall Claas Relotius

Reporter täuschte Leser offenbar mit Spendenaufruf

Gegen den ehemaligen SPIEGEL-Redakteur Claas Relotius gibt es neue Vorwürfe. Er hat offenbar Leser ermuntert, Geld für Protagonisten seiner Texte zu spenden. Das Geld sei auf seinem Privatkonto gelandet.

SPIEGEL ONLINE

Relotius-Text "Königskinder" vom 9. Juli 2016 im SPIEGEL

Samstag, 22.12.2018   20:00 Uhr

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Dieser Text wurde ergänzt und aktualisiert - u.a. um ein Statement der Anwälte von Claas Relotius. Mehr dazu am Ende des Artikels.

Claas Relotius hat nicht nur große Teile seiner Texte erfunden, sondern womöglich auch Spendengelder veruntreut. Wie Leser dem SPIEGEL mitgeteilt haben, hat Relotius von seinem privaten E-Mailkonto Lesern Spendenaufrufe geschickt, um Waisenkindern in der Türkei zu helfen. Das Geld sollte auf sein Privatkonto überwiesen werden.

Wie viele Spender sich auf diesen Aufruf meldeten, wieviel Geld schließlich zusammenkam und was mit diesem Geld passierte, ist derzeit noch nicht klar. Von Relotius' Spendenaktion war der Redaktion nichts bekannt, auch sonst gibt es bislang keine Hinweise, dass sich Leser diesbezüglich an den SPIEGEL gewendet haben. Der SPIEGEL wird alle gesammelten Informationen der Staatsanwaltschaft im Rahmen einer Strafanzeige zur Verfügung stellen.

Die Spenden wurden anlässlich der Geschichte "Königskinder" überwiesen, die in Ausgabe 28/2016 (9. Juli) im SPIEGEL erschien und von einem syrischen Geschwisterpaar handelte, das als Waisenkinder in der Türkei auf der Straße lebt. Inzwischen steht die Richtigkeit des Textes in Zweifel. Der SPIEGEL stützt sich auf Aussagen des türkischen Magnum-Fotografen Emin Özmen, der Relotius bei der Recherche zu diesem Text zeitweise begleitete und eines der Kinder namens Ahmed fotografierte.

Ihm zufolge habe Relotius die Biografie des Jungen gefälscht und stark dramatisiert. So hätte Ahmed nicht, wie in dem Relotius-Text angegeben, seine Mutter begraben. Diese lebe noch und arbeite in einem Möbelgeschäft in Gaziantep. Die von Relotius beschriebene Schwester Alin, die als Schwarzarbeiterin in einer Textilfabrik arbeiten soll, kennt Özmen nicht, Ahmed habe keine Schwester auf die die Beschreibung zutrifft. Womöglich ist die Person der Schwester komplett erfunden. Dies wird derzeit vom SPIEGEL geprüft.

Den Ausgang seiner Spendenaktion hat Relotius selbst in einem kürzlich erschienenen Reporter-Sammelband namens "Wellen schlagen" fortgeschrieben. Darin berichtet er, dass er in mühevoller, monatelanger Arbeit die Kinder zu einer Ärztefamilie nach Niedersachsen habe bringen können, die die beiden adoptiert habe. Dabei handelt es sich offenbar ebenfalls um eine Fiktion. Relotius ist derzeit für aktuelle Stellungnahmen nicht erreichbar.

Nachtrag: Mit Datum vom 27.12.2018 hat Claas Relotius über seine Anwaltskanzlei die obigen Vorwürfe im Wesentlichen eingeräumt. Er macht geltend, die Spenden nicht selbst vereinnahmt zu haben und dies auch nicht beabsichtigt zu haben. Vielmehr habe er das bei SPIEGEL-Lesern privat eingesammelte Geld - es handele sich um über 7000 Euro - auf 9000 Euro aufgestockt und für einen anderen guten Zweck verwendet. Den Wortlaut der Pressemitteilung finden Sie hier:

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Weiterer Nachtrag: Die Diakonie Katastrophenhilfe bestätigte auf Anfrage am 28. Dezember 2018 den Eingang einer Spende von Relotius in Höhe von 9000 Euro. Sie sei im Oktober 2016 überwiesen worden, so eine Sprecherin. Das Geld sei zeitnah verwendet worden. Es sei einem Gemeindezentrum im Nordirak zugute gekommen, das sich um vertriebene Kinder aus dem Irak und Syrien kümmert.

Aufklärung und Transparenz stehen im Vordergrund. Die von Relotius verfassten Artikel bleiben deshalb auch bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

red

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