Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Selbstentzündende Büstenhalter

Man munkelt, Feminismus sei im Kommen. Da will man natürlich mitreden. Dumm nur, wenn man am Ende an Achselhaaren und Sorgen um die eigene Verkehrstauglichkeit hängen bleibt.

Ich habe einen Test gemacht. Der Test hieß "Sind Sie Feministin?", und ich verrate erst am Ende der Kolumne, was raus kam. Für die Spannung. Es war ein Test in der "Glamour", das ist ein Fachmagazin für Haarekämmen, Taschenkaufen, Liebemachen.

Die "Glamour" hat eine Ausgabe über "Gender-Bending" gemacht: "Von der Lust, die Welt auf den Kopf zu stellen", und die Welt ist in diesem Fall die gewohnte Geschlechterordnung innerhalb der Mode. Männer, die Spitzen- und Schluppenblusen tragen. Und Frauen, die Parfum benutzen, das nach Holz und Tabak riecht. So weit, so wild.

Ich war fast ein bisschen begeistert und saß da in meiner Jeans, die einen bekloppten Namen hat, weil sie "Boyfriend-Style" heißt, und der Name nervt mich, weil er suggeriert, dass Frauen nur sogenannte Männerkleidung tragen dürfen, wenn sie ganz sicher heterosexuell und vergeben sind und sich den Kram nur mal kurz von ihrem Freund ausleihen, und jedenfalls saß ich da in dieser Hose und blätterte und las über Transgender-Models und Agender-Abteilungen in Kaufhäusern und dachte: Jo, läuft.

Es gab sogar eine Fragerunde dazu, ob man als Feministin auf jede erdenkliche Art Sex haben darf und welche Unterwäsche man tragen darf - und berechtigterweise kam dabei raus: Machen Sie, was Sie wollen. Das ist schon bemerkenswert weit für dieses Genre von Fachzeitschrift, in dem andere noch dabei sind zu erklären, bei welcher Blowjob-Technik man als Frau die meisten Kalorien verliert .

Aber dann. Der Test. Man sollte also die Frage beantwortet kriegen, wie feministisch man denn nun ist, und es gab drei mögliche Ergebnisse, nämlich "Vollblut"-, "Halbblut"- und "Kaltblut"-Feministin. Das sollte vielleicht zum Wiehern lustig sein oder was. Nun ja. Die Beschreibung der "Vollblut"-Feministin ging so: "Sie haben noch nie einen BH verbrannt oder für Frauenrechte demonstriert - aber nur weil das andere Generationen schon erledigt haben. Alice Schwarzer ist Ihre Heldin, und Gleichberechtigung ist Ihr Lieblingsthema, auch beim Date. Bei der Instagram-Aktion #freeyourpits waren Sie natürlich dabei - und wollten allen Rasierer-Besitzerinnen die Freundschaft kündigen. Man kann aber doch auch ohne Achselhaare ein guter Mensch sein!" - Die "Halb"- und "Kaltblut"-Feministinnen unterschieden sich dadurch, dass man ihnen auch die Tür aufhalten darf, oder Blumen schenken und dass sie egoistisch sind und sich alles selbst erkämpfen, und sich im Zweifel auch ihre Diamanten selbst kaufen.

Nun ist das nur ein kleiner, blöder Test in einer Frauenzeitschrift. (Auf demselben Niveau gibt es in der aktuellen "Cosmopolitan" den Test "Welche Porno-Rolle passt zu Ihnen?" und bei mir kam raus "50 Shades of Gay".) Aber es steht für etwas, was anstrengend und traurig ist: der Abgrenzungs-Fetisch.

Es ist ein gigantisches Missverständnis. Fangen wir von hinten an. Schicken Sie die Diamanten an die Adresse im Impressum, "z.Hd. Stokowski". Es wird okay sein. Und sogar das mit den Blumen ist okay. Alle dürfen allen Blumen schenken und alle dürfen allen alle Türen aufhalten. Auch nach der feministischen Revolution. Es hat etwas mit Freundlichkeit zu tun.

Aber man kann es sich auch schwer machen. Da beschäftigt sich eine Zeitschrift ein Heft lang mit der Auflösung von Geschlechterrollen und neuen Freiheiten - und natürlich ist das Feminismus, denn es geht um Gleichberechtigung für alle Geschlechter - um dann am Ende doch festzustellen, was Feminismus eigentlich wäre, nämlich Alice Schwarzer und BH-Verbrennungen und Achselhaare.

"Man kann doch auch ohne Achselhaare ein guter Mensch sein!"

Genau das ist der Abgrenzungs-Fetisch. Es geht so viel Energie dafür drauf, sich von vermeintlich hässlich-haarigen Feministinnen abzugrenzen. Von einem dämlichen Mythos. Die Menschen verstehen heute, dass ihnen nicht automatisch Dreads wachsen, wenn sie einen Bioladen betreten, aber nicht, dass sich ihr BH nicht in derselben Sekunde selbst entzündet, in der sie sich als Feministin bezeichnen. Es hat diese ominösen BH-Verbrennungen nie gegeben. Nur sehr wenige Einzelfälle, über Jahrzehnte verstreut, sind bekannt. Sie passen aber so schön zum Bild der feministischen Furie.

Die "Cosmopolitan" stellt in ihrer aktuellen Ausgabe Frauen vor, die Comedy machen. Carolin Kebekus, Anke Engelke, Amy Schumer, Amy Poehler und andere. "Als sexy Feministinnen machen sie mit Humor auf Defizite aufmerksam", steht da. Ja, "sexy Feministinnen", das ist natürlich wichtig, das genau so zu schreiben. Als müsste man dem ekligen Wort "Feministin" noch das geile "sexy" hinzufügen, um ganz, ganz sicher zu stellen, dass es sich immer noch um fickbare Ladys handelt.

"Man kann aber doch auch ohne Achselhaare ein guter Mensch sein!", schreibt die "Glamour". Es macht mich noch nicht einmal mehr wütend, sowas zu lesen, es macht mich nur noch müde. Es soll unterhalten, aber es tötet alles ab. Achselhaare, Alter. Es ist so scheißegal, es funktioniert nicht mal mehr als Witz.

Jeder Mensch über fünfeinhalb, der kurz darüber nachdenkt, ob es der komplette Inhalt einer jahrzehnte-, ach, jahrhundertealten politischen Bewegung sein kann, festzulegen, an welchen Körperteilen Frauen Haare haben sollen, wird zu einer Antwort kommen. Die Pointe ist dieses "kurz drüber nachdenken". Too much. Denn natürlich ist es einfacher und lustiger, sich mit Kleinkack abzulenken und sich damit aufzuhalten, wie Frauen denn als Feministinnen nun aussehen sollen, als sich mit Machtfragen zu beschäftigen wie mit unbezahlter Arbeit, sexualisierter Gewalt, gerechter Bezahlung, Prostitution und Selbstbestimmung und all den komplizierten Sachen.

Man muss es ja auch nicht immer gleich Feminismus nennen, kann man sagen. Ja, kann man. Man kann Frauen und der Gleichberechtigung riesige Dienste erweisen, ohne sich Feministin zu nennen. Simone de Beauvoir sah sich, als sie 1949 "Das andere Geschlecht" veröffentlichte, nicht als Feministin - und übrigens noch nicht einmal als Frau. Trotzdem ist "Das andere Geschlecht" eines der wichtigsten feministischen Bücher. Beauvoir dachte damals noch, die Frauenfrage werde sich mit der Klassenfrage gewissermaßen nebenbei lösen. Erst viel später, gegen Ende der Sechziger Jahre wechselte Beauvoir zum "Wir", wenn sie über Frauen sprach, bezeichnete sich selbst als Feministin und wurde in der zweiten Welle der Frauenbewegung aktiv.

Umgekehrt kann man sich auch frauen- und überhaupt menschenfeindlich verhalten, wenn man sich als feministisch bezeichnet . Es ist kompliziert.

Aber sich bewusst vom Feminismus abzugrenzen, um sicherzustellen, dass man übrigens ganz sicher eine potenzielle Verkehrspartnerin ist, das ist traurig.

Apropos traurig. Ich wollte noch mein Test-Ergebnis verraten. Ich bin leider durchgefallen. Die erste Frage im Test war "Was fällt Ihnen bei dem Namen Emma ein?" Man konnte wählen zwischen drei Antworten: "Mein Lieblingsmagazin!", "Süßer Babyname", "Frauen, die ihre BHs verbrennen". Ich konnte nichts davon antworten und damit auch nicht weiter zur nächsten möglichen Frage. Mir fällt zum Namen Emma nur eine Zeitschrift ein, die ich vor Jahren mal im Abo hatte, bis sie so unerträglich wurde, dass ich kündigen musste. Ich würde meine Tochter nicht so nennen, aber ich würde sie auch nicht Brigitte oder Superillu nennen. Und der Hund von einer Bekannten, der heißt auch Emma.


Anmerkung: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, es habe niemals BH-Verbrennungen gegeben. Das ist nicht ganz richtig, in der aktualisierten Version ist diese Aussage präzisiert worden.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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