Feminismus-Debatte Durch schick und dünn

4. Teil: Kritische Sexyness


So gehört es heute zum Klischee der Siebziger-Jahre-Feministin, dass sie – nach herrschenden Normen – unattraktiv ist. Und diejenigen Frauen, die heute das Prinzip der Gleichheit im Feld der Ökonomie und Politik alltäglich leben, die Businessfrauen und Politikerinnen, benutzen die modische Strategie der Camouflage: Wer in der Männerwelt mitspielen will, muss sich selbst symbolisch als Mann tarnen, mit Zweiteilern in Grau und mit Bügelfalte – und die Ratgeberspalten der Zeitschriften geben Tipps, wie frau mittels Kostümschnitt und Lippenstift ein Quantum Weiblichkeit im Outfit retten kann, ohne anzuecken.

Früh haben bestimmte Strömungen des Feminismus den Versuchen, im politischen Kampf vom weiblichen Körper zu abstrahieren, vehement widersprochen. Vor allem die französischen Theoretikerinnen der Differenz wie Hélène Cixous und Luce Irigaray versuchten, gerade die spezifischen Merkmale der weiblichen Natur wertzuschätzen und zu argumentieren, dass Frauen anders sind. Sie liefen damit zwar nicht mehr Gefahr, den weiblichen Körper schlicht zu ignorieren, rutschten dafür aber gelegentlich in die Esoterik ab und schlossen weibliche Identität wieder allzu simpel mit dem Körper kurz.

So hat es seine Logik, wenn verschiedene avantgardistische Strömungen im Feminismus den weiblichen Körper als möglichst künstlich, das Geschlecht als konstruiert interpretieren wollten. Der Mensch ist nicht, was seine Biologie ihm vorschreibt – er handelt, er verhält sich, er agiert und erschafft erst dadurch seine geschlechtliche Identität, kurz Gender. Der Drag King und die Drag Queen, die Transsexuellen, sie alle haben uns gelehrt, dass die sexuelle Identität sich eben nicht automatisch von den Chromosomen und den primären und sekundären Geschlechtsorganen ableitet, sondern dass sie ein soziales Spiel ist, deren Regeln geändert werden können. Und Donna Haraway mit ihrer Theoretisierung des Cyborg-Feminismus hat die These, dass Biologie kein Schicksal ist, mit der Utopie vom befreiten Prothesen- und Roboterkörper kurzgeschlossen.

Von diesen theoretischen Avantgarden führt durchaus ein Weg zu den avancierten Techniken, mit denen eine Frau heute ihr Gesicht, ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Schenkel verändern lassen kann. Wenn die Botschaft der plastischen Chirurgie lautet, dass Frauen alles sein können, was sie wollen – wenn sie sogar lautet, dass Männer Frauen sein können und Frauen Männer, oder auch irgendetwas dazwischen –, dann bedeutet das nicht zuletzt, dass es unmöglich wird, Individuen auf bestimmte Geschlechterrollen festzuschreiben.

Genau dieses Freiheitsversprechen macht die Schönheitschirurgie zu Geld, wenn sie ihre Dienste als Hilfe zur Selbstverwirklichung verkauft. Sie entspricht dabei dem, was ihre Kundinnen selbst als Motiv angeben. Wie bei allen Maßnahmen zur Verschönerung des Körpers, vom Schminken angefangen, geben Frauen, die sich operieren lassen, nicht in erster Linie als Grund an, dass andere – Männer, die Umwelt – es von ihnen erwarten: Sie tun es "für sich selbst". Das kann man vielleicht sogar so sehen: Den eigenen Körper mit den Schönheitsnormen der Gesellschaft, in der man lebt, in Einklang zu bringen, verspricht Konfliktreduktion, verspricht Befriedigung durch Anerkennung. Dass eine Schönheitsoperation aber nicht automatisch glücklicher macht, darauf könnte nicht zuletzt die vom Tempo erwähnte erhöhte Suizidrate bei Frauen mit Brustimplantaten sprechen. Doch wer sollte sich anmaßen, der einzelnen silikonverstärkten Frau ihre Entscheidung vorzuwerfen?

Kritische Sexyness

Der so genannte Dritte-Welle-Feminismus von heute ist, wie die amerikanische Autorin Leora Tanenbaum kürzlich schrieb, ein "Feminismus mit dem Lippenstift": ein Feminismus, der sich vom lustfeindlichen Image der Vorgängerinnen der sechziger und siebziger Jahre – der "Zweiten Welle", bewusst absetzt, der kokett betont, dass es durchaus möglich ist, Feministin zu sein und sexy im Sinne der heterosexuellen Konvention. Eigentlich ist dies ja eine Selbstverständlichkeit: Selbstbewusstsein wirkt schließlich bei allen Geschlechtern attraktiv. Doch noch wirkt der Lippenstift in der Hand einer Feministin manchmal wie eine Trotzgeste in Richtung der ungeschminkten Müttergeneration. Das Trauma des Kampf- und Mannweibes sitzt tief: Auch deutschen Autorinnen wie Thea Dorn merkt man die Anstrengung an, trotz feministischer Forderungen nicht als humorlos zu gelten und vor allem nicht als unattraktiv.

Doch eigentlich souverän wird ein zeitgemäßer Feminismus erst dann, wenn er sich traut, kritisch zu sein, ohne dabei Angst zu haben, als Spaßbremse zu gelten. Und so sollte es auch möglich sein, die Schönheitsindustrie als das zu markieren, was sie ist: ein Business, an dem einige – vor allem einige Männer – viel Geld verdienen, eine Normierungsmaschine, die Freiheit verspricht, aber selten schenkt.

So ist auch in Bezug auf den Körper der Feminismus eine erfolgreiche Revolution mit Strickfehlern geblieben. Biologie ist längst nicht mehr Schicksal. Alle wissen, dass alles möglich ist, von queer bis kreuz. Es gibt fröhliche Drag Kings mit Holzfällerhemd und Dildo in der Hose, lesbische Paare mit per Samenspende gezeugtem Baby, eine Familienministerin mit Hochsteckfrisur und sieben Kindern. Und doch wird im gesellschaftlichen Mainstream mit seinem Überangebot an sexualisierten Frauenkörpern, mit seinen allgegenwärtigen Silikon-Starlets, mit seinen ultradünnen Role Models, die Normierung des weiblichen Körpers immer gnadenloser. Unsere Bäuche gehören uns. Aber jetzt tragen wir sie zum Chirurgen, zum Fettabsaugen.


Elke Buhr, geboren 1971, ist Kritikerin und Autorin für die Frankfurter Rundschau sowie verschiedene andere Printmedien und Radiosender. Sie lebt in Berlin.



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