Sibylle Berg

Gegen Faschismus Damit die Angst der Einzelnen zum Mut der Masse wird

Faschist*innen erlangen wieder mehr Macht. Und die Mehrheit guckt zu, macht Witze und versucht, zu verstehen. Nun scheint der Moment der Gegenwehr fast verpasst. Es wird Zeit, Kollektive zu bilden.
Foto: Christoph Hetzmannseder/ Getty Images

Was läuft da draußen eigentlich? Ein Trainingslager für Ressourcen-Endkämpfe? Gibt es einen Plan, der die Halbierung der Weltbevölkerung beinhaltet, und wenn nicht - was ist los? Statt sich der Rettung von Insekten, Tieren, dem Klima und allem, was der Mensch noch so versenkt hat, zu widmen, sind die Menschen, die den absurden Wunsch haben, den Planeten zu reparieren, erst mal damit beschäftigt, die Demokratie zu erhalten, um eventuell dann die Welt zu reparieren.

WTF

Als ob es nichts Besseres zu tun gäbe, machen überall Faschist*innen und andere Dummköpfe, was man als Toastbrot eben so tut: Bullshit. Dagegen sein. Holocaust leugnen. Stunk, Hetze, Morden. Die Faszination, mit der eine Mehrheit dem idiotischen Spektakel zugesehen hat, (O -Ton: "Wow, das geht ja ab wie '33") sollte langsam in Ekel umgeschlagen sein. Und Wut.

Die kreischende, rechtsradiakle Vulgarität, inspiriert von Politiker*innen, hat ein Level erreicht, das unerträglich für jeden emphatischen Menschen geworden ist. Gefühlt hat die breite Mehrheit, die freundliche Mitte der schweigenden Bürger*innen, in den vergangenen drei Jahren nichts anderes getan, als Menschen mit rassistischen, frauenfeindlichen, nationalistischen Krankheiten zu verstehen. Es wurden 29112 Bücher über Rassismus, Faschismus, Abgehängte, gedemütigte Männer, vergessene Berufe, Hirnschäden durch das Begreifen der eigenen Unwichtigkeit geschrieben und 228103932727 Artikel über den behutsamen Umgang mit Faschist*innen, Therapien für Gedemütigte, und Aufregung darüber, dass Faschist*innen Faschist*innenzeug machen.

Die Menschen durchlebten Dauererregung

Der Großteil der Menschen durchlebte eine Dauererregung: Ein Mensch mit Sozialisationsproblemen ließ einen Furz, und die gesamte Presse und das gesamte Netz erregten sich zwei Tage darüber, bis der nächste Idiot einen Furz ließ. Die Botschaft von diesen Menschen, die nationalistische, rassistische, minderheiten- und frauenfeindliche Krankheiten haben, ist, dass sie das, was ihnen fremd ist, hassen - sich selber eingeschlossen.

Was hat die Mehrheit gegen diese Minderheit gemacht, um zu verhindern, dass sie eine Mehrheit wird? Gepostet. Geschrieben. Diskutiert. Mach ich ja auch. Aber: Nun scheint der Zeitpunkt der Gegenwehr fast verpasst und hat Panik Platz gemacht. Menschen, die auf Todeslisten stehen, die Hass und Drohmails nicht mehr ertragen, denken darüber nach wegzugehen, und wissen nicht wohin.

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Und so treiben die immer weiter wuchernden Verbindungen rechter, rechtsradikaler, rechtskonservativer Vereine die Abschaffung der Demokratie voran. Sie arbeiten mit Gehirnwäsche, Einschüchterung, Gewalt, Todesandrohung, Morden - und ja, es ist ernst.

Die Reden von Trump und Storch, die Verkleidungen von Salvini - immer ein guter Fundus, um sich lustig zu machen. Dieser Tucholsky-Moment wird aber nicht helfen. Humor wird nicht helfen. Viele kleine Bewegungen und Aktionen werden nicht helfen. Die Nationalfaschist*innen haben finanzstarke Freund*innen und hatten lange Zeit, sich zu finden, zu vernetzen, zu wachsen und stark zu werden. Sie haben ein klares Ziel: eine Neuordnung des Systems.

Es scheint, als bettele der Mensch um sein Aussterben

Dagegen ist nichts zu sagen, aber ist es für die Mehrheit sinnvoll, dass das Neue einfach nur das Alte in noch kapitalistischer und diktatorischer sein soll? Während die Mehrheit sich aufregt, Angst hat, die Koffer packt, diskutiert, Artikel wie diesen hier schreibt, kaufen Extreme Leichensäcke. Freuen sich die neoliberalen Kräfte im Hintergrund über die wunderbare Diktatur, die weder Klimaschutz noch überbordenden Sozialstaat, weder Querulanten, Randgruppen noch Frauen vorsieht, die den Männern knapper werdende Arbeitsplätze streitig machen.

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Die Situation weltweit ist absurd: Es scheint, als bettle der Mensch um sein Aussterben. Es ist noch Zeit. Solange es noch demokratische Prozesse gibt, hilft es noch, laut und aktiv zu werden. Die Regierung mit massivem Protest unter Druck zu setzen, damit die bestehenden Gesetze gegen Verhetzung, Belästigung, Holocaustleugnung auch wirklich konsequent angewendet werden

Und: Bildet Banden!

Wirkungsvoll wäre es, träten Millionen jener, die als erste auf der faschistischen Entsorgungsliste stehen, in Parteien ein, die ihnen zusagen. In "Die Partei" oder die Piratenpartei, die Grünen, die Reste der SPD oder eine feministische Ökopartei. Organisiert euch in Gewerkschaften und in Hackerkollektiven. Oder bildet die größte und schönste Gruppe schlechthin: die Demokrat*innen.

Damit die Angst der Einzelnen zum Mut der Masse wird. Und niemand, der jetzt einer Randgruppe angehört, der dem Bild eines strammen, blonden Deutschen nicht entspricht, der sich gegen Brutalität und Rassismus ausspricht, sein zu Hause verlassen muss - und sei es im Moment auch bloß gedanklich.

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