Fall Lübcke Hass ausblenden - eine deutsche Tradition

Walter Lübcke wurde mutmaßlich von einem Rechtsextremen ermordet. Dass jetzt über Gefahr von rechts gesprochen wird, ist gut, richtig und wichtig - aber wie das getan wird, darüber müssen wir reden.

Innenminister Seehofer (links), Verfassungsschutzchef Haldenwang: Sprachliche Auffälligkeiten
CLEMENS BILAN/ EPA-EFE/ REX

Innenminister Seehofer (links), Verfassungsschutzchef Haldenwang: Sprachliche Auffälligkeiten

Eine Kolumne von


Manchmal sind es schon kleine, sprachliche Auffälligkeiten, die unangenehm sind. Schön zu hören, wenn Innenminister Horst Seehofer sagt, die Tat müsse mit Nachdruck aufgeklärt werden. Haltung, Zivilcourage, "alle Register ziehen bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus", alles gut - aber wenn Seehofer dabei in einem knapp achtminütigen Interview in zwei von drei Erwähnungen den Namen seines ermordeten Kollegen als "Lübecke" ausspricht, kann man sich schon fragen, wie gründlich er sich mit der Sache beschäftigt.

Eine andere Auffälligkeit ist erstmal auch nur sprachlich, legt aber typische Denkmuster offen: In vielen Beiträgen zum Mordfall Lübcke ist zu lesen, dass der CDU-Politiker sterben musste, weil er sich für die Rechte von Geflüchteten eingesetzt hat. In der "Süddeutschen" hieß es etwa, dass "der Politiker Walter Lübcke sterben musste, weil er für eine humane Flüchtlingspolitik warb". Davon muss man aber gar nicht sterben. Lübcke ist nicht an seinen politischen Überzeugungen gestorben, sondern durch die Waffe eines Rechtsextremen. "Marwa el-Sherbini starb, weil sie ein Kopftuch trug", twitterte der "Tagesspiegel" zum zehnten Todestag der Ermordeten. Nein, auch an Kopftüchern stirbt man nicht. El-Sherbini starb, weil der Mann, der sie zuvor rassistisch beleidigt hatte, sie im Gerichtsgebäude erstach.

Das mag erstmal kleinlich wirken, aber solche Formulierungen stehen in einer weit verbreiteten Tradition, Hass dort auszublenden, wo man ihn lieber nicht wahrhaben will. Würde man sich in Deutschland häufiger ins Gedächtnis rufen, wie viele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten von Rassisten und Rechtsextremen angegriffen wurden, müsste man viel mehr trauern, schrieb Mely Kiyak vor Kurzem: "Offenbar ist das Eingeständnis, dass man als Volk in seiner Vergangenheit bereit war, sich nicht nur täuschen zu lassen, sondern eifrig und 'mit Lust' mitzumachen, so schambehaftet, dass man jeden Gedanken, der dahin führen könnte, unterbinden muss. Und vielleicht (...) liegt in der strikten Weigerung oder Unfähigkeit zu trauern, der verzweifelte Versuch, einen Umweg um diese Erinnerung zu machen."

Wertvolle Sendezeit für Hetze und Lügen

Wie sehr kann man der Aufarbeitung des Falls Lübcke trauen, wenn es für Redaktionen verlockender scheint, AfD-Politiker in Talkrunden einzuladen als etwa die Menschen, die schon seit langem immer wieder von Rechtsextremen bedroht werden? Natürlich muss man die AfD in die Verantwortung nehmen. Ihre Mitglieder hetzen immer wieder gegen Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen, der Tatverdächtige im Fall Lübcke soll nach Unterlagen der "taz" der AfD Geld gespendet haben, ein AfD-Mitglied im bayerischen Landtag hielt es nicht für nötig zu Lübckes Gedenken aufzustehen.

Gleichzeitig ist aber klar, dass jede Runde im Radio oder Fernsehen, zu der ein AfD-Mitglied eingeladen ist, wertvolle Sendezeit dafür aufwendet, dem Ausweichen, der Hetze und den Lügen dieser Partei zu begegnen, und bisweilen wirken die Moderatoren dabei, als gäbe es hier einen Preis namens "der goldene Steigbügelhalter" zu gewinnen.

Man weiß inzwischen ohnehin sehr genau, was AfD-Politiker in solchen Runden sagen: Sie erwähnen einige Sekunden lang, dass sie Gewalt verurteilen und reden dann den Rest der Zeit darüber, dass sie selbst Opfer sind und Linksextremismus ja auch schlimm ist. Die anderen Teilnehmenden der Talkrunde sind dann damit beschäftigt, diese Propaganda auseinanderzunehmen - oder auch nicht -, Arno Frank hat das am Beispiel von "hart aber fair" analysiert: "so sehr sie sich an ihm abarbeiten, umso mehr Redezeit bekommt er - um sich zu erklären."

Grenzen des Sagbaren haben sich nicht verschoben

Diese Redezeit könnten aber auch Betroffene von Hass und Drohungen bekommen: People of Color, Muslim*innen, Menschen mit Migrationshintergrund, Journalist*innen, Politiker*innen, die sich gegen rechts engagieren: Menschen, die unter Rassismus und Rechtsextremismus leiden, weil er ihnen tagtäglich begegnet. Wie geht es ihnen, in einem Land, in dem Polizisten unter dem Verdacht stehen, einer türkischstämmigen Anwältin Drohschreiben geschickt zu haben, unterzeichnet mit "NSU 2.0"? In einem Land, in dem Akten des NSU-Prozesses auf Jahre verschlossen werden? In einem Land, in dem berichtet wird, dass Mitglieder der mutmaßlich rechtsextremen Vereinigung "Nordkreuz" (der sich auch Personen aus dem Umfeld von Bundeswehr und Polizei angeschlossen haben sollen) geplant haben sollen, 200 Leichensäcke zu bestellen?

Wie sehr vertrauen sie auf die Sicherheitsbehörden, wenn der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Deutschland in Gefahr - warum wir unsere Sicherheit verteidigen müssen" davon spricht, dass er vor 30 Jahren nicht CDU-Mitglied geworden ist, "damit heute 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen"?

Es müssten mehr Menschen gehört werden

Seit Rechtspopulist*innen und Rechtsextreme in Deutschland wieder stärkeren Aufwind haben, ist immer wieder davon die Rede, dass ihre menschenfeindlichen Äußerungen irgendwie neu sind: So etwas war vor Kurzem noch nicht sagbar, heißt es dann. Die Grenzen des Sagbaren hätten sich verschoben. Nur: Es stimmt nicht. Es war nur für viele nicht hörbar, weil sie nicht darauf geachtet haben.

Wer Menschen mit Migrationshintergrund zuhört, wer People of Color glaubt, wenn sie von ihren tagtäglichen Erfahrungen berichten, wer sich mit Menschen unterhält, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, bekommt mit, dass rassistische Äußerungen hier schon lange "sagbar" sind. Der Mord an Walter Lübcke sei ein "Angriff auf uns alle", heißt es heute immer wieder. Wer es damit ernst meint, müsste dasselbe bei jedem rassistischen oder rechtsextremen Angriff sagen, aber dazu müssten mehr Menschen gehört werden, die im aktuellen Diskurs noch kaum vorkommen.



insgesamt 81 Beiträge
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SigismundRuestig 02.07.2019
1. Endlich Nägel mit Köpfen machen
Was mir so zum rechten Mord an Walter Lübcke durch den Kopf geht: Hat sich der Ex-Verfassungsschutz-Präsident Maaßen schon ungefragt zu Wort gemeldet? Rechtsextremisten können auf keinen Fall verdächtig sein! Wenn, dann muss es sich um Linksextremisten handeln, die sich als Rechtsextremisten getarnt haben! Chemnitzer Muster sozusagen! Woher Maaßen das so genau weiß? Waren etwa wieder Mitarbeiter des Verfassungsschutz zufällig am Tatort? Leider hat Maaßen diesmal bei der Frage zur politischen Herkunft des Mörders die Gelegenheit zu einer weiteren Falschdarstellung verstreichen lassen. Immerhin verdreht er in seiner Erwiderung auf AKKs AfD-Zusammenarbeits-Ausschluss wieder einmal die Fakten, was wirklich Sorge um unsere Demokrstie rechtfertigt! Und kaum sind 4 Wochen seit dem Mord vergangen und Klagen über den "blinden rechten Fleck" auf der Landkarte unserer Sicherheitsbehörden werden - selbst aus der Union - lauter, meldet sich Maaßen doch noch zu Wort: er habe als ehemaliger Präsident des Verfassungsschutzes alles richtig gemacht! Alles? NSU, NSA, Chemnitz, ... Und wenn etwas schiefgelauden ist, hätten daran die Linken Schuld!? Realistischer: Ah, ok. Nur wieder ein mordender Rechtsextremer. Nicht aus auszudenken, wenn das ein Linker oder Migrant, möglicherweise noch mit salafistischem Hintergrund, gewesen wäre... Immerhin müssen wir uns dann nicht das übliche Terror-Panik-Geschwafel interessierter Law-and-Order-Lobbyisten wie Wendt anhören, oder erwarten, dass Seehofer, Kretschmer (der hätte Profilierung ja nötig), Herrmann, Gauland oder Spendenmädel Weidel jetzt wieder härtere Strafen, mehr Polizeistaatsbefugnisse und schärfere Gesetze fordern. Ein bisschen Entrüstung muss in diesem Fall reichen! Stattdessen fordert Spendenmädel Weidel eine strenge Verfolgung der deutschen, in Italien festgesetzten Kapitänin des Flüchtlings-Rettungsschiffes Sea-Watch 3! So besorgt ist die AfD um Deutsche, wenn es darauf ankommt! Und AfD/PEGIDA/Identitären-Anhänger und sonstige Verirrte äußern klammheimlich "Respekt über den Gnadenschuss"! Pfui! Undeutsch! Im übrigen, wäre es nicht angebracht endlich auch die Brandstifter und Wegbereiter solcher Rechts-Terroristen mit aller Härte des Gesetzes zu verfolgen, die mit Ihren Anti-Flüchtlings-Parolen - "bis zur letzten Patrone" gegen illegale Migration kämpfen", "Herrschaft des Unrechts", etc. - möglicherweise den einen oder anderen anstacheln, jetzt tätig zu werden? Und noch etwas: Hatte nicht der selbsternannte "C"SU Revolutionsführer Dobrindt Anfang 2018 eine konservative Revolution ausgerufen, um Deutschland weiter nach rechts zu rücken? Ist er dabei evtl. erfolgreicher als bei der "C"SU-Ausländer-Maut? Alles zusammengefasst: die Gefahr in Deutschland für unsere Demokratie steht rechts, wie auch der aktuelle Verfassungsschutzbericht dokumentiert!
berther 02.07.2019
2. Ich fürchte...
... dass euere humanistische Tradition euch zwingt, solange zu warten, bis ein mutmaßlicher Rechtsradikaler euch mit einem Baseballschläger attakiert, weil er glaubt, ihr hättet einen Migrationshintergrund. Freiheit ist ein wertvolles Gut und ist es wert, verteidigt zu werden. Da ihr alle eure Freiheit nie erkämpfen musstet, ist sie euch möglicherweise nichts wert. Selbst schuld.
Hardy50 02.07.2019
3. Danke
... für diesen Weckruf an uns alle, die wir uns zunehmend an die (nicht nur verbale) Rechtsverschiebung zu gewöhnen scheinen. Jeder von uns kann und muss in der öffentlichen und privaten Debatte lernen Stoppzeichen zu setzen.
FIFA87 02.07.2019
4.
"Gleichzeitig ist aber klar, dass jede Runde im Radio oder Fernsehen, zu der ein AfD-Mitglied eingeladen ist, wertvolle Sendezeit dafür aufwendet, dem Ausweichen, der Hetze und den Lügen dieser Partei zu begegnen, und bisweilen wirken die Moderatoren dabei, als gäbe es hier einen Preis namens "der goldene Steigbügelhalter" zu gewinnen....Diese Redezeit könnten aber auch Betroffene von Hass und Drohungen bekommen: People of Color, Muslim*innen, Menschen mit Migrationshintergrund, Journalist*innen, Politiker*innen, die sich gegen rechts engagieren". Ja, Frau Stokowski, man könnte AfD Politiker generell aus Talkshows ausschliessen, und nur noch aufrechte Kämpfer/innen gegen Rechts einladen: Das wäre aber recht schnell langweilig. Und keiner würde das dann noch sehen wollen. Daher: Zur Vielfalt gehören auch Leute mit Meinungen, die nicht dem jeweiligen Mainstream (oder hier der von Ihnen) entsprechen. Das macht diese Diskussionen kontrovers, und am Ende kann sich jeder Zuschauer seine Meinung bilden. Auch über das WIE, wie gesprochen wird
w.o. 02.07.2019
5.
Sehr gut argumentiert, aber, wie zahlreiche Beiträge in anderen Foren zeigen, vermutlich für die Katz'. Das wollen viele nicht hören und dieses Interesse leitet deren Erkenntnisfähigkeit. Sie werden es nicht verstehen und trotzdem oder gerade deswegen dagegen polemisieren (oder weil sie immer gegen diese Kolumnistin sind).
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