Fichtners Tellergericht Bitte ein Byte!

Essen und trinken im "Second Life": Das riecht nach virtuellen Sinnenfreuden. Korrigiere: Es riecht nach gar nichts. Und schmeckt nach einer Mogelpackung aus Bits und Bytes.

Von Ullrich Fichtner


Wer aus Nullen und Einsen besteht, braucht zur Stärkung nicht Messer und Gabel, sondern hat in der Regel einen Button irgendwo mit der Aufschrift "Reload". Im Bestiarium der tausendundeins Computerspiele ist das der Fall, die Superhelden stehen wochenlange Schlachten oder Weltraumfahrten oder Tempelplünderungen durch, ohne einen Schluck Wasser, ohne einen Kanten Brot, aber vielleicht ändert sich das bald.

Tisch-Szene mit Autor: Delikater "Romance"-Knopf
Ullrich Fichtner

Tisch-Szene mit Autor: Delikater "Romance"-Knopf

Es gibt Hoffnung auf mehr Realismus im Virtuellen. Seit ein paar Tagen habe ich selbst den Sprung ins Dunkle gewagt und stolpere als Avatar durch "Second Life". Wer mich treffen will: Ich bin der Typ mit dem Kasperkopf und der schwarzen Jacke über grünem Hemd. Die Leute dort sehen alle nicht viel anders aus, man ist also tolerant, man plaudert, und kommt man sich näher, dann ist ein gemeinsames Essen nicht ausgeschlossen. Essen? Naja.

Wer "Second Life" noch nicht gesehen hat, und das müssen sehr viele Menschen sein, der muss es sich vorstellen wie einen interaktiven Zeichentrickfilm oder wie ein bewegliches Architekturmodell. Es ist, sozusagen, als sähe man einen Asterix-Film nicht nur, sondern könnte sich als Obelix aktiv durch die Kulissen klicken. Oder als erlebte man das "Dschungelbuch" aus Moglis Perspektive und könnte seine Tanzbewegungen steuern, sein Lachen, sein Reden.

Damit ist aber noch immer nicht viel über "Second Life" gesagt. Tatsächlich wächst da ein ziemlich unfassbares Universum heran, man kann schon jetzt Schlösser betreten, kühner als Neuschwanstein; Strände, schöner als in Südafrika, Tanzschuppen, finsterer als in der Bowery; Ballsäle, prächtiger als in Wien. Und, auch dies, man kann Platz nehmen in Restaurants und Bistros, in Bodegas und bayerischen Biergärten. Bald wird es Buschenschänken geben, Brasserien und womöglich Filialen von Alain Ducasse und Ferran Adrià.

Viele Klicks, kein Kellner

Wie isst es sich so im Virtuellen? Nun, ich kann vom "Dahab" auf dem Sinai berichten, dort gab es (dampfenden!) Hummus, ich habe Bratwürste verdrückt an Holztischen in Japan, habe Drehrestaurants im virtuellen Dortmund besucht und Sushi-Läden überall. Und mein Avatar sah immer befriedigt aus, wenn er sich vom Tisch wieder erhob. Satt bin ich nie geworden.

Und besonders amüsant war es eigentlich auch nicht. Essen in "Second Life" geht ungefähr so: Man lässt sein alter ego Platz nehmen an einem Tisch, meist ist der Strand nah, Musik spielt, man klickt also auf einen Stuhl, klickt "Sit here", schon sitzt man. Wer will, kann die Figur jetzt "Kellner!" rufen lassen, aber das ist sinnlos, denn es gibt in aller Regel keine.

Man klickt also herum, bis ein Kontextmenü erscheint, dort darf man sich die Tischdekoration aussuchen ("Romance"!), Farben wählen, Blumensträuße, Wein, das geht klick hier, klack da, dann steht auf einmal Essen auf dem Tisch, wie gemalt, und es dampft in Zeichentrick.

"Full Breakfast", "Ribs", "Eggs Benedict", es gibt dies und jenes, Pizza natürlich, Steaks. Man klickt, und der Avatar beginnt, in Zeitlupe seltsame Schaufelbewegungen zu machen – und ehrlich gesagt hat meiner bislang noch nie auch nur von weitem den Teller getroffen - daran sollten die Programmierer unbedingt noch feilen.

Neulich habe ich mit Alexandra gespeist, irgendwo in der Karibik, sie sagt, sie stammt in Wahrheit aus Sardinien und kocht gern, aber es könnte natürlich auch sein, dass sich hinter ihrer hübschen Fassade ein lüsterner Finanzbeamter aus Schweinfurt versteckt, der im Netz endlich Frau sein darf, wie auch immer.

Wir aßen jedenfalls und plauderten, und zwischendurch drückte Alexandra, oder Alexander, wer weiß, immer mal wieder auf den "Romance"-Knopf – wo man sich zum Rosen-Überreichen durchklicken kann, zum Wein-Nachschenken, solche Dinge. Dann wird auch das schnell langweilig und man beamt sich in die "Berlin-Bar" (ein trostloser Laden) oder nach Plush Tau, wo der "Purple Moon"-Ballroom zum Tanzen und Küssen einlädt. Nach Stunden schaltet man den Computer aus, erschöpft, seltsam leer, und sehr hungrig.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



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