Margarete Stokowski

Feminismus und Mode Die Revolution - für nur 550 Euro

In Kaufhäusern und Boutiquen findet man immer öfter T-Shirts mit Sprüchen wie "Power to the girls" und "No more patriarchy". Ist das jetzt ein Erfolg für den Feminismus - oder nur plumpe Kommerzialisierung?
Foto: Eamonn M. McCormack/ Getty Images

Mal ein anderes Thema: Shoppen! Schön. Als Feministin hat man in diesem Frühling die Qual der Wahl. Bei H&M gibt es ein T-Shirt und einen Kapuzenpullover mit dem Aufdruck "GRL PWR". Bis vor Kurzem gab es dort ein Sweatshirt mit dem Spruch "Power to the girls", und davor Oberteile mit dem Aufdruck: "Feminism. The radical notion that women are people."

In einem Laden namens "Kauf dich glücklich" kann man eine Kollektion von T-Shirts und Beuteln kaufen, auf denen "No more patriarchy" steht oder ein Cover von Simone de Beauvoirs Buch "Das andere Geschlecht" abgebildet ist, wobei die Illustration nicht das zweibändige Buch zeigt, sondern nur "Extracts from: The Second Sex", warum zur Hölle auch immer. Und von Dior gibt es ein T-Shirt mit der Aufschrift "We should all be feminists", Baumwolle-Leinen-Gemisch, 550 Euro.

Der dämlichste Fehler an der ganzen Sache: Bei allen drei Marken finden sich besagte Klamotten nur in der Frauenabteilung. Ausgerechnet der Spruch "We should all be feminists", aber halt als "Damenmode", na toll. Was für unglaubliche Loser, denen nicht aufgefallen ist, wie lustig es wäre, auch ein paar Männerklamotten mit "No more patriarchy" oder "Power to the girls" zu bedrucken und einfach mal zu gucken, was passiert.

Aber ansonsten? Ist das gut, dass es jetzt so viel "feministische Mode" gibt?

Natürlich ist das erst mal ein Erfolg des Feminismus. Sagen wir mal so, FDP-Shirts gibt es gerade nicht überall. Auf irgendeine Art sind zumindest Teile des Feminismus im Mainstream angekommen. In den Neunzigern stand auf den T-Shirts noch "Bitch" und "Zicke" und im Vergleich dazu sind wir T-Shirt-mäßig heute weiter. Es gibt wesentlich schlimmere T-Shirt-Sprüche als "Power to the girls" und bevor jemand rumläuft mit "Ich bin schizophren - ich auch" (nie lustig gewesen) oder "Ich schmeiß hin und werd Prinzessin" (nur lustig, wenn es Sigmar Gabriel oder Frauke Petry trägt), soll er oder sie lieber ein Girl-Power-Shirt anziehen, das ist geschmacksmäßig auf jeden Fall besser.

Leute tragen das, um sich damit zu schmücken

Die einfachste Kritik, die an dieser Art von Mode geäußert wird, lautet, dass sie der feministischen Bewegung die Kraft nimmt. "Die Kommerzialisierung verniedlicht den Feminismus, raubt ihm Sinn", hieß es neulich in der "Zeit" . Das halte ich für schlicht falsch. Feminismus ist eine Haltung, und die geht nicht kaputt, weil es in irgendwelchen Läden bedruckte T-Shirts gibt. Wär etwas schwach. Es gibt Milliarden von Kleidungsstücken, auf denen "Love" steht, aber nimmt irgendwer ernsthaft an, die Wahrhaftigkeit der Liebe würde deswegen Schaden nehmen?

Ein ähnlicher Kritikpunkt ist die Feststellung, dass man durch ein T-Shirt noch nicht feministisch wird. Das stimmt. Allerdings ist das ein wirklich billiger Punkt. Sehr viele Menschen tragen T-Shirts, auf denen der Name irgendeiner angesehenen Universität steht, aber niemand glaubt, dass man durch das bloße Tragen einer solchen Klamotte einen Abschluss dieser Hochschule erlangt oder auch nur an ihr immatrikuliert wäre. Leute tragen das, um sich damit zu schmücken.

An dieser Stelle könnte man sagen: Fein, da hat der Feminismus es doch weit gebracht, wenn er ähnlich cool ist wie die Liebe oder die Uni in Berkeley. Stimmt auch. Allerdings funktioniert Schmuck über Distinktion, und die Sprüche stehen deswegen auf den T-Shirts, weil sie einen Tick umstrittener sind als "nach Regen kommt Sonnenschein" oder "Wasser kocht bei hundert Grad". Und vor allem sind T-Shirts eben Produkte und als solche haben sie etwas mit Produktionsbedingungen und Profit zu tun, und spätestens ab da wird es kompliziert und bisweilen unversöhnlich.

550 Euro für ein weißes T-Shirt mit etwas Schrift

Kleidung mit feministischen Sprüchen oder Bildern ist an sich überhaupt kein Problem, aber wenn jemand tatsächlich die Dreistigkeit besitzt, Dior 550 Euro für ein weißes T-Shirt mit etwas Schrift zuzustecken, anstatt das offensichtlich locker sitzende Geld auf direktem Wege Frauen zukommen zu lassen, die es brauchen, dann ist das natürlich komplett falsch. (Dior spendet einen Teil der Einnahmen dieser T-Shirts, schrieb die "Vogue" , aber das macht die Sache nur besser, wenn es 99 Prozent der Einnahmen sind.)

Und wenn ein Konzern wie H&M "Girl Power" auf Kleidung drucken lässt, dann ist das ein gigantisches Problem, weil der Erfolg von H&M unter anderem darauf beruht, die Arbeitskraft von Frauen hemmungslos auszubeuten. "Feminism"-Shirts, die zu einem Stundenlohn von 17 Cent genäht sind , von Arbeiterinnen oder Arbeitern, die keine Kranken- oder Sozialversicherung und keine Vereinigung haben, sind so sinnlos und zynisch wie in Zwangsarbeit genähte Flaggen, auf denen "Freiheit" steht.

Die "Asia Floor Wage Alliance", ein Bündnis von Gewerkschaften und ArbeitsrechtaktivistInnen, hat 2016 einen Bericht vorgelegt , für den 251 Menschen interviewt wurden, die für H&M nähen. Ergebnis: Sexuelle Belästigung ist an der Tagesordnung, Gewerkschaftsbildung kaum möglich und Schwangeren wird oft direkt gekündigt . Das war schon nach den Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, die nach dem Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik vor vier Jahren von einigen Textilunternehmen veranlasst wurden. Capitalism - die radikale Feststellung, dass manche Leben eben doch nichts wert sind.

"Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen." 170 Jahre, nachdem das Kommunistische Manifest geschrieben wurde, ist das einzig Unaktuelle an diesem Satz das "muß" mit ß.

Revolutionsgelüste sind nichts Schlechtes

Den Versuch, Profit zu schlagen aus einer Aufladung mit politischen Symbolen und Revolutionsästhetik, gibt es natürlich nicht nur mit feministischen Botschaften. Autos, Uhren und Yoga-Kurse werden als "revolutionär" verkauft, der Ikea-Family-Newsletter (warum hab ich den?) bewirbt "2 neue Kollektionen für den Rebellen in dir!", Alnatura erklärt mir "Revolution beginnt auf dem Teller. Und im Glas!" und meint damit grüne Smoothies, und "The Body Shop" wirbt für eine neue Produktserie mit einem Plakat, auf dem steht "Make love not war". Das muss man erst mal bringen, einen Slogan aus der Antikriegsbewegung als Werbespruch für eine Mandelmilch-Lotion zu benutzen, aber den Kapitalismus stört das nicht. Sogar die Berliner Sparkasse macht mit und schreibt: "Mein Private Banking ist PUNK*" (der Stern steht für "persönlich, unkonventionell, natürlich, kosmopolitisch", wobei ich "natürlich" am lustigsten finde).

Alles daran ist albern, aber es ist albern für die Firmen und ihre Werbung und nicht für das, was sie versuchen zu bemühen.

Denn Revolutionsgelüste sind nichts Schlechtes. Und wer es ernst mit ihnen meint, lässt sie nicht durch ein T-Shirt befriedigen. Nur manchmal scheitert die schöne neue Moderevolution auch an sehr praktischen Gründen. Die Autorin Giulia Becker schrieb  zur oben erwähnten "Kauf dich glücklich"-Kollektion, dass sie die Simone-de-Beauvoir-Shirts leider nicht tragen kann, weil es sie nur in Größen gibt, die ihr alle zu klein sind: "Bitte immer schön freche Sprüche auf T-Shirts drucken, dass alle Frauen toll sind und wir zusammenhalten müssen. Ich lese das immer so gern an meinen schlanken Freunden."

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