Margarete Stokowski

Feminismus Ein Blumenstrauß voller Einwände

Immer wieder kommt die Frage auf: Ist es nicht mal gut mit dem Begriff des "Feminismus"? Ideologisch, überholt, unpräzise. Sieben Einwände gegen die Idee, das Wort habe ausgedient.

Eine der häufigsten Fragen, die ich in den vergangenen Jahren beantwortet habe, geht so: "Warum nennt ihr es immer noch Feminismus?" Viele der Diskussionen, die Feministinnen und Feministen führen, drehen sich um Begriffe. Das ist nicht unbedingt schlecht, denn Sprache ist wichtig. Immer wieder geht es um die Idee, dass es langsam Zeit wäre, den Begriff des Feminismus aufzugeben: ihn entweder abzuschaffen oder zu ersetzen.

Zur Einstimmung auf den Frauentag gibt es heute sieben Varianten dieser Idee - und Einwände darauf.

1. "Feminismus kommt von 'femina' und das heißt 'Frau', also ist er nur für Frauen da."

Das klingt für die meisten Leute erst mal sinnvoll. Es stimmt, dass der Feminismus als Frauenbewegung angefangen hat. Aber das heißt nicht, dass er sich so auch zu Ende bringen lässt. Es geht schon rein logisch nicht: Wenn sich alle Frauen der Welt emanzipieren, von Rollenbildern und Unterdrückung befreien, müssen sich Männer mitverändern - das tun sie sowieso die ganze Zeit schon. Und sei es nur - ähem - indem sie lernen, wo die Waschmaschine angeht. Während es zu Beginn des Feminismus hauptsächlich darum ging, dass Frauen endlich auch all die Rechte haben wollten, die bis dahin Männern vorbehalten waren - wählen und gewählt werden, studieren, Geld verdienen, ein Konto haben und so weiter - geht es heute oft um Dinge, die sich nicht an Gesetzen festmachen lassen, sondern an alltäglichem Verhalten. Und weil Alltag nun mal oft zwischen Leuten verschiedenen Geschlechts passiert, sind alle mitbetroffen.

2. "Dann sucht doch einen neuen Namen, wenn es nicht mehr nur um Frauen geht!"

Könnte man machen. Es gibt mindestens drei Gründe, die dagegen sprechen:

  • Faulheit, oder als Fachbegriff: Pragmatismus. Ein Label zu finden, ist eine anstrengende Sache. Deswegen gibt es Reinigungen, die "McHemd" heißen. Ein gutes Ersatzlabel für "Feminismus" wäre "Bewegung für gleiche Rechte und Freiheiten unabhängig von Geschlecht, Sexualität und Körper" - wenn das nur nicht so lang wäre. Wir brauchen etwas Kürzeres. Aber wenn am Ende "-ismus" steht, wird sich trotzdem jemand beschweren und sagen, das sei eine Ideologie. (Wie, na ja, Alkoholismus, Journalismus, Zynismus.)
  • Kontinuität und Dankbarkeit. Es ist längst nicht alles erreicht, was Feministinnen vorheriger Generationen angefangen haben, und es wäre sowohl dumm als auch unhöflich, so zu tun, als würden wir heute etwas komplett anderes machen.
  • Ablenkung. Ein besserer Name macht die Sache nicht einfacher, denn letztlich geht es nicht darum, wie wir es nennen, sondern dass wir es tun. Niemand gibt gerne Macht ab, deswegen wird es sowieso anstrengend, egal unter welchem Namen. Bei anderen Bewegungen machen Leute auch mit, obwohl der Name nicht hundertprozentig passt. Zum Beispiel habe ich noch nie gehört, dass jemand der Anti-Atom-Bewegung vorgeworfen hätte, sie sei gegen Atome, und in Wirklichkeit seien wir ja wohl alle aus Atomen und deswegen sei die Anti-Atom-Bewegung gegen Menschen.

3. "Nennt es doch Humanismus statt Feminismus, dann gilt es wirklich für alle."

Ein sehr guter Einwand, ich höre ihn mir jedes Mal mit Interesse an, ernsthaft. Leider ist es so, dass der Begriff des Humanismus überhaupt nicht klarer ist als der des Feminismus: Man kann dabei an eine historische Epoche denken, an eine Art von Schule, wo man Altgriechisch lernt - und das wird beides nicht gemeint sein. Oder an eine Haltung, was Menschsein bedeutet. Wenn jemand darüber mehr sagen kann, als "es hat irgendwie mit Menschenwürde und Menschenrechten zu tun", dann wird es interessant, aber eben nur, wenn. Seltene Fälle. Ich fände Anarchismus sinnvoller als Humanismus, aber auch das erklärt sich nicht von allein.

4. "Ist es nicht einfach, gesunder Menschenverstand zu sagen, Leute sollen halt gleichberechtigt sein, egal welches Geschlecht sie haben?"

Ich wünschte, es wäre so.

5. "In Wirklichkeit sind Frauen heute längst mächtiger."

Gedanken dieser Sorte gibt es schon sehr lange. Oft gilt dabei die Macht der Frau als etwas Indirektes: Frauen können Männer um den Finger wickeln und so weiter, "Waffen einer Frau", "erotisches Kapital". Dann ist "weibliche Macht" leider nur etwas, was die eigentlich Mächtigen - Männer - ein bisschen manipulieren kann. Bisschen wenig. Oder es ist schlicht Bullshit, der irgendwas schönreden soll. In der deutschen Ausgabe von Betty Friedans "Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau" von 1970 stand in einer Anzeige für Wertpapiere: "Das meiste Geld geht durch die Hande der Frauen. In sieben von zehn bundesdeutschen Haushalten verwaltet die Frau das gesamte Familieneinkommen; der Mann behalt hochstens ein Taschengeld fur sich." Das ist insofern eine interessante Weltsicht, als Frauen damals - bis 1977 - noch nicht mal arbeiten gehen durften, wenn ihr Mann fand, dass dies nicht "mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" sei. Irgendwie lässt sich alles schönfärben, aber irgendwie lässt es sich auch durchschauen.

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Stokowski, Margarete

Untenrum frei

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 256
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6. "Ich kenne Feministinnen, die superdumme Sachen gesagt haben, deswegen nenne ich mich nicht so."

Ja, passiert. Es ist leider nicht so, dass man selbst irgendwelche magischen Einsichten oder Zauberkräfte entwickelt, sobald man sich als Feministin oder Feminist bezeichnet. Man bleibt ein Mensch, so anstrengend das ist. Emma Watson war vor ein paar Jahren von Beyoncés Brüsten verwirrt und wusste nicht, wie es zusammengehen soll mit der Tatsache, dass Beyoncé sich Feministin nennt . Inzwischen weiß auch sie, dass beides kombinierbar ist.

7. "Eigentlich fand ich die Zeit ganz gut, als Männer Frauen noch die Tür aufgehalten haben."

Die Annahme, Feminismus mache vieles komplizierter, was früher einfach und vielleicht sogar schön war, ist weit verbreitet. Aber im Fall des Türenaufhaltens stellen sich auffällig viele Leute etwas dämlich an. Menschen dürfen einander immer noch Türen aufhalten, und das geht so: Wenn ich durch eine Tür hindurch gehe und jemand anders ist hinter mir, dann halte ich der anderen Person die Tür auf, egal wer es ist. Wenn wir beide gleichzeitig vor der Tür stehen und die andere Person trägt irgendwas in den Händen oder kann aus sonstigen Gründen schlechter als ich die Tür aufmachen, dann mache ich die Tür auf. Wenn wir beide gleichzeitig vor der Tür stehen und gleich gut die Tür aufmachen könnten, dann macht die Person die Tür auf, die auf der Seite des Türgriffs steht, denn die allermeisten Türen gehen auf einer Seite auf. Vieles im Feminismus ist extrem kompliziert, aber das mit der Tür ist wirklich sehr, sehr einfach.