Fassbinder-Skandalstück Zentralrat der Juden protestiert gegen Aufführung

In Deutschland gilt es als Skandalstück, manche betrachten es als antisemitisches Machwerk - Rainer Werner Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" wurde hierzulande nie aufgeführt. Der Mülheimer Regisseur Roberto Ciulli will das nun ändern - und sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt.
Regisseur Fassbinder: Schablonenhafte Charaktere?

Regisseur Fassbinder: Schablonenhafte Charaktere?

Foto: A2585 Frank Leonhardt/ dpa

Mülheim an der Ruhr/Düsseldorf/Hamburg - Ein bereits mehrere Jahrzehnte immer wieder mal hart geführter Kulturkampf droht erneut auszubrechen. Die geplante Aufführung des umstrittenen Stücks "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder stößt auf scharfe Kritik der jüdischen Gemeinschaft. Das Werk soll am 1. Oktober im Mülheimer Theater an der Ruhr gezeigt werden - es wäre die erste Aufführung in Deutschland.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Jüdische Gemeinde Duisburg/Mülheim forderten Roberto Ciulli, Leiter des renommierten Hauses, am Donnerstag auf, das Stück nicht aufzuführen. Das Theater sollte "aus Respekt vor den wenigen Überlebenden des Holocaust und den Millionen von Toten auf die Aufführung verzichten", hieß es in einer der Nachrichtenagentur dpa vorliegenden Erklärung.

Kritiker werfen dem 1975 entstandenen Werk über einen Frankfurter jüdischen Häuserspekulanten antisemitische Tendenzen vor. Die geplante Uraufführung des 1975 entstandenen Skandalstücks scheiterte schon 1985 an erbitterten Protesten von Demonstranten. Auch eine 1998 geplante Aufführung am Maxim-Gorki-Theater in Berlin kam nicht zustande. Uraufgeführt wurde das Stück in New York 1987, auch in Tel Aviv wurde es gespielt.

Den Vorwurf einer reflexartigen Ablehnung der Aufführung kann man den jetzigen Kritikern jedenfalls nicht so einfach machen. Sowohl Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats, wie auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Jacques Marx, hatten am Dienstag mit Ciulli und dem Dramaturgen Helmut Schäfer ein Gespräch über das Stück geführt. Zudem hätten sie das Angebot angenommen, einer der Proben beizuwohnen.

"Übliche Klischees"

Was Kramer und Marx dort zu hören und sehen bekommen haben, hat sie aber offenbar alles andere als überzeugt. Regisseur Ciulli sei mit dem Versuch gescheitert, dem Stück von Rainer Werner Fassbinder eine "aufklärerische Zielsetzung zu verleihen, die den Antisemitismus entlarvt und damit bekämpft", ließen sie wissen.

"Das Fassbinder-Stück stellt Charaktere schablonenhaft und mit den üblichen Klischees behaftet dar", sagte Kramer. Trotz aller Bemühungen des Regisseurs, das Gegenteil zu bewirken, bleibe der Zuschauer mit dem "Bild eines reichen, raffgierigen und zerstörerischen Juden zurück, der sein Werk noch dazu auf dem Fundament des Schuldvorwurfs gegen Deutschland vor dem Hintergrund des Holocausts heimtückisch verrichtet".

Warum Ciulli ausgerechnet mit diesem Stück einen Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus leisten wolle, bleibe das Geheimnis des Regisseurs, sagte Kramer. Zudem habe das Werk zu "einem der größten Kulturkämpfe" in der deutschen Nachkriegsgeschichte geführt.

Der für sein humanitäres Engagement und künstlerisches Schaffen vielfach ausgezeichnete Ciulli will das umstrittene Stück in einen Abend mit drei Werken Fassbinders einbetten.

tdo/dpa