Fernsehen in Weißrussland "Was ist überhaupt Freiheit?"

Die Weißrussen sollten endlich die Möglichkeit haben, unabhängige Informationen zu empfangen. Der russische Sender RTVI, der auch von der Europäischen Kommission unterstützt wird, bekam die Zulassung für das dortige Kabelnetz. Doch die Freude währte nur kurz.

Von Eva Lodde


Berlin - "Der einzige Sender, der auf Putin nicht hört" - der Slogan des russischen Senders RTVI ist einfach und provokativ. Ende Februar nahm der Kanal seine Arbeit in Weißrussland auf, drei Wochen später flog er aus dem Kabelnetz. Das war sieben Tage vor der Wahl, die dem Präsidenten Alexander Lukaschenko erneut seine Allmachtsposition im Land sicherte. "Offiziell heißt es, der Netzbetreiber habe ein technisches Problem", sagt Peter Tietzki, der Geschäftsführer von RTVI Deutschland. Er lässt eine bedeutsame Pause zwischen den letzten beiden Worten und lacht säuerlich. "Das ist wie zu DDR-Zeiten, aber damit hatten wir schon gerechnet."

Peter Tietzki, Geschäftsführer von RTVI in Deutschland: "Sowjetische Methoden"
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Peter Tietzki, Geschäftsführer von RTVI in Deutschland: "Sowjetische Methoden"

Tatsächlich ist es kein Wunder, dass die Geräte der weißrussischen Netzbetreiber ausgerechnet vor der Präsidentschaftswahl streikten. RTVI wird von der Europäischen Kommission finanziell unterstützt: Die halbstündige Sendung "Fenster nach Europa" ist Teil einer breit angelegten Informationskampagne, an der auch andere Medien beteiligt sind. Zwei Millionen gibt die EU, damit die Weißrussen zwei Jahre Zugang zu unabhängigen Informationen haben: durch Fernsehen, Radio und Internet. Training von weißrussischen Journalisten ist auch vorgesehen.

RTVI ist zwar ein russischsprachiger Sender, aber die europäische Sendung wird in einem einem Hinterhof in Berlin-Charlottenburg produziert. In den provisorisch anmutenden Büroräumen mit weißen Raumtrennern in Holzoptik und kleinen, vergitterten Fenstern werden Beiträge vom ZDF auf russisch und weißrussisch übersetzt. "Wir haben kein Diktat von der Europäischen Union, über die Themen entscheidet die Redaktion selbst", sagt Peter Tietzki bestimmt. Herausgekommen ist eine bunte Mischung, die sich nicht nur mit Politik, sondern auch Kultur beschäftigt.

Was sind das für Menschen, die Westeuropäer?

Die Themen der letzten Sendung gingen von "Papst Benedikt gratuliert Radio Vattikan zum Geburtstag" über "Frauenquote für die Aufsichtsräte in Norwegen" bis zu "Wie regelt die EU die vielen Billigprodukte aus Asien". Vor den Wahlen in Weißrussland ging es natürlich auch um das Land selbst, seine Politik und Probleme; Experten waren im Studio und diskutierten ganz frei, ohne Zensur.

"Da Weißrussland ein so isoliertes Land ist, wollen wir den Zuschauern zeigen, was das für Menschen sind, die Westeuropäer. Was ist Europa heute, was ist überhaupt Freiheit?", sagt Peter Tietzki. Dabei darf es seinen Angaben nach auch einmal kritischer sein: Was für Vor- und Nachteile haben Länder wie Polen nach der EU-Erweiterung, wie realistisch sind die Beitrittschancen der Ukraine?

Aber die Tendenz ist positiv. Als Gegengewicht zu den weißrussischen Medien, die von Präsident Lukaschenko streng kontrolliert werden. "Da läuft alles nach typisch sowjetischen Methoden ab", erklärt Peter Tietzki, "die EU-Erweiterung wird nur kritisiert. 'Was bringt die EU allgemein schon', sagen sie, 'guckt euch die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland an'."

Da zeigen sich die Parallelen zwischen Weißrussland und dem großen Bruder Russland: Dort ist RTVI nicht einmal ins Kabelnetz gelangt, der Sender kann nur über Satellit gesehen werden. Jede Stunde gibt es Nachrichten aus der ganzen Welt, politische Diskussionsrunden, Talkshows, russische Serien. Zwar gibt es ein Studio in Moskau, aber genauso in Berlin, New York und Tel Aviv. RTVI sendet aus dem Ausland. "Bei einem wirklich russischen Sender wäre das Programm der EU gar nicht möglich gewesen", sagt Peter Tietzki, "der kann über solche Themen gar nicht sprechen."

"Da geben wir weiter Mut"

RTVI ist in Moskau verpönt, denn der Hauptgesellschafter ist ein alter Bekannter: Wladimir Gussinski ist es vor einigen Jahren schon ähnlich ergangen wie dem ehemaligen Öl-Milliardär Michail Chodorowski. Gussinski war ein Medien-Oligarch, er hatte zu viel Geld, zu viel Einfluss - und ihm gehörte der unabhängige Sender NTW. Im Juni 2000 wurde Gussinski verhaftet und mehr oder weniger zum Verkauf seines Medienkonzerns gezwungen. All das passierte unter den Augen von Wladimir Putin. Gussinski ging danach ins Exil, baute RTVI auf und pendelt nun zwischen Israel und den USA.

Der russische Sender kann auch in Georgien, den baltischen Staaten und der Ukraine gesehen werden. Er liefert die Informationen, die eine unabhängigere Entwicklung dieser Staaten fördert. Das gefalle Putin gar nicht, meint Tietzki: "Der Kreml mag es nicht, wenn seine Satellitenstaaten an ihm vorbei ziehen, dass sie ohne Rücksprache mit Moskau eigenständig handeln." So kurz vor den Parlamentschaftswahlen in der Ukraine, die darüber entscheiden werden, ob das Land eher europäisch und russisch geprägt wird, sieht Tietzki die Rolle seines Senders ganz deutlich: "Da geben wir weiter Mut."

In Weißrussland wird es noch dauern bis sich ähnlich liberale Strömungen ergeben. "Viele sind nicht bereit, das Stückchen Brot für ein bisschen frische Luft von Demokratie und Freiheit zu tauschen", sagt Tietzki. Es ist die Angst und das suggerierte Gefühl von Sicherheit. Tietzki aber hofft weiter, für die Entwicklung im Osten Europas, für sich und den Sender. "Ich schließe nicht aus", sagt er und zieht seine Augenbrauen bis an den Scheitel hoch, "dass die Geräte der Kabelnetzbetreiber jetzt nach der Wahl in Weißrussland wieder repariert werden."



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