Fernsehshow Irak hat seinen Superstar

Zum Schluss gab es Konfetti-Regen, und der Gewinner verdrückte ein paar Tränen: Ansonsten war bei "Irak sucht den Superstar" fast alles anders als bei seinem deutschen Pendant. Der größte Gewinn für die Wettsänger: Ferien vom Krieg.


Als der Moderator zum Schlusswort kam, gab es kein Halten mehr: "Es gibt nur einen Irak, und er steht in Einigkeit zusammen", war das letzte, was noch zu verstehen war, dann stürmte das Studiopublikum die Bühne. Ältere Herren von der irakischen Botschaft schwenkten rot-weiß-schwarze Landesfahnen, die Band spielte Tusch. Sehr zurechtgemachte Damen küssten erst den Sieger und hielten dann üppige Dekolletees in die Kameras, an denen sie – mangels ausreichend Stoff vermutlich unter Schwierigkeiten – die Anstecker zur Sendung angebracht hatten: "Ein Irak" stand da, mit Herzchen drumgemalt.


Es war nicht nur die politische Note oder die Abwesenheit kreischender Teenager, die das am Finale der dritten Ausgabe von "Iraki Star" zu einer ganz besonderen Variante des internationalen Erfolgsformats machte. Kein Billig-Pop, keine vernichtenden Urteile von geltungsbedürftigen Jury-Mitgliedern, ein Publikum, das die verschnörkelten Melodien der von den Wettstreitern zu intonierenden Klassiker fehlerfrei mitsingen konnte – der irakische Sängerwettstreit war im Vergleich zum deutschen Radau-TV ein Fernsehfest arabischer Hochkultur.

Doch von vorne: Es ist gegen sechs am Donnerstagnachmittag, als im Studio des irakischen Fernsehsenders "Alsumaria" langsam die Nervosität einsetzt. In drei Stunden wird die Live-Übertragung der Endausscheidung der Star-Suche im Irak die Straßen leerfegen, und immer noch sind die vier Finalisten nicht geschminkt. Draußen geht über dem Mittelmeer die Sonne unter: "Alsumaria", Privatsender im mehrheitlich libanesischen Besitz, sendet aus Beirut über Satellit in den Irak. Ein Glücksgriff für die ursprünglich 16 Sänger, die sich in den Vorrunden gegen 2000 Kandidaten durchgesetzt hatten: Bis zu einem Monat Urlaub vom Krieg, das war vielleicht der größte Gewinn, den die Teilnehmer des Sängerwettstreits einstrichen.

Wer in den wöchentlichen Ausscheiderunden rausflog, musste theoretisch zwar nach Hause, aber der Sender drückt ein Auge zu: Beim Finale sitzen auch noch Kandidaten im Publikum, die der Irak per SMS längst abgewählt hatte. "Die Lage in Bagdad war die letzten Tage zu unsicher, deshalb haben wir die Bagdadis erstmal hier behalten", sagt Gisele Abou Obeid, Producerin der Sendung, während sie versucht, die Finalisten Kaos, Bassam, Hossam und Ivan in ihre Schminksessel zu lotsen. Das letzte Mädchen ist im Halbfinale rausgeflogen: Zwar sang sie gut, stakste aber äußerst unelegant über die Bühne. Auf besorgte Nachfrage des Moderators gestand sie, zum allerersten Mal hohe Hacken zu tragen. Süß, aber nicht süß genug für ausreichend SMS-Stimmen.

Ivan, Bassam, Hossam und Kaos: Die vier jungen Männer, die sich schließlich den Händen der Maskenbildnerinnen überlassen, sind ein Querschnitt durch die Jugend von heute, irakische Version. Zwei Christen, ein Sunnit, ein Schiit, zwei sind Hauptstädter, einer stammt aus einer Kleinstadt in den Kurdengebieten, ein anderer aus Babylon. Zwei der vier sind im Exil, zwei noch daheim im Irak. Kaos ist vor zweieinhalb Jahren aus Bagdad ins syrische Damaskus geflohen, allein der Vater blieb zurück. "Wir hatten Drohungen erhalten, und mein Vater wollte nicht weg, weil er unseren Besitz verteidigen will", sagt 19-Jährige. Mit der Flucht war sein Traum vom Abitur vorbei, die syrischen Schulen nahmen ihn nicht auf. "Mein Leben besteht aus warten", sagt er. Warten, dass die Situation besser wird, warten, dass er zurück kann. "Am liebsten würde ich aber nach Schweden, da lebt meine Schwester." Auch Hossam, mit 30 Jahren der älteste der Nachwuchsstars, lebt seit drei Jahren in Damaskus. Dass er daheim in Bagdad als Musiker schon einen Namen gemacht hatte, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann er seinen Lebensunterhalt in Syrien bestreiten: Auch Exil-Iraker brauchen Musikanten, die zu Hochzeiten aufspielen. Andererseits kann er derzeit nicht zurück. "Ich bin zu bekannt, das ist zu gefährlich."

Für Bassam und Ivan ist es ihr erster Auslandsaufenthalt, zum ersten Mal außerhalb der irakischen Wüste, sind sie vor allem von der Natur des Libanon begeistert: Die Berge, das viele Grün, das Meer, das werde ihnen lange in Erinnerung bleiben. Ivan, mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen der Mädchenschwarm der Truppe, stammt aus den Kurdengebieten, ob er gerade deshalb so patriotisch ist, lässt sich nicht erschließen: Keine Fragen zu Politik, bremst die Producerin. "Wir glauben fest an einen geeinten Irak und kämpfen dauernd dafür, neutral zu sein", heißt das auf seiner Internet-Seite nachzulesende Glaubensbekenntnis des Senders. Ans heikle Thema Religion oder ethnische Zugehörigkeit soll deshalb bitte nicht gerührt werden. "In einer Zeit, in der Schüsse und das Heulen von Krankenwagensirenen das einzige ist, was man hört, wollen wir dem irakischen Publikum die Musik zurückgeben", heißt es da auch. Jedenfalls will Ivan, falls er das Preisgeld von 10.000 Dollar gewinnt, ein Album aufnehmen, das er dem Irak widmen will. "Ich würde gerne eine Art neue Nationalhymne schreiben. Unser Land braucht eine Hymne für alle."

Bassam, der den für den Irak sehr großen Batzen Geld schließlich gewinnen wird, macht sich unterdessen Gedanken darüber, ob er sich verändert hat in den vier Wochen im Libanon. "Es war großartig, hier zu sein, weil wir gemerkt haben, wie sehr uns die Iraker lieben", sagt der 22-Jährige. Bis zu 16 Millionen Zuschauer soll "Iraki Star" nach Senderangaben haben, das wäre mehr als die halbe Nation, die sich jetzt, kurz vor Beginn der Sendung, vor den Fernsehern versammelt hätte. Der Nachteil sei, dass er erst im Vergleich mit Beirut verstanden habe, dass seine Heimatstadt Babylon absolut gar nichts zu bieten habe: "Wir haben keine Cafés, kein Straßenleben, keine Restaurants", sagt Bassam.

Verändert habe er sich in diesem Monat, sagt der Informatikstudent, der natürlich noch zu Hause wohnt, mit sieben Brüdern und einer Schwester. "Vor allem hast du endlich ein bisschen Geschmack entwickelt", frotzelt die libanesische Kostümbildnerin Nour und sucht in ihrer Marc Jacobs-Handtasche nach einem paar neue Socken für Bassam. Bei der Ankunft am Flughafen Beirut seien die Jungs in Moon-Washed-Jeans und spitzen Schuhen aus dem Flieger gestiegen. "Gruselig", sagt Nour. Die ausgiebigen Einkaufstouren bei Zara seien nicht nur gutes Material für die tägliche halbstündige Sendung über die Abenteuer der Iraker im mondänen "Paris des Nahen Ostens" gewesen: "Sie waren dringend notwendig." Die Jungs dürfen ihre neuen Anziehsachen später mit nach Hause nehmen, als Entwicklungshilfe in Sachen Stil sozusagen.

Bevor es endlich los geht, läuft noch ein Werbeclip: Ein bis auf den letzten Platz gefülltes Fußballstadion, die irakische Mannschaft läuft auf, als plötzlich Terroristen aufs Spielfeld stürmen. Unter dem lautstarken Protest Fahnen schwenkender Zuschauer foulen sie die Spieler, bedrohen sie mit Waffen, schließlich schießt ein Terrorist eine scharfe Handgranate Richtung Tor. Der Torwart reagiert und schießt die Bombe per Volley in den Himmel, wo sie explodiert, ohne Schaden anzurichten. Die Terroristen fliehen, die Menge jubelt, "Irak: 1, Terror: 0" erscheint auf der Anzeigetafel.

Drei Stunden lang treten die Kandidaten gegeneinander an und schmettern die schwierigen arabischen Melodien mit einer Kunstfertigkeit, die es schwierig macht, zu sagen, wer denn nun der Beste ist. Mit Unterstützung von 20 Musikern auf der Bühne beweisen die vier jungen Männer, dass im Nahen Osten die Gesangskultur quicklebendig ist. Wo in Deutschland kaum noch jemand ein Volkslied kennt, kann "Iraqi Star" voll auf den Wiedererkennungseffekt setzen.

Das Publikum braucht zwei, drei Takte, dann bejubelt es die alte ägyptischen Weisen, in denen die schönen Augen der Geliebten besungen werden, den libanesischen Klassiker, der von den zwei Frauen, schön wie der Mond, erzählt, die ein Mann nachts auf seiner Schwelle findet. Zwischendrin tritt Iraks Antwort auf "Take That" auf: "Unknown to Noone" heißt die berühmte Boyband, die inzwischen auch in Beirut lebt. Die Jury lobt, wo sie kann, und ist nur einmal giftig. Ein Juror wendet sich an den irakischen Botschafter, der in der ersten Reihe thront. "Die Iraker haben die Politiker satt, die alles nur noch schlimmer machen", schimpft der Preisrichter. "Nehmen sie sich ein Beispiel an diesen jungen Männern, die mit ihren wunderbaren Stimmen beweisen, dass der Irak Schönheit produziert und eins sein kann." Tosender Applaus des hauptsächlich aus Exil-Irakern stehenden Publikums. Ansonsten bleibt es positiv bis zum Süßlichen: Wer den Krieg zu Hause hat, braucht keinen Krawall à la Dieter Bohlen.



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