Männer, Frauen und die Zukunft Wir brauchen neue Vordenkerinnen

Das Chaos ist feminin, die Ordnung maskulin - solche wirren Thesen sind gerade wieder schwer en vogue. Dabei sollte es eigentlich doch gar nicht schwer sein, gerechte Bedingungen für alle zu schaffen.

Demonstration für Frauenrechte
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Demonstration für Frauenrechte

Eine Kolumne von


Viele Männer hassen Frauen. Sie haben es so gelernt. Von ihren Vätern, ihren religiösen Schriften, ihren Großvätern, Führern, Politikern. Sie hassen, was ihnen schwach scheint, unterlegen, unperfekt - mit den seltsamen Öffnungen, aus denen es blutet und tropft. Und begehren es doch, und das macht sie ganz irre, so etwas zu begehren, ganz dumm zu werden deswegen, und ja sicher, das wäre wieder die Stelle, mir mitzuteilen, dass mich ja wohl sicher keiner begehren würde, denn viele Männer teilen Frauen gerne mit, dass sie sie nicht begehren und die meisten Frauen, ich muss es sagen, don't give a fuck. Was wiederum viele Männer sich nicht vorstellen können, denn Frauen sind Körper, die durch die Straßen wackeln, um begattet zu werden, zu empfangen, zu gebären, zu kochen und auf die Schnauze zu bekommen, falls sie auch noch reden.

Gefühlte sieben Millionen Magazin- und Zeitschriftenseiten widmen sich gerade Jordan Peterson, mit Berichten, in denen jüngere oder ältere Journalisten ihre Bewunderung schwer verbergen können. Peterson, der mit der Einteilung der Welt in männliche und weibliche Ordnungsprinzipien (Chaos ist feminin, Ordnung maskulin) und mit unsicheren Männern (da laufen Frauen unbegleitet auf den Straßen herum) gerade richtig schön Geld verdient. Wie super.

Er gibt den Ratlosen (sie laufen immer noch auf den Straßen rum, und jetzt reden sie) Ruhe und Kraft, mischt Psychologie mit politischen Thesen, die Bibel mit Motivationstraining und bestätigt, was wir alle schon immer wussten: Männer sind für irgendwas gut, Frauen auch, und wenn eines seinen Platz verlässt, explodiert das Universum. Die Thesen sind nicht neu, man findet sie in diversen religiösen Schriften, in der Werbung, in Filmen, Büchern, politischen Parolen und in Kneipen. Genauso finden sich Tausende Theorien von intelligenten weiblichen Autorinnen, Philosophinnen und Denkerinnen, die Männern aufgrund ihrer psychisch labilen Disposition die Unfähigkeit, leitende Positionen auszuüben, bestätigen.

Die einen also finden ihren Platz als bevorzugtes Geschlecht im turbokapitalistischen Weltlauf nicht mehr, die anderen hatten ihn noch nie inne, sie sind es gewöhnt, als minderwertige Lebewesen betrachtet zu werden. Von Gesetzen, Männern, die Gesetze geschrieben haben und von sich selber, darum machen sie lieber gleich das, was sie vermeintlich gut können: heiraten oder auch nicht und Kinder bekommen, was meistens bedeutet - sich aus der kapitalistischen Nahrungskette auf einen der Endplätze zu verabschieden. Unendlich ermüdend und langweilig.

Herr Peterson mit seinen Variationen immer gleicher anbiedernder bullshittiger Schlichtheit. Ermüdend der Kampf der Frauen, die Wut der Frauen, die, statt die Welt retten zu können, dafür kämpfen müssen, überhaupt als dem Mann gleichwertiges Leben wahrgenommen zu werden. Dieser Irrsinn. Die Spezies, die sich selber zerfleischt. Die einen, die Frauen, die leider eine Revolution gegen die anderen, Männer, führen müssen, damit sich der einfachste Grundsatz - wir sind Menschen, wir unterscheiden uns von unserer Gehirnleistung nicht, alle angeblichen Unterschiede in Aufbau und Funktion dieses Organs sind manipulativer Schwachsinn - in der Lebensrealität niederschlägt.

Wir sind Menschen und unser aller Feinde sollten die sein, die unsere Lebensgrundlage fressen, den Planeten ruinieren. Unsere Feinde sollten die Gier und die Dummheit, zu glauben, alles wäre für ewig, sein. Wir Milliarden Schafe, die wir uns ablenken lassen mit Feindschaften und Kriegen, die immer aus höheren Interessen der Manipulation von einer führenden Kaste initiiert werden, und ich rede nicht von Echsen, sondern von denen, die das Kapital besitzen, die ländergroßen Firmen, ihren politischen Vollstreckern, ihren Trumps und Putins, ihren Petersons und Sarrazins, die die Masse beschäftigt halten. Ablenken. Aufeinander hetzen. Nichts wäre einfacher, als von der Krippe an Gleichberechtigung zu lehren.

Gerechte Bedingungen für alle Geschlechter zu schaffen. In zwei Generationen wären die Geschlechterkriege vergessen, die Hetze gegen Menschen mit einer anderen Hautfarbe als der pinkfarbenen dito. Was die Welt bräuchte, und zwar unsere Welt, die der sozialen Medien mit ihrem Hass, und den Kämpfen und Mühseligkeiten und nicht die Welt derer, die davon noch nie gehört haben, wären neue VordenkerInnen. Die keine Traktate gegen eine andere Sklavengruppe schreiben, sondern versuchen, was noch nie gelungen ist - alle zu vereinen. Das scheinbar Unmögliche. Den im Menschen angelegten Hang zu Grausamkeit und Hass nicht zu aktivieren, sondern das Bewusstsein zu stärken, dass ohne uns Milliarden das ganze idiotische System kollabieren würde. Schöne Utopie. Auch nicht neu. Passiert auch schon, bringt aber keinen Vorteil.

Die meisten Menschen sind zu leicht zu manipulieren. Sie ordnen sich immer der bessergestellten Bevölkerungsgruppe unter. Den scheinbaren Gewinnern, und sie verachten die, die angenommen unter ihnen befindlich sind, die Minderheiten, die Frauen, die finanziell schlechter Gestellten. So geht es weiter. Und beschert einigen wenigen auf der Welt eine freundliche Ruhe.

insgesamt 125 Beiträge
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Vogel VT 27.10.2018
1. Statt wichtiger Themen
soll banaler und völlig durchgeknallter aber natürlich immer politisch korrekt dargestellter Genderblödsinn das Thema der Diskussion sein. Ein Schelm, wer Böses darin sieht.
luna09 27.10.2018
2. Familie ermüdend und langweilig?
Mir als junger Frau tut dieser Artikel fast schon weh. Was sollen solche Kommentare á la "Darum machen sie lieber gleich das, was sie vermeintlich gut können: heiraten oder auch nicht und Kinder bekommen [...] Unendlich ermüdend und langweilig"? Ich möchte heiraten und Kinder bekommen und finde es weder ermüdend noch langweilig, wenn man der Familie in seinem Leben einen hohen Stellenwert einräumt. Nicht jede Frau empfindet die Ehe und Kinder zu bekommen als Zeichen ihrer Unterdrückung und Schwäche, für mich zählt beides zu den schönsten Sachen im Leben, weil ich es mit Liebe verbinde, wohingegen ich auf einen oberen Platz in der "kapitalistischen Nahrungskette" gut und gerne verzichten kann, es gibt Wichtigeres im Leben. Ich finde es seltsam, wie Männer in solchen Artikeln als Frauenhasser schlecht geredet werden. Wenn eine Frau jedoch tatsächlich von sechs oder mehr Männern wie in Freiburg massenvergewaltigt wird, sieht man das größte Problem nicht in den Männern, sondern in denen, die die Männer verurteilen - für mich unverständlich.
moritz27 27.10.2018
3. Liebe Frau Berg,
in der realen Welt führen Männer und Frauen keine" Kriege" gegeneinander. Die Menschheit hätte sich sonst längst ausgerottet. Nur in der Welt der Schreiberlinge gibt es diesen angeblichen "Urkampf". In der realen Welt finden Männer Frauen attraktiv und umgekehrt. Und ein bestimmter Prozentsatz findet (auch) das eigene Geschlecht anziehend. Allerdings entwickeln sich in Europa Parallelwelten, in denen Frauen sich ihren Lebenspartner nicht selbst aussuchen, ja nicht mal einen Beruf erlernen dürfen. Arbeiten Sie sich doch mal an diesem Thema ab.
freigeistiger 27.10.2018
4. Was soll dass?
Einige machen ein Coaching oder eine Achtsamkeitstraining, andere schreiben eine Kolumnen. Das Letztere wird bezahlt, das Andere kostet Geld. Inhaltlich nähert sich dass dem absoluten Nullpunkt.
dasfred 27.10.2018
5. Heute bin ich wieder froh schwul zu sein
Auf der einen Seite so vaginalresistent, dass mich die raffinierteste Verpackung nicht in die Fänge der Venusfliegenfalle geraten lässt, auf der anderen Seite zu soviel Abstand genötigt, dass das starke Geschlecht vor mir seine Schwäche nicht verbergen kann. Ich liebe es, wenn Frau Berg hier ein Frauenbild beschwört, aus dem sich herrliche Romanvorlagen kristallisieren lassen, das aber Frauen beschreibt, die mir beim Einkauf im Supermarkt nie begegnen. Auch das Männerbild von Frau Berg hat so einige Eigenarten. Der abhängige fremdbestimmte Mann kommt bei ihr nie vor. Sie stürzt sich gerne auf die Selbstdarsteller, ohne zu bemerken, wie armselig diese ohne ihr Gefolge sind. Der Mann ohne Frau, ohne Untergebene, ohne Kinder ist auch nur ein wertloses Subjekt, von niemandem wahrgenommen. Außer, man kann ihn noch für irgendwas benutzen.
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