Fernsehen 2067 Gammelglotze mit Bullshit-Faktor

2067 überträgt das Fernsehen weltweit Live-Hinrichtungen, bietet Terror TV International und bulgarische Pornokanäle "always ultra". Die Menge des Fernsehmülls wird ins Unermessliche wachsen, Bullshit ist ein Gigatrend - wetten, dass...?
Von Reinhard Mohr

Wer über die Zukunft sprechen will, darf über die Gegenwart nicht schweigen, lautet ein berühmtes Zitat. Die Gegenwart von Januar 2007 war die Zukunft von 1947. Welcher Mensch hätte sich an Silvester 1946/47, inmitten eines knüppelharten Nachkriegshungerwinters mit Steckrüben in Ruinenlandschaft, das Fernsehprogramm zum Jahreswechsel 2006/07 vorstellen können? Mal ganz abgesehen davon, dass die Geschichte des deutschen Fernsehens erst drei Jahre später begann: Wer hätte in diesen Kindertagen der bundesrepublikanischen Medien auch nur vage ahnen können, dass es dereinst ein TV-Lurch wie Florian Silbereisen aus dem bayerischen Tiefenbach, Träger der "Goldenen Henne", zu höchsten Fernsehweihen und traumhaften Einschaltquoten bringen würde?

Bunte Fernsehwelt: 2067 werden Raab und Elton wie Philosophen wirken

Bunte Fernsehwelt: 2067 werden Raab und Elton wie Philosophen wirken

Foto: DDP

2067 wird der 25-jährige Silberfisch des ARD-Unterhaltungsunwesens gerade mal 85 Jahre alt sein - nach dem dynamisch gestaffelten demographischen Müntefering-Faktor also kurz vor dem Eintritt in den verdienten Vorruhestand.

Da kommt was auf uns zu.

Wenn wir also unsere Zukunftsprognose einigermaßen wissenschaftlich korrekt fundieren wollen, müssen wir zunächst aus der Gegenwart zitieren. Sagen, was ist, wie schon Karl Marx gefordert hat. Zum Beispiel aus dem Fernsehprogramm vom 31. Dezember 2006, das, um es Skeptikern gleich zu sagen, im Ganzen repräsentativ ist für das einschlägige Angebot zwischen Arte und Neun Live, 3Sat, DMAX, Kabel 1 und RTL II - und dabei sogar noch über dem Durchschnittsniveau eines ganz normalen Samstagabends liegt:

20.15 Uhr. ARD: "Silvesterstadl"; ZDF: "André Rieu - Champagnermelodien"; RTL: "Die ultimative Chartshow" Sat.1: "Darüber lacht die Welt"; ProSieben: "TV Total Silvester Spezial".

In den späteren Abendstunden folgten unter anderem "talk talk talk fun", "Die Hit-Giganten", "Upps - Die Superpannenshow", "Barry Manilow: Music and Passion" und vergleichbare Tiefflugreisen in die Regionen totaler geistiger Leere.

Von wegen "Land der Ideen"

Oliver Kalkofes Diagnose im SPIEGEL ist unbestreitbar: Ein Großteil des Fernsehprogramms wird inzwischen von "schlecht ausgebildeten Trickbetrügern und mäßig begabten Hütchenspielern" bestritten, von "debil grinsenden Moderations-Amöben", televisionären Gammelfleischverkäufern, die skrupellos den "intellektuellen Bodensatz der Gesellschaft" bedienen, und von verantwortlichen Redakteuren, "die ihre eigenen Programme fast so sehr hassen" wie "die Zuschauer, die so dumm sind, sie zu gucken". Bigotterie und Feigheit in den Funkhausfluren. Von wegen "Land der Ideen".

Nein, dies ist nicht der übliche und wohlfeile Kulturpessimismus, der sowieso immer nur den Niedergang des Abendlandes beschwört - das ist die Wahrheit. Die "reeiiine Wahrheit", wie Dittsche sagen würde.

Auch der Hinweis auf Ausnahmen von der Regel, auf Lichtblicke in der Tristesse, ändern nichts am Befund: Gemessen an seinen Möglichkeiten ist das deutsche Fernsehen so schlecht wie nie. Überwiegend eine einzige Zumutung, eine Unverschämtheit.

Die künstlich fabrizierte Dauerfröhlichkeit in all den Promi-trifft-Promi-und-redet-darüber-Shows macht halbwegs intelligente Menschen nur noch sprachlos und depressiv. Die wenigen Rosinen versteckt man zielstrebig irgendwo und irgendwann nach Mitternacht oder hier und da in den dritten Programmen. Davor läuft der Schrott, der versammelte Fernsehquotenmüll.

Das ist die Ausgangslage. Kommen wir zur Prognose.

Die gestaltet sich natürlich schwierig. Wenn schon der bekannteste deutschsprachige Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx sagt, ein "Megatrend" habe eine Halbwertzeit von 30 Jahren - was soll dann ein perspektivischer Zeitraum von 60 Jahren sein? Ein Gigatrend? Eine XXXXL-Utopie? Oder sollen wir gleich die Kristallkugel befragen? Andererseits steht der 103-jährige Johannes Heesters immer noch auf der Bühne, mit denselben Liedern wie vor 80 Jahren.

Drei Gigatrends in Sicht

Wird es also Johannes B. Kerners tönende Kochshow auch noch 2067 geben, wenn auch mit einem Moderator, der jetzt noch gar nicht geboren ist und von Johann Lafers Rehrücken an Preißelbeerschaum nicht mal träumen kann? Wird es einen Soft-Talker wie Reinhold Beckmann geben, der zwar frühestens 2030 zur Welt kommen wird, aber später womöglich genauso gut geölt auf den gesprächssensiblen Ellenbogen zum Talkgast rüberrutscht? Werden wir genauso wie heute mit Billig-Serien oder deren überflüssigen Remakes zugeballert, werden die Werbepausen in der "Sportschau" am Samstagabend dann endgültig den größten Teil der Sendezeit erobert haben?

Oder geht die Welt vorher krachend unter, mit dem letzten Live-Kommentar des dann 92-jährigen Peter Kloeppel?

Man könnte sich auf drei Gigatrends einigen: Den Bullshit-Faktor, den Vanity-Effekt und den Discrimination-Chill, auch Distinction-Drift genannt.

Da das Niveau des Fernsehens insgesamt gar nicht mehr entscheidend "heruntergesendet" (Kalkofe), also abgesenkt werden kann, ohne sich völlig aufzulösen, dürften sich die bekannten Phänomene vor allem weiter verschärfen, radikalisieren und ausdifferenzieren. Dabei werden sich die technischen Möglichkeiten in den kommenden Jahrzehnten derart rasant entwickeln, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis jeder Zuschauer seinen eigenen Sender mit unbegrenzter Reichweite aufmachen kann - das, was heute schon per Internet-Video-Blog ansatzweise möglich ist.

In die Gegenwart übertragen könnte das etwa heißen, dass es "Maxim-Biller-TV" mit täglichen Ausreisetipps gäbe, Eva Hermans "Hausfrau-TE-VAU" direkt aus der heimischen Backstube oder den Sender "Pro Roger - Willemsens Welt. Ein Mann blickt durch".

Allgegenwärtiges Dumpfbackentum

Doch schon viel früher werden die passionierten Couch-Potatoes in der Lage sein, ihr eigenes Fernsehprogramm zusammenzustellen - TV on demand, Fernsehen al gusto. Wer heute noch auf DVDs angewiesen ist, um dem desaströsen Programmangebot zu entfliehen, wird dann digital durch die ganze Welt surfen können, um sich seine Sendungen selbst zu suchen. ARD und ZDF werden sich in mehrere konkurrierende Spartensender aufgelöst haben. Das ZDF wird zum größten Teil von Max Schautzers "Tele Methusalem" übernommen.

Leider steckt in dieser theoretisch grenzenlosen Freiheit des Einzelnen schon wieder der dialektische Pferde-, pardon Klumpfuß der Moderne. Denn haben wir nicht gerade in den vergangenen 20 Jahren seit Einführung des Privat- und Satellitenfernsehens die Erfahrung gemacht, dass eine prinzipiell begrüßenswerte Pluralisierung noch lange nicht zum Wettbewerb der besten Ideen führt, zu Vielfalt und Originalität? Oft war das pure Gegenteil der Fall, Verflachung, Angleichung nach unten und allgegenwärtiges Dumpfbackentum.

Und wir haben noch etwas gelernt: Die meisten sind gar nicht willens oder in der Lage, alle technischen Möglichkeiten zu nutzen. Wer schon beim Programmieren des guten alten Videorecorders in eine akute Lebenskrise geriet, angesichts der Tastenvielfalt auf der DVD-Player-Bedienung verzweifelte und bei der Installation seines DSL-Anschlusses an die Grenzen seiner Auffassungsgabe stieß, der wird am Ende doch keinen eigenen Sender gründen oder nach zweisprachigen Literatursendungen mit kyrillischen Untertiteln aus Island oder den Faröer-Inseln fahnden.

Senioren-TV "Al Bundy"

Außerdem ist der geplagte Multitasking-Mensch der Moderne, der auch bei einfachsten Alltagsverrichtungen erst meterlange Gebrauchsanweisungen lesen muss, bevor er eine Scheibe Weißbrot in den Toaster legen kann, nach einem rasanten Tag im Turbokapitalismus der Zukunft ziemlich müde und ausgelaugt. Und ein bisschen faul. Er will nicht auch noch abends mental total global und voll krass flexibel alles selber machen müssen. Lieber wird er sich auch im Januar 2067 aufs Sofa fallen lassen wollen - und die Glotze anschmeißen.

Die allerdings wird ihm, ob in Form eines Fernsehgeräts oder als Mini-Laptop, vielleicht sogar als tragbare Kristallkugel auch für unterwegs, ein vervielfachtes Angebot machen: Tausende von Programmen mit interaktiven Koch- und Back-Channels, Spezialsender für Liebhaber der vietnamesischen Garnelenzucht und Freunde des Megamonstermotocross in Texas. Dazu Extrakanäle für Live-Hinrichtungen weltweit, Katastrophen TV, Terror TV International und bulgarische Pornokanäle "always ultra", Baywatch Antarktis TV, jetzt komplett eisfrei, Vulkan TV mit stündlichem Lava-News-Alert und Senioren TV "Al Bundy" mit Spezialsendungen für die wachsende Zahl der Hundertjährigen, die nach blutjungen Seventysomethings zwecks gemeinsamer Zukunftsgestaltung Ausschau halten.

Nichts wird unmöglich sein, die Welt wird endgültig "Phantom und Matrize", wie Günthers Anders in seinem Werk "Die Antiquiertheit des Menschen" prophezeit hat. Ein Abziehbild ihrer selbst, ein gänzlich unromantischer Zerrspiegel, der nichts kennt außer Katastrophe und Kitsch, der hohlen Sensation und dem großen Nichts.

Moral goes Bullshit

Schon deshalb ist der Gigatrend Bullshit unausweichlich. Die Menge des Fernsehmülls wird ins Unermessliche wachsen, und ein historisch einzigartiger Gammelfleischjournalismus skrupelloser Quotenjäger wird Immanuel Kants kategorischen Imperativ in ein zynisches Plusquamperfekt verwandeln. Moral goes Bullshit.

Nahtlos knüpft hier der Vanity-Effekt an, das Fegefeuer der Eitelkeiten und die hemmungslose Eigen-PR, der Dauerzirkus der ungebremsten Selbstliebe, die televisionäre Endlosschleife der narzisstisch Gestörten. Schwammige Gipsfiguren des zeitgenössischen Fernsehens wie Stefan Raabs Personensklave Elton, ein Mann mit dem Charisma einer Schweizer Bergkuh, werden im Rückblick wie Philosophen erscheinen, denen es nur um die Wahrheit ging.

Die Distinction-Drift, Gigatrend Nummer 3, setzt genau hier an. Natürlich reicht all dies einer intelligenten Minderheit schon längst, und so beginnt sie etwa ab 2040 mit konkreten Gegenmaßnahmen. Sie setzt sich ab. Gewiss, es gab auch vorher schon viele kleine Fluchten in waghalsige Eigenproduktionen und abenteuerliche Nischensender, aber das, was wirklich fehlte, kam nicht zustande: Eine übergreifende intellektuelle Kommunikation, ein vernünftiges Selbstgespräch der Gesellschaft in Zeiten der völligen Zersplitterung, Unterhaltung auch als Verständigung und Orientierung oberhalb des Niveaus von Grenzdebilen - geistige Unabhängigkeit, kurz das, was man 2007 immerhin noch "Freiheit" nennen konnte.

Gigatrend Nummer 3 wird so zum historischen Gegenentwurf, der an alte, beinah revolutionäre Zeiten anknüpft. Zum 120-jährigen Jubiläum einer Zeitschrift namens DER SPIEGEL, die auf rätselhafte Weise den Verfall der Schriftkultur überlebt hat, schreibt ein gewisser Oliver Kalkofe, aufgewachsen in Langenhagen-Engelbostel und mit seinen nun 101 Jahren immer noch rüstig und voll präsent: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Nieder mit dem Amöben-Fernsehen für geistige Einzeller!"

Kurz darauf tritt der Gründungsrat des Ersten Deutschen Fernsehens (EDF) zusammen. In der Präambel findet sich ein merkwürdig bürokratischer Begriff: "Öffentlich-rechtlich". Er klingt wie eine Verheißung.

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