Fichtners Tellergericht Das Geheimnis der Kanzler-Currywurst

Gulasch aus der Dose, Lachspamps aus der Tube - bei diesen Scheußlichkeiten des Fast-Food-Alltags bleibt dem SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner die Spucke weg. In seiner Kolumne beschreibt er Merkwürdigkeiten der Esskultur. Heute: Mahlzeit und Macht.


Wer nach der Macht greift, muss kulinarisch loslassen können, das klingt rätselhaft, lässt sich aber rasch anhand von ein paar Beispielen erklären: Unser Wirtschaftswunderkanzler Ludwig Erhardt bekannte sich zum Leibgericht "Pichelsteiner Topf", Helmut Kohls Liebe zum Saumagen war ein notorischer Witz, Schröder und die Currywurst bildeten ein festes Paar, Angela Merkel schätzt den "Eintopf" bis heute – man sieht: Ein verfeinerter Esser, und ein bekennender womöglich, kann in Deutschland nicht Kanzler werden.

Die Botschaft der Currywurst: Die Mächtigen speisen auf Augenhöhe mit dem Volk
DDP

Die Botschaft der Currywurst: Die Mächtigen speisen auf Augenhöhe mit dem Volk

Gewiss, man könnte einwenden, dass die Toskana-Fraktion auch ihre Zeit hatte, als die Minister Schily, Fischer, Künast & Co. ihre Wetteinsätze mit Brunello-Flaschen bezahlten und nichts gegen Trüffel über ihrer "Pasta" hatten. Aber die verfeinerten Grünen, sie waren doch nur ein vorübergehendes Kulturphänomen. Auf Dauer verdaut es ein Volk nicht, wenn die Mächtigen allzu volksfern tafeln.

Das ist kein deutsches, eher ein weltweites Phänomen. Jacques Chirac ließ sich den Kalbskopf gern rustikal im Ganzen servieren, Italiens Spitzenpolitiker erfreuen sich seit jeher männlich an übelsten Innereien, in den USA ernährt sich Bush der Jüngere von Hamburgern, "Pretzel" und den Kuchen seiner Mama, und die Botschaft dieser Speisepläne ist klar: Ich bin einer von euch, sagen die Herrschenden kauend, ich kenne euer Leben, ich esse wie ihr, wir speisen auf Augenhöhe: Ich bin das Volk.

So gesehen hat es am vergangenen Sonntag in Frankreich eine kleine Revolution gegeben: Der gewählte Präsident Nicolas Sarkozy ist, im Land der tausend Weine, bekennender Anti-Alkoholiker, über seine kulinarischen Vorlieben ist wenig bis nichts bekannt, vermutlich hat er gar keine. Ich war einmal dabei, in einem Café in Nancy, als Sarkozy zum Frühstück Gebäck in sich hineinstopfte, Croissants, Pains au chocolat, solche Sachen, Sarkozy ist "ein Süßer", aber vermutlich ist auch das nur Inszenierung und er will damit nur seine herbe Politik ein wenig überzuckern.

Kaviar-Linke und Toskana-Fraktion

Dass er als Esser ein unbeschriebenes Blatt ist, passt indes gut zu seinem Blut-Schweiß-Tränen-Programm. Einer, der den Bruch mit der Vergangenheit predigt, darf keine Zeit haben für üppige Gelage, und prompt wurde am Wahlabend gemeldet, Sarkozy habe sich zwar mit Freunden im Restaurant "Fouquet’s" auf den Champs-Elysées getroffen, aber "nichts gegessen". Wahrscheinlich hat er nur Sprudel getrunken, um seinem Land einen Vorgeschmack zu geben auf die kommenden Jahre seiner Amtszeit.

Verloren hat in Frankreich die Linke, und das ist eine Linke in Teilen, die auf den schönen Namen "la gauche caviar" hört, "Kaviar-Linke", das ist die französische Variante unserer Toskana-Fraktion. Man wirft ihr vor, links zu reden und rechts zu leben, und man kennt diese Sorte Mensch ja auch in Deutschland gut. Mein persönlicher Liebling war immer Oskar Lafontaine, ein Meister des falschen Lebens im Falschen, ein Arbeiterführer mit Leibkoch, bei dem das Herz links schlägt, aber der Mund schmatzt rechts, und da ist mir, ehrlich gesagt, einer wie Sarkozy am Ende lieber.

Mahlzeit und Macht, das bleibt jedenfalls ein spannendes Thema und ich frage mich manchmal, wie die deutsche Geschichte nach dem Krieg verlaufen wäre, wenn sich Adenauer zum Hummer und Kurt Schumacher zum Kaviar bekannt hätte. Wäre dann, kulinarisch, alles ganz anders geworden? Vermutlich nicht. Unvergessen ist die Anekdote, als sich der Altbundespräsident Walter Scheel, "hoch auf dem gelben Wagen", beim Hochzeitsmenü Blattgold über die Suppe stäuben ließ. Für eine Sekunde lang war Deutschland damals in einer vorrevolutionären Lage, das Volk war empört, und so wird es, ganz oben, auf ewig bei Eintopf, Currywurst und Saumagen bleiben. In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 7 Beiträge
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SarahDXB, 13.05.2007
1. Haut Cuisine ist nicht gleich rechts - Hausmannskost ist nicht gleich links...
Tatsächlich finde ich, dass Fichtner ein wenig Vorurteilbehaftet ist... oder aber parallelen aufstellt, die nicht ganz zutreffen. Volksnah ist also links - Savoir vivre ist rechts? Vielleicht sollte man eher darstellen was links und was rechts in diesem Zusammenhang ist? Die Linke immer durchsetzt mit Individualisten und Intellektuellen - sind diese Charaktere nicht sehr viel mit der Kunst (eingeschlossen der Kochkunst) verbunden? Und tendieren die Konservativen, Ultrakonservativen und die, die sich noch weiter am rechten Rand tummeln nicht eher zur Hausmannskost - zum Nachvollziehbaren, auch zum Populistischen? Ich finde, dass die Republik ruhig wieder ein wenig zum Intellektuellen rücken könnte - und ein bisschen weniger Tellerneid würde den Deutschen auch gut tun - und einen Kanzler der sich zum exquisiten Essen bekennt - schließlich hat Deutschland einige exzellente Köche zu bieten - sollen wir uns derer nun auch noch schämen, nur weil das Volk Foie Gras nicht versteht?
a-mole 14.05.2007
2. was herr fichtner nicht alles findet
was genau ist an Innereien eigendlich schaeusslich? Gewebe und muskeln... egal woher est kommt kann sehr gut schmecken. wenn man allerdings psychisch das ganze nicht verkraftet.. dann ist das ja wohl das eigene problem. Her FIchtner soll nicht so zickig sein und mal 5 fuenf grade sein lassen. Generell geht mir diese kulinarische arroganz ziemlich auf die nerven. Wenn mir die scampi schmecken, dann ess ich sie. Genauso wie den burger, den salat, coq au vin und das butterbrot. Ich brauch wirklich niemanden der mir vorschreibt was ich zu essen hab um irgendwem irgendeine art von bildung oder niveau zu beweseisen.
Bernd Löhr 14.05.2007
3. Was isst Merkel wirklich??
Irgendetwas macht Frau Merkel falsch auf diesem Sektor. Sie hat ja nun nerkennbar auf den Hüften zugelegt. Zuviel Eintopf? Wohl kaum, den gabs ja früher auch. Zuviele Diners? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit der gehobenen Küche prima schlank bleibt oder sogar wird, wenn es denn dabei bleibt. Es gibt wenig beleibte französische Politiker; im Pastaland schon eher, aber auch nicht so sehr. Lässt sie sich heimlich mal ein ordentliches Wiener Schnitzel servieren, oder gar ein Eisbein, oder sind es am Ende leckere Törtchen zwischendurch? Kalbsfilet, Rehrücken, Seezunge und Co sind jedenfalls nicht schuld.
Pablo alto, 15.05.2007
4. Rechter Besseresser
"Oskar Lafontaine, ein Meister des falschen Lebens im Falschen, ein Arbeiterführer mit Leibkoch, bei dem das Herz links schlägt, aber der Mund schmatzt rechts ..." Mit diesem - unüberlegten? - Satz hat sich Fichtner selbst diskreditiert. Gutes Essen ist nicht "rechts", und wässrige Koteletts aus dem Supermarkt sind nicht "links". Was für ein Blödsinn! Gerade in Frankreich, wo Fichtner beruflich lebt, weiß auch ein einfacher Arbeiter ein gepflegtes Diner zu schätzen (ob er sich's jeden Tag leisten kann, ist eine andere Frage). Da Fichtner sich ja nun selber zu den "Besseressern" rechnet, ist er wohl alles, nur kein "Kaviar-Linker". Dafür einer von rechtem Schrot und Korn - und damit exakt der rechte Mann zum richtigen Zeitpunkt im Sarkosy-Frankreich. Der hat sich zwar noch nicht als Gourmet geoutet, kennt sich dafür aber bestens mit deutschen Hochdruckreinigern aus, mit denen er schon mal die Banlieus "kärchnern" will.
schlappeseppel 15.05.2007
5. Currywurst ist toll
Ueber was man nicht alles diskutieren soll.... Aber bitte: Mein Leibgericht ist ebenfalls Currywurst oder Wurst allgemein in vielen Varianten.
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