Carline Mohr

Soziale Netzwerke Warum ich gestern einen Wutanfall hatte und jetzt "offiziell" Feministin bin

Was für eine Woche: Felix Baumgartner twittert sexistisch, der Frauengipfel ist Anlass, über Blümchenkleider zu schwafeln, und das Alter von Brigitte Macron ist ein ganz großes Thema. Das reicht jetzt.

Warum ich mich denn so aufregen würde, fragte mich gestern jemand, als ich mich bei Twitter über Blumenkleider und ältere Ehefrauen aufregte. Weil wir im Jahr 2017 leben und meine Timeline trotzdem vollgepackt ist mit bewusstem und unbewusstem Alltagsseximsus. Das muss doch nicht sein. Hier ein kleiner Ausschnitt aus den vergangenen drei Tagen. Die damit endeten, dass ich meine Kurzbiografie bei Twitter angepasst habe. Ich bin jetzt "offiziell" Feministin. Wurde auch Zeit.

24. April: Die österreichische Journalistin Corinna Milborn muss sich gegen Sportler Felix Baumgartner wehren . Sie hatte eine Unterwäschewerbung kritisiert, Baumgartner fand: "bei der Figur auch kein Wunder". Sexismuskritik mit Sexismus kontern. Brillant. Baumgartner jedenfalls findet es "grenzwertig, ja fast pervers", ihm Sexismus zu unterstellen. Sexisten, die sich nicht sexistisch finden, sind übrigens eines der größten Probleme im Sexismus.

24. April: Kim Kardashian. Wer sich aufreizend kleidet, muss sich nicht wundern, wenn er überfallen wird. Sagt die Zeitung "Österreich". Und wer einen kurzen Rock trägt, ist vermutlich selbst schuld, wenn er vergewaltigt wird. Das nennt man Victim Blaming : die Schuld beim Opfer suchen. Eine wiederkehrende Mechanik, vor allem bei den Themen Rape Culture und Rassismus. Indiskutabel.

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24. April: "Flinkster" wollte wohl mal ganz flippig und witzig sein. Frau freut sich, weil sie Geld spart und damit Schuhe kaufen kann. Ein harmloses Klischee? Nein, es steckt mehr dahinter. Frauen lieben Schuhe und Männer Autos. Frauen sind weich und Männer hart. Frauen können besser reden, Männer besser logisch denken. Frauen sind nicht gut in Mathe und Männer nicht so gut mit Menschen. Deshalb kriegen Männer auch andere Jobs, in denen sie mehr Geld verdienen. Und die Frau bleibt dann zu Hause, sie kann ja eh viel besser mit Haushalt und Kindern und so. Jedem Klischee folgt ein weiteres und stärkt die gesamtgesellschaftliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Lasst das einfach.

Ein Mann aus Brandenburg vergewaltigt eine Frau . Obwohl sie Nein sagt. Er klemmt ihren Kopf zwischen die Metallstäbe des Bettes und vergewaltigt sie. Vier Stunden lang. Die Richterin spricht ihn frei. Die sexuellen Handlungen "seien zwar nicht im Sinne des Opfers gewesen und der Angeklagte habe sie sich mit Gewalt genommen. Doch der 23-Jährige habe wahrscheinlich nicht gewusst, was er seiner Bekannten antat" so die Urteilsbegründung. Was für ein bitteres Signal an alle Opfer von Gewalt.

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25. April: Nochmal Kim Kardashian. Sie ist eine ganz normale Frau, stellt stern.de überrascht fest. Hurra. Und warum ist Kim eine ganz normale Frau? Weil sie Cellulite hat. "Beruhigend" findet das stern.de. Also, erstens: Die Form eines Oberschenkels ist kein Maßstab für die Normalität einer Frau. Und zwar völlig egal, wie dieser Schenkel aussieht. Zweitens: Beruhigend?! Man kann nur jemanden beruhigen, der besorgt ist. Also geht man wohl davon aus, dass jede Frau mit Cellulite besorgt sein sollte. Drittens: Überraschung?! Man ist also überrascht, weil man nicht damit gerechnet hatte, dass Cellulite und Schönheit zusammenpassen können. Für diese Erkenntnis musste erst Kim Kardashian über den Strand hüpfen. So ein bigotter Scheiß.

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25. April: Betrifft nicht nur "Focus Online", betrifft nicht nur gestern. Aber die Aufregung über das Alter von Brigitte Macron nervt mich. Warum? Weil bei einer deutlich älteren Ehefrau mehr gestaunt und gelästert und analysiert wird als bei einem deutlich älteren Ehemann. Es ärgert mich, weil dem die Annahme zu Grunde liegt, dass Frauen jung und schön sein müssen, um für einen Mann begehrenswert zu sein.

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26. April: Auf der W-20-Konferenz in Berlin tragen Ivanka Trump, Christine Lagarde und Máxima der Niederlande Kleider mit Blumen. Frau kann also mächtig sein UND Blumenkleider tragen, freut sich die "Süddeutsche". Fairerweise sei gesagt: Die Stilkritik der "Süddeutschen" beschäftigt sich auch mit der Mode von männlichen Spitzenpolitikern, zum Beispiel hier  und hier . Ich habe mich trotzdem über den Teaser bei Facebook geärgert. Seit wann müssen Frauen keine Hosenanzüge mehr tragen? Wann wurde das beschlossen? Von wem? Wird uns das noch offiziell mitgeteilt, damit alle Bescheid wissen? Was, wenn Frauen gerne Hosenanzüge tragen MÖCHTEN? Und: Wäre es nicht schön, wenn wir gar nicht mehr über Blumenkleider sprechen würden, sondern nur noch über das, was die Frauen gesagt haben? Ansonsten ist die Stilkritik übrigens ganz witzig  und weist darauf hin, dass die bloße Existenz des "Women 20 Summit" der Beleg dafür ist, dass die Emanzipation eher noch nicht vollendet ist.

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26. April: Und dann war da noch Angela Merkel, die bei der W-20-Konferenz in Berlin gefragt wurde, ob sie Feministin sei. Sie hat nicht so richtig Ja gesagt. Zwischen ihr und der Geschichte des Feminismus gebe es "Gemeinsamkeiten und Unterschiede". Ja, so ist das. Wie mit den meisten Dingen im Leben. Manchmal muss man sich das für das große Ganze entscheiden. Merkel ist schließlich auch Christdemokratin. Obwohl es da, sagen wir, durchaus Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt. Jedenfalls habe ich gestern meine Biografie bei Twitter  geändert. Warum? Darum.

Herzlich, eure Feministin Carline