Feinstaub-Debatte Platz da - Bonanza!

Wo der Feinstaub dräut, ist der autofreie Sonntag nicht weit. Mögen die Politiker beim Thema Autoabstinenz noch auf die Bremse treten: Eine kollektive Fahrpause hätte die schönsten Folgen - zum Beispiel die Rückkehr des Bonanza-Rads.

Von Antonia Götsch


Kultobjekt Bonanza-Rad: Ideal für die Tour in die Vergangenheit
www.bonanzarad.de

Kultobjekt Bonanza-Rad: Ideal für die Tour in die Vergangenheit

Berlin - "Ich sitze auf der Stange des Hollandrades meines Vaters und wir kurven über die große Umgehungsstraße rund um Oldenburg". Der Komiker Wigald Boning war 1973 gerade mal sechs Jahre alt, doch an den 25. November erinnert er sich genau: Er und sein Vater in der Abenddämmerung, die breite Straße, die Stille.

Fast jeder, der älter als 40 Jahre ist, hat zum ersten autofreien Sonntag in der Geschichte der Bundesrepublik ein Bild oder Ereignis im Kopf: Versprengte Spaziergänger auf der Autobahn, spontane Straßenfeste, der gemeinsame Familienausflug mit dem Rad. Im Zuge der Ölkrise mussten private Motorfahrzeuge in der Garage bleiben. Die Bundesregierung verhängte auch an den drei folgenden Sonntagen ein Fahrverbot, doch so schön wie beim ersten Mal wurde es nicht mehr: Ausflugslokale servierten an diesem Tag verbilligte Menüs, die Taxen blieben überraschend ungenutzt, Kindercliquen zogen mit flatternden Wimpeln auf ihren Bonanzarädern durch die Innenstädte.

Der 25. November 1973 war ein grauer, wolkenverhangener Tag. Trotzdem pumpten sich die Deutschen die Lungen begeistert mit Frischluft voll. Rückblickend erscheinen die Fernsehbilder öder Autobahnknoten fast wie eine Vision, ein Sinnbild, das die Ökowelle der achtziger Jahre vorweg nimmt.

Comeback für den autofreien Sonntag

Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg am 2. Dezember 1973: Vision einer anderen Welt
DPA

Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg am 2. Dezember 1973: Vision einer anderen Welt

Die neue Feinstaubrichtlinie könnte dem autofreien Sonntag nun zu einem Comeback verhelfen. Jetzt, wo alle wissen, wie gefährlich die kleinen Schwebstoffe sind, muss plötzlich eine Lösung her. Die italienischen Nachbarn machen es vor. Ohne Murren lassen sich die Einwohner Bolognas von ihrem Bürgermeister zur Zwangsruhe verdonnern.

Zunächst haben allerdings nur Politiker aus der zweiten Reihe laut über ein Sonntagsfahrverbot nachgedacht. Autokanzler Schröder signalisierte sofort: keine Aufregung. Er sei gegen Fahrverbote, schließlich will die SPD eine Wahl gewinnen. Selbst Jürgen Trittin zögert vor dem Griff in die "Mottenkiste".

Dabei sind Revivals modern. Die siebziger Retro-Shows im Fernsehen gab es schon, warum nicht auch eine Wiederholung des motorfreien Happenings? Fernsehmoderator Boning fordert "mindestens drei autofreie Sonntage hintereinander, denn ich wünsche vielen Leuten, dieses schöne Erlebnis".

Bonanza-Rad-Schaltung: In die Gänge kommen mit Nostalgie
www.bonanzarad.de

Bonanza-Rad-Schaltung: In die Gänge kommen mit Nostalgie

Die Empfehlung des Komikers trifft die Stimmung im Lande: Seit den ersten Klagen von Anwohnern gegen die stark feinstaubbelasteten Städte Berlin und München, taucht die Idee eines Fahrverbotes immer wieder auf. Der große Aufschrei der Interessenverbände ist bisher allerdings ausgeblieben. Selbst die Boulevard-Blätter vernachlässigen das Lieblingskind PKW und schlagen "Feinstaub-Alarm". Auf der Titelseite der "Bild-Zeitung" vom Donnerstag wird die flächendeckende Einführung von Einbahnstraßen als "sensationelle Lösung" gepriesen.

Mit dem Bonanzarad über die Autobahn

Einen Tag lang autofrei? Eigentlich war das doch ganz schön. Kinder eroberten 1973 mehrspurige Straßen auf den Bananensätteln ihrer Bonanzaräder. Die neu gewonnene Freiheit passte perfekt zum Image des Tretchoppers. Straße frei für die leichtgewichtigen Easyrider!

Auf den Internetseiten angegrauter Bonanzaradfans wird dem 25. November noch heute ein Denkmal gesetzt. Der Zeitungsbericht über Radeln auf der Autobahn ist gleich neben einer Anzeige für Kabafit-Kakao verewigt. So wird die Ölkrise Kult - wie Schlaghose, Wickie der Wikinger und Carrerabahn. Ein Kölner Nostalgieradler schwärmt: "Ich bin damals mit der ganzen Clique durch die Kölner Innenstadt gefahren. Die Bonanzaräder waren unsere Pferde".

Die leeren Straßen wurden am 25. November zur Prärie der Babyboomer. Die Generation, die heute die Republik dominiert, war 1973 zu jung, um die Sorgen der Erwachsenen zu teilen, aber alt genug, die Außergewöhnlichkeit dieser Tage aufzunehmen.

Komiker Boning: Fahrspaß in Oldenburg
DDP

Komiker Boning: Fahrspaß in Oldenburg

Keine Nörgelei, sondern "eine Art Luftschutzkeller-Solidarität" beschreibt der SPIEGEL in seiner damaligen Ausgabe. Die autofreie Zeit machte kreativ: Arbeiter gründeten in diesen Tagen Fahrgemeinschaften, Hobbytüftler ersannen außergewöhnliche Rasenmäher-Gefährte, und Beamte saßen eingehüllt in warme Decken im Büro, um Heizkosten zu sparen. Die Deutschen rückten zusammen - der Feind kam von außen. Im Zuge des verlorenen Jom-Kippur-Krieges hatten die arabischen ölexportierenden Länder ihre Produktion gedrosselt und Boykotte gegen israelfreundliche Staaten verhängt. An deutschen Tankstellen kletterte der Benzinpreis von 70 auf 90 Pfennig. Der SPIEGEL fragte besorgt auf der Titelzeile: "Pro Liter eine Mark?"

Small is beautiful

Effektiv wurde am autofreien Sonntag 1973 kaum Benzin gespart. In den Köpfen hat der kollektive Verzicht hingegen ein neues Bewusstsein geschaffen. Nicht nur die ökologische Bewegung erhielt durch die Energiekrise und den autofreien Sonntag Auftrieb. Auf einen Schlag wurde deutlich, dass der Wohlstand des Landes vom Strom arabischen Öls abhing. Der ein Jahr vor der Krise veröffentlichte Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums wurde aus der Schublade geholt und mit Interesse studiert. Plötzlich kamen spritsparende Autos und Slogans wie "Small Is Beautiful" in Mode. Um die Abhängigkeit von den arabischen Importen zu verringern, wurde die neue Atomenergie unter Bundeskanzler Helmut Schmidt massiv gefördert. Ein Projekt, aus dem die rot-grüne Regierung gut 30 Jahre später aussteigen will.

Dämpfer für Autofahrer: Bonanza-Rad-Federung
www.bonanzarad.de

Dämpfer für Autofahrer: Bonanza-Rad-Federung

Gegen die Feinstaubbelastung werden kurzfristige Fahrverbote wenig bewirken, aber einen Tag verordnete Langsamkeit könnten die Großstädte auch im Jahr 2005 gut vertragen. Wer wünscht sich nicht, dass die Uhren abseits motorisierter Hektik einmal langsamer gehen? Der autofreie Sonntag könnte als symbolischer Akt "zum Kommunikationsraum zwischen Stadtverwaltung und Bürgern werden". So wünscht sich das zumindest die grüne Vorkämpferin für das Sonntagsfahrverbot, Franziska Eichstädt-Bohlig. Eingefleischte PKW-Fahrer könnten an einem solchen Tag den öffentlichen Nahverkehr beschnuppern. Im besten Falle mit Unterstützung eines Beraters am Automaten, stellt sich die Bundestagsabgeordnete vor.

Oder doch lieber das Fahrrad aus dem Keller holen? Die Bonanzaradfahrer in Köln würden bei einer Neuauflage des autofreien Sonntags sofort ein Jahrestreffen einberufen. Vielleicht schreit gar keiner, wenn er kommt, der leise Sonntag.



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