Festspiele Salzburg Drah di ned um, der Kommissar geht um

Trotz exzellenter Darsteller: Das Eröffnungsstück der Salzburger Festspiele war dröge. Regisseurin Andrea Breth verkümmerte den Dostojewski-Roman "Strafe und Verbrechen" zum uninspirierten Stationendrama.

Aus Salzburg berichtet


Mord, Spiel, Spannung: Es ist eine fast fünfstündige Sinfonie des Knarzens und des leisen Ächzens, die zum Auftakt der Salzburger Festspiele am Samstagabend im örtlichen Landestheater aufgeführt wird. Das Publikum spielt darin die Hauptrolle, der Regisseur ist die schlechte Akustik.



Weil die Schauspieler auf der Bühne ziemlich leise in ihre umgehängten Mikrophone sprechen, verrenken sich die oft nicht mehr ganz jungen Premierenzuschauer in ihren Sitzen, recken die Hälse und spitzen die Ohren. Und das Ergebnis ist ein fortwährendes Stuhlgeknarze und Knochenächzen; grotesk, befremdlich und ein bisschen ulkig.

Die für ihren psychologischen Feinsinn berühmte Regisseurin Andrea Breth hatte sich vorgenommen, den großen Pionierbrocken unter den psychologischen Romanen der Weltliteratur auf die Bühne zu stellen, Fjodor M. Dostojewskis "Verbrechen und Strafe", in Deutschland formerly known as "Schuld und Sühne". Das passt natürlich ganz gut zu einem Festival, bei dem in diesem Jahr die mit allen Entertainer-Wassern gewaschene Literatur-Populistin Elke Heidenreich die Eröffnungsrede hielt, was manche Mäkler nicht so toll fanden, schließlich ist in Salzburg die Hochkultur zuhause.

Das Faktische versus das Moralische

Immerhin geht Dostojewski auch bei Salzburg-Puristen als großer Künstler durch. Die 1866 erstmals veröffentlichte Geschichte des Studenten Raskolnikow, der sich halb aus Niedertracht und halb aus Idealismus mit einem perfekten Mord über sein Leben als "Laus" erheben will, war in den vergangenen knapp anderthalb Jahrhunderten Vorbild für abertausende Variationen in guten und schlechten Krimis. "Verbrechen und Strafe", der neue Titel der spitzfindigen Neuübersetzung von Swetlana Geier, unterstreicht das Faktische, der seit Generationen sprichwörtliche alte deutsche Titel „Schuld und Sühne" betont dagegen (angeblich verfälschend) das Moralische.

Frau Breth betont das Zappendustere. Sie hat einen Gazevorhang vor die Bühne gespannt, hinter dem man zu Beginn eine Straße oder einen Flur erkennt, der sich irgendwo in der Ferne verliert, wo ein schmutziggelbes Rechteck glimmt. Hier sehen wir einen jungen Mann mit unter seiner pelzkragenbesetzten Lederjacke halb entblößter Brust. Es ist der hagere Schauspieler Jens Harzer, der hier sehr blass den "bleichen Engel" spielt, wie Dostojewski seinen Helden Raskolnikow einmal nennen lässt. Der Kerl hält eine Axt in der Hand, wirft sich auch bald vorn am Bühnenrand zu Boden und stellt mit heller, seltsam kindlicher Stimme die Frage: "Kann ich die Tat wirklich tun?"

Oh ja, er kann. Es zieht sich allerdings ziemlich hin mit actionfreier, schwer tiefsinniger Grummelei und ein paar Größenwahnsgesten des Hauptdarstellers, bis das Beil blutig niedersaust auf eine alte böse Pfandleiherin und deren Schwester. Wir sehen die Mordopfer jedoch gar nicht. Das Beilsausen erfolgt in einem Türrahmen, der zu einer vom Bühnenhimmel niedergeschwebten Stellwand gehört und sieht sehr hübsch und sehr undramatisch aus. Ein absolut schmerzloser, sozusagen abstrakter Mord also.

Furiose Körperarbeit

Den Schmerz und das Grauen, der Lebenshass und die Todesverzweiflung sind an diesem Theaterabend allesamt in den zappeligen Körper und die Stimme des in der Tat großartigen Darstellers Harzer gepackt. Mit bewundernswürdiger Energie zeigt Harzer den erst kühl triumphierenden, dann hitzig um seine Enttarnung fürchtenden Raskolnikow in immer neuen, virtuosen Verkrümmungen: mal depressiv versunken als Häuflein Elend auf einer Bierbank; mal ulkig aufbrausend im Streit mit dem windigen Bräutigam seiner Schwester; mal sanft zwitschernd mit dem frommen Waisenmädchen Sofja Semjonowna, seiner einzigen Vertrauten, welche Birte Schnöink sehr anrührend nach innen gekehrt spielt wie eine verwunschene Bettlerprinzessin.

Harzer schafft es, seiner Figur über den dann doch entschieden langen Theaterabend immer neue Nuancen abzuluchsen. Er scheppert seine Tiraden mit der metallischen Klarheit des legendär tollen Oskar Werner, den man in Salzburg als Heiligen verehrt, und er liefert ein paar somnambule Gruselauftritte ab, wie sie Klaus Kinski in seiner besten Zeit nicht besser hinbekam. Höchstwahrscheinlich ist es Harzer zaubermächtiges Spiel beinah allein, dessenwegen das Theaterpublikum fast fünf Stunden lang gespannt, gepackt und mit den Stühlen knarzend dem Bilderbogen dieser Inszenierung folgt.

Denn mehr als ein Stationendrama, das brav den Roman nacherzählt, will der Regisseurin Breth nicht gelingen. Anders als die "Schuld und Sühne"-Adaption von Frank Castorf (bei den Wiener Festwochen und an der Berliner Volksbühne) wirft sie sich nicht ins Getümmel des Romanstoffs, um daraus ihre eigenen Obsessionen und wilde Bilder von Erlösungssucht zu destillieren. Sie macht es eher wie der Pole Andrzeij Wajda, der den Stoff vor Jahren schon mal für die Berliner Schaubühne aufbereitete. Sie lädt ein zu einer hübsch didaktischen und in Maßen feinfühligen Expedition ins Herz des Bösen, die keinem wirklich wehtut.

Das liegt auch daran, dass man rund um Harzers Helden eine ziemlich mickrige Stadttheater-Salonkomödie spielt. Marie Burchard ist sehr anmutig und nett Raskolnikows Schwesterherz Dunja, Sven-Eric Bechtolf malmt als windiger Gutsbesitzer Swidrigalow interessant mit den großen Kieferknochen; Wolfgang Michael präsentiert einen absolut schmierigen Hofrat Luschin. Kein Wunder, dass Raskolnikow stöhnt: "Wenn ich doch nur allein wär!"

Der Ermittler als Witzfigur

Leider ist selbst sein zentraler Gegenspieler, der schlaue Kommissar Porfirij Petrwowitsch, hier nur eine knuddelige Lachnummer. Der gemütliche Großschauspieler Udo Samel, von der Regie offenbar völlig naturbelassen, wackelt diesen Mann mit schwer begreiflicher Drolligkeit auf die Bühne. Warum nur zittert Raskolnikow vor diesem netten Polizeionkel, als werde er vom Geist aus Falcos Lied "Drah die ned um, der Kommissar geht um" gejagt?

Weil auch der Regisseurin Breth wohl aufgefallen ist, dass ihr die Sache mehr und mehr zerfällt, darf gegen Ende der Bühnenbildner Erich Wonder noch mal richtig ran. Ein riesiges apokalyptisches Halbrundpanorama aus qualmenden Kratern in einer Mondlandschaft ziert die Bühne, ein Vorhang mit ebenso apokalyptischem Reiterlein schwebt ins Bild, und Harzers Raskolnikow kniet vor drei Blecheimern, aus denen er panisch Wasser von links nach rechts und zurück schippt, bis alles Wasser verschüttet ist.

Statt der großen Erlösungsahnung des Meisters Dostojewskij gibt’s ein Das-Leben-ist-sinnlos-Fleißbildchen seiner Musterschülerin Andrea Breth. Das ist zwar überraschend, aber dann auch sehr egal. So ist eigentümlich ist das manchmal mit der Poesie, nicht nur im schönen bunten Leseland der Elke Heidenreich.



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