Hannah Pilarczyk

Feminismus-Debatte Erstkontakt mit der Gegenwart

Eine "Welt"-Redakteurin wurde über Twitter angefeindet, weil sie kritisch über Feminismus geschrieben hat. Darüber kann nur erstaunt sein, wer sich weder mit dem Netz noch mit dem Feminismus auskennt.

Die "Welt"-Redakteurin Ronja von Rönne ist auf Twitter angefeindet worden. Das hat der Feuilletonchef der Zeitung, Andreas Rosenfelder, in einem Text in der Sonntagsausgabe thematisiert, der auch online verfügbar ist.  Unter dem Titel "Wie man Sachen mit Wörtern macht" fragt er danach, ob sich Online-Kommentatoren bewusst sind, welche Gewalt auch von Worten ausgehen kann.

Rosenfelder bezieht sich hauptsächlich auf einen mittlerweile gelöschten Tweet des Frankfurter "Antifa-Pfarrers" Hans-Christoph Stoodt. Mit Bezug auf einen Debattenbeitrag Rönnes zum Feminismus sowie zu ihrer Nominierung für den Bachmann-Preis soll er getwittert haben: "#Feminismus ist etwas für Unterprivilegierte. Adel ist was für die Laterne. Ça irá, #BachmannPreis, ça irá, von Rönne!" Ça irá, wörtlich "Das wird gehen", ist der Beginn eines Kampfliedes aus der Französischen Revolution.

Eine unhaltbare Äußerung, keine Frage.

Doch wer Rönnes Texte kennt, ist von solchen Reaktionen womöglich nicht überrascht. In ihren Artikeln teilt sie gegen all jene aus, die angeblich aus eigener Anstrengung ihr eigenes Lebensglück nicht gebacken kriegen. Psychische Krankheiten werden zu persönlichen Schwächen erklärt, gesellschaftliche Ungleichheiten zu faulen Ausreden. Das Ressentiment ersetzt die Analyse.

In einem Text über psychische Erkrankungen  macht sie sich beispielsweise über eine Freundin lustig, die wegen einer Borderline-Diagnose in die Psychatrie eingewiesen wurde. Die Freundin leide an den Zumutungen des modernen Lebens statt an einer tatsächlichen Krankheit.

"Während unseres Spaziergangs zitiert Cara den Wikipedia-Eintrag ihrer Borderline-Diagnose", schreibt Rönne. "Früher hat sie Oscar Wilde zitiert. 'Fehlen eines klaren Ich-Identitätsgefühls, chronische Gefühle von Leere und Langeweile.' Sie nervt mich, die Sonne blendet mich, es ist ein schöner Tag: 'Du hast heftige Stimmungsschwankungen vergessen, Darling.'"

In einem Debattenbeitrag über Feminismus  mit der Überschrift "Warum mich Feminismus anekelt" mokiert sie sich über Solidarität unter Frauen:

"'Aber du musst doch mal an die anderen denken!', flötet mir der Feminismus zu. 'All die alleinerziehenden Mütter, all die Frauen, die immer noch unterbezahlt werden.' Das irritiert mich. Früher hat sich der Feminismus doch durchgesetzt, weil die Frauen, die mürrisch auf die Straße gingen, selbst betroffen waren. Sie kämpften nicht für eine obskure dritte Instanz, sondern für sich selbst. Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden, nur noch Symptom einer Empörungskultur, die sich fester an die Idee der Gleichheit klammert als jedes kommunistische Regime."

Radikal aus Langeweile

Geschieht es Rönne also recht, im Netz bedroht zu werden? Natürlich nicht - und schon gar nicht, wenn man es mit dem vermeintlich ekelhaften Feminismus ernst meint. An Gewaltandrohungen gegen Frauen sind nicht Frauen schuld, egal, welchen Unsinn sie medial verbreiten. Schließlich gibt es viele angemessene Formen, um auf Unsinn zu reagieren: verspotten, karikieren, kritisieren, ignorieren.

Für Letzteres hatten wir uns bei SPIEGEL ONLINE entschieden, als die "Welt" vor einigen Wochen mit einer Artikelserie begann, die als selbstgewählten Anlass hatte: "Die Feminismusdebatte ist langweilig geworden. Wir wollen das mit Radikalpositionen verändern." Aus Langeweile lässt man sich bekanntlich zu dummen Dingen hinreißen, und zu denen zählt fraglos die Feminismusdebatte der "Welt".

In keinem der Texte ist ein nennenswerter Beitrag zu aktuellen Gender-Fragen zu erkennen - weil die Texte gar nicht erst um Anschluss an aktuelle Debatten bemüht sind. Nirgendwo wird Bezug auf zeitgenössische Autor*innen und Aktivist*innen wie Laurie Penny, Caitlin Moran, Roxane Gay oder Jack Halberstam genommen. Nirgendwo werden ihre Argumentationen einer kritischen Analyse unterzogen oder Ansätze weiterentwickelt. So entsteht eine intellektuelle Blase, deren Hülle immer undurchdringlicher wird, je mehr man die Pseudodebatte mit Texten, Tweets und Kommentaren weiterführt.

Doch ausgerechnet der Tweet des "Antifa-Pfarrers" scheint nun die Blase der "Welt" zum Platzen gebracht zu haben. Worte können verletzen! Geschlechterfragen werden im Netz hitzig debattiert! Online wird besonders gegen Frauen gehetzt!

Man kann der "Welt" nur zu ihrem Erstkontakt mit der Gegenwart gratulieren - und ihr versichern, dass der Aufprall eigentlich ganz sanft war. Denn im Vergleich zu den brutalen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, die Aktivist*innen wie Anita Sarkeesian (die sich gegen Sexismus in Computerspielen engagiert) oder Caroline Criado-Perez (die sich für einen neuen britischen Geldschein mit Jane Austens Porträt eingesetzt hat) erhalten haben, wirkt "Ça irá" nachgerade bildungsbürgerlich-elegant.

Nun, liebe "Welt"-Kollegen, ist euch weiterhin noch langweilig angesichts der Feminismusdebatte? Nein? Gut so, dann kann es ja endlich losgehen mit der echten Debatte. Wir freuen uns.

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