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11. August 2018, 12:05 Uhr

Fashion-Guerilla

Achtung, das Kopftuch kommt!

Eine Kolumne von

Modekonzerne erklären das Kopftuch zum Must-have im Kleiderschrank. Das Haartextil wird zum Symbol für modische Avantgarde. Vielleicht entspannt sich dann endlich auch unser Umgang damit.

Meine neue Lieblingszeitschrift ist ein Modemagazin und heißt "Grazia". Eigentlich hatte ich das Klatschheft gekauft, weil ich am Strand "Kopfyoga" machen wollte: keine politischen Themen - nur Fashion-Trends, Beautyprodukte und Neuigkeiten von Stars. Doch dann musste ich feststellen, dass es darin alles andere als unpolitisch zugeht.

Zwischen Anzeigen für teure Handtaschen und Uhren las ich Texte über Sexismus, geflüchtete Frauen und Klassenkampf - und, unfassbar, über die Lust aufs Verhüllen. Unter der Überschrift "Hot-Stories. Kopftuchdebatte: Ist dieser Fashion-Trend etwa ein heikles Thema?" wird eine Grazia-Autorin persönlich. Ihre Eltern stammten aus dem Kosovo, erklärt Marigona Sulejmani, sie selbst trage kein Kopftuch, aber sie finde es schön, und außerdem sei es ab jetzt wieder trendy. "Für mich gehört ein Kopftuch in erster Linie zur Style-Religion."

Ich lerne: Nicht nur Modegiganten wie Gucci und Versace haben bereits gemusterte Foulards in ihren Kollektionen, auch deutsche Label führen die Kopfbedeckung als "Retro-Accessoire" für den Sommer 2019 ein. Etwas Recherche im Internet bestätigt den Trend. Die Zeitschrift "Glamour" bietet sogar ein "Hair-Tutorial" an: "Schnell & einfach: Kopftuchbinden im Turban-Style".

Während muslimisch anmutende Hipsterbärte langsam wieder out sind, kommt nun also das Kopftuch groß raus. Geblümt oder gestreift, glänzend oder matt, Gucci oder H&M - Hidschab ist das neue Heute. Kopftuch ist Punk. Wer sich rebellisch kleiden will, trägt funky Foulard überm Haar. Kaum ein Stoff provoziert mehr. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis der Schleierlook von der Mode als rebellisches It-Piece wiederentdeckt wird.

Das Phänomen dürften aber nicht alle "funky" finden. Oft bekomme ich von selbsternannten Islam-Experten E-Mails, in denen steht: "Das Kopftuch ist nicht nur ein Zeichen für die Unterdrückung der Frau, sondern auch ein Zeichen für den politischen Islam. Und Sie machen Scherze darüber!" Bierernst müsse man das nehmen. Dazu viele Ausrufezeichen. Dass es Musliminnen gibt, die es freiwillig und gern tragen - unmöglich! Dass der Ruf nach einem Kopftuchverbot ebenfalls Bevormundung ist - kein Argument! Für die verkrampften Zeitgenossen, die ihre Muslimenhetze als "Kritik" bezeichnen, steht das Kopftuch für alles Übel im Land - den Untergang, die Unterwerfung und so weiter.

Wenn sich der vermaledeite Schleier nun als Modezusatz durchsetzt, wird es schwer für die Anti-Kopftuch-Liga. Was tun, wenn nicht mehr unter jedem Tuch garantiert eine Ideologie steckt? Wie soll man sich zurechtfinden, wenn es erst heißt: finde die unterdrückte Muslimin? Heimatministerium hilf!

Aber mal im Ernst: Wenn politische Alltagskoordinaten wie "Kopftuch gleich Muslime" flöten gehen, kann man das beunruhigend finden und Panik schieben. Oder man atmet tief durch und sieht es locker. Mal sehen, was passiert, wenn Frauen Kopftücher statt Wollmützen oder Strohhüte tragen. Vermutlich nichts.

Modeguerilla gibt es schon lange

Der Fashionvorfall beweist: Mode hilft uns nicht zuverlässig, uns zu orientieren. Das hat sie aber auch noch nie, denn der treulosen Industrie ist nichts heilig.

Und nun also Modeguerilla mit Kopftuch. Die findet übrigens auch längst unter Musliminnen selbst statt: Manche tragen kein Tuch, andere tragen es als modisches oder rebellisches Statement. Sie kombinieren es mit Lederjacke und engen Jeans und bloggen darüber. Wie jedes andere modische Stück ist es außerdem keine Entscheidung fürs Leben: Mal trägt man es eine Weile, dann wieder nicht.

Das beobachtet auch der Dortmunder Lehrer Mansour Seddiqzai bei seinen Schülerinnen: "Vielleicht wird das Kopftuch muslimischer Mädchen bald nur ein modisches Accessoire mit komplizierter Geschichte sein", schrieb er vor Kurzem in der Wochenzeitung "Die Zeit". Noch sei die Metamorphose "zu einem weltlichen Kleidungsstück" aber nicht abgeschlossen. Noch habe das Tuch in Deutschland vor allem "eine patriarchale Bedeutung".

Wer weiß, wie lange noch. Vielleicht denken wir nächstes Jahr mehr an Riviera-Look und Audrey Hepburn statt an Islamisierung und Umvolkung. Möglich ist alles. "Die Macht der Mode ist enorm", lese ich am Strand in der "Grazia". Politische Avantgarde im Fashionformat. Herrlich.

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