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Banale Baukunst?: Was schöne Architektur ausmacht

Foto: Town & Country Haus

Neubau-Architektur Viele bauen hässliche Häuser, das ist fatal

Fertighäuser sind praktisch und günstig - aber sind sie auch schön? Obwohl Menschen ästhetische Vielfalt brauchen, wohnen wir immer banaler, sagt der Architekturphilosoph Christian Illies.
Zur Person
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Christian Illies, Jahrgang 1963, ist Professor für Philosophie an der Universität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Anthropologie, Ethik und Evolution und Architekturphilosophie.

SPIEGEL ONLINE: Herr Illies, eines der liebsten Fertighäuser der Deutschen ist das Flair 113, ein Kubus mit Spitzdach und Erker. Das "Deutsche Architektenblatt" hat es mal als "Haus ohne Eigenschaften"  bezeichnet. Sind wir ästhetische Langweiler?

Illies: Erstmal bieten Fertighäuser ja viele Vorteile: Sie sind finanziell planbar und schnell gebaut. Aber ja: Das ist meist Standardarchitektur, die völlig losgelöst von der jeweiligen Bausituation arbeitet und oft nur ästhetische Klischees wiederholt.

Modellhaus "Flair 113": "Das ist immer eine Standardarchitektur"

Modellhaus "Flair 113": "Das ist immer eine Standardarchitektur"

Foto: Town & Country Haus

SPIEGEL ONLINE: Ist Funktionalität wichtiger geworden als Schönheit?

Illies: Schön heißt heute meist nur, funktional zu sein. Das kann im Einzelfall auch stimmen, aber es ist eine Reduzierung des Ästhetischen, die oft schreckliche Banalitäten hervorbringt. Entstanden ist sie aus dem an sich positiven Anliegen der Architektur im 20. Jahrhundert, für alle Menschen erwerbbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Aber die Massenarchitektur hat unterschätzt, dass zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen auch die Schönheit gehört. Ich halte es für fatal, dass echte Schönheit gerade in der Alltagsarchitektur kaum mehr eine Rolle spielt und dass darum nicht mehr gerungen wird.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Illies: In den Kunstwissenschaften und Architekturtheorien verfestigt sich der Gedanke, Schönheit sei rein subjektiv. Aber das ist falsch. Natürlich ist kaum etwas schwieriger, als allgemeine Kriterien von Schönheit festzulegen; man wird sie auch nicht einfach in Form eines Algorithmus finden, nach dem man dann überall bauen kann.

SPIEGEL ONLINE: Existieren denn solche Kriterien?

Illies: Ja. Es gibt einen Konsens, dass manche Bauwerke einfach banal, zu technisch oder hässlich sind. Eintönig und damit unattraktiv erscheint uns etwa die Wiederholung stets gleicher Formen. Es gibt aber auch eine weitgehende Übereinstimmung, dass gewisse Dinge eine ästhetische Faszination ausüben: Der Mensch liebt Vielfalt in einer Einheit und auch das Besondere im Detail, sei es bei Türklinken, bei Fensterrahmen oder Baumaterialien.

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Banale Baukunst?: Was schöne Architektur ausmacht

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SPIEGEL ONLINE: Aber kann nicht auch in der Wiederholung eine Schönheit liegen?

Illies: Das glauben Sie nicht ernsthaft, oder? Dass eine monotone Reihenhaussiedlung mit zweihundert Metern stets gleicher horizontaler Fenster noch irgendeinen ästhetischen Reiz hat?

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? Vielleicht finden Hauseigner die Standardbauweise schön, weil sie Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausdrückt.

Illies: Nicht alles, was jemand schön findet, ist schön. Für mich drückt sich Schönheit eher im Geschmack aus und der ist bildbar und auch verderbbar. Er muss entwickelt werden. Denn ästhetische Bedürfnisse hat jeder: Sie zeigen sich darin, dass fast alle Menschen versuchen, ihre Umwelt schön zu gestalten, sei es mit Geranien, Plüschkissen oder Postern an den Wänden. Der Mensch ist ein zutiefst schönheitsbedürftiges Wesen.

Erlangen: "ein gelungenes Ensemble"

Erlangen: "ein gelungenes Ensemble"

Foto: manfredxy/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Was macht schöne Städte aus?

Illies: Städte, die uns faszinieren, besitzen eine übergreifende Harmonie. Denken Sie an Erlangen: Das ist eine relativ einfache Retortenstadt, die im achtzehnten Jahrhundert mit maschinell gebauten Sandsteinhäusern billig aus dem Boden gestampft wurde. Aber die Häuser variieren in den Details, so entsteht eine gewisse Vielfalt in einer Einheit. Erlangen ist keine aufregende Stadt, aber ein gelungenes Ensemble.

SPIEGEL ONLINE: Warum kritisieren Sie dann Fertighäuser? Die sind doch auch individualisierbar.

Illies: Es gibt durchaus Möglichkeiten, etwa durch Formwahl oder durch Materialsprache schöne Standardgebäude zu bauen. Aber die Oberflächen von Fertighäusern altern meist nicht interessant. Echte Ziegelsteine etwa haben die Fähigkeit, im Laufe der Zeit eine eigene Farbgebung und Patina zu entwickeln. Wie stark das Menschen anspricht, zeigt der Trend zu Steinwand-Imitaten: Man stellt aus Plastik gealterte Ziegelsteine her, die dann die Wohnzimmerwand schmücken. Aber die können nicht schön altern. Wie die meisten Fertighäuser, die darum keine Identität mehr haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das ein Problem?

Illies: Eigene Identität gehört auch zur Schönheit. Wir aber bauen uns die Identität unserer Gebäude zunehmend aus dem Kaufhauskatalog zusammen. So, wie man sich in virtuellen Welten wie Online-Games seine Identität aus dem Angebot an Schwertern oder Charaktereigenschaften zusammenbastelt. Man fügt etwa in Norddeutschland einen bayerischen Holzbalkon hinzu, der Alpenjodlerseeligkeit suggerieren soll. Das Ästhetische wird als Bedürfnis zwar wahrgenommen, aber es wird auch kommerzialisiert und bekommt eine geschmacklose Beliebigkeit. Aber Schönheit hat sehr viel damit zu tun, dass die Gebäude und ihre Teile sinnvoll zusammenpassen. Und sich in den Ort und seine Umgebung einfügen, indem man etwa im Stil der Region baut. So gewinnt ein Gebäude wirkliche Identität.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch den Trend, vom Konsumwegzukommen: Tiny Houses und genossenschaftliche Bauprojekte versuchen stattdessen, nachhaltig zu bauen.

Illies: Ja, das sind gute Ansätze. Zusätzlich sollten wir vor allem die Schönheit wieder als einen der wichtigsten Nachhaltigkeitsfaktoren entdecken. Was schön ist, bleibt. Kein Mensch denkt daran, die Gründerzeitviertel oder Neuschwanstein abzureißen - wenn etwas ästhetisch fasziniert, dann setzt man Energie frei, um es zu erhalten. Und das ist immer noch die beste Nachhaltigkeit: So zu bauen, dass wir es nicht immer wieder abreißen und neu bauen.

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