SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Dezember 2008, 12:09 Uhr

Fichtners Tellergericht

Das Liebesleben der Sterneköche

Frankreich ist uns mal wieder voraus: Sterneköche wie Yannick Alleno oder Jean-Francois Piège gehören schon wie selbstverständlich zum Boulevard und werden auch dort gefeiert. Klatsch und Tratsch statt großer Kochkunst - Ullrich Fichtner findet das einfach nur degoutant.

Der Meister Yannick Alleno, Held des Herdfeuers im Pariser "Le Meurice", den ich hier schon mehrfach als den weltbesten Koch, jedenfalls als den mir liebsten besungen habe, ist jetzt mit der Schlagersängerin Patricia Kaas zusammen. Das Paar hat gerade die Titelseite von "Paris Match" geziert, sich zur großen Liebe bekannt und die Herzen und Türen für eine kleine, schmierige Homestory aufgemacht – und ich dachte still bei mir: Jetzt, Yannick Alleno, geht's mit dir bergab. Wer Zeit für Foto-Shootings hat mit "Paris Match", hat keine mehr fürs Einkaufen. Und wer mit Patricia Kaas am Arm zu Aids-Galas und Pop-Konzerten reisen muss, steht nicht mehr sooft in der Küche wie zuvor.

Liebespaar Kaas, Alleno: Man muss auf das Schlimmste gefasst sein
Getty Images; Reuters

Liebespaar Kaas, Alleno: Man muss auf das Schlimmste gefasst sein

Es wäre nun unangemessen persönlich, über einen Wildfremden zu sagen, dass ich von ihm enttäuscht bin, aber ich ärgere mich doch, weil ich dachte, hoffte, Alleno wäre anders, wäre vielleicht so wie der nicht minder große Koch Bernard Pacaud, der sich seit Jahren still und unsichtbar und ebenfalls mit drei Michelin-Sternen im Nacken im "Ambroisie" an der Pariser Place des Vosges abschuftet. Wird nun, im "Meurice", bald Johnny Hallyday in Lederfransenweste seine Bestellungen in die Gegend rülpsen? Und werden die neureichen Russen und steinalten Amerikaner aus dem "Espadon" im Hotel Ritz die Fronten wechseln? Man muss auf das Schlimmste gefasst sein.

Denn die Schickimickisierung auch der Küchen und Restaurants, auf gut französisch: "Pipolisation" genannt, ist zwar nichts Neues unter der Sonne, aber sie nimmt in Frankreich bedenkliche Züge an. Selbst der Urvater der kulinarischen Selbstdarstellung, Paul Bocuse, hat sich nicht so schamlos vermarktet wie seine Nachfolger, auch der Kräutersammler Marc Veyrat (zu erkennen am Schlapphut) hat es nicht so toll getrieben und noch nicht einmal Alain Ducasse, der doch zumindest immer den Herd im Zentrum stehen ließ. Der Allerschlimmste, scheint mir, ist im Augenblick Jean-Francois Piège, Chefkoch an der Place de la Concorde, im "Les Ambassadeurs", im ruhmreichen Hôtel Crillon.

Piège hat den dritten Stern noch gar nicht errungen, tut aber alles dafür, ihn durch mediale Dauerpräsenz herbeizuzwingen. Wirklich wird er herum gereicht wie ein Superstar, so dass es schon ganze Dokumentarfilme über sein Schaffen gibt, als wäre ein großes Werk zu bestaunen. Er folgt offenkundig dem Verfahren, das man in Deutschland aus der Fußball-Bundesliga kennt: Wenn die "Bild"-Zeitung und dann immer mehr Medien wieder und wieder darüber berichten, dass dieser oder jener Spieler jetzt kurz vor der Berufung in die Nationalmannschaft stehe, dann glaubt's am Ende auch der Bundestrainer.

Im Fall von Jean-Francois Piège heißt der Teamchef Michelin, und weil er nun wirklich dauernd aus Fernsehen und Zeitungen heraus lugt, hat man den Namen seines Zwei-Sterne-Hauses im aktuellen Führer schon mal rot unterlegt, das heißt: "Tendenz zum dritten", und es sollte mich wundern, wenn es nächstes Jahr nicht soweit wäre. Dass das unverdient wäre, halte ich hier schon einmal fest. Mein letztes Abendessen bei den "Ambassadeurs" war gut, aber keineswegs sensationell. Piège ist nicht kreativ genug, er kann es geschmacklich nicht wirklich krachen lassen, und überdies waren manche seiner Teller noch nicht einmal mit allerletzter Meisterschaft angerichtet, die der Esser bei drei Sternen unbedingt erwarten darf.

Was lernen wir daraus? Nun, es ist alles eitel. Und dass zu hoffen bleibt, dass sich Klatsch und Kochen in Deutschland nicht ebenso verheiraten wie das jetzt in Frankreich schon der Fall ist. Man stelle sich vor, einer von Kerners Köchen würde sich bald auf dem "Stern"-Titel sehen lassen mit einer Blonden im Arm. Oder Schubeck würde sich fortan immer einen Schlapphut aufsetzen, damit er in die Zeitung kommt. Oder Cornelia Poletto würde sich interviewen lassen über ihre "kochenden Leidenschaften". Oder Lafer würde sich den Schnurrbart abrasieren, weil's ihm ein Image- oder Media-Berater so empfiehlt. Kann nicht sein? Abwarten. Jetzt, wo die Krise die Restaurants noch weiter leeren wird, könnte so mancher bald auf jeden kleinen Nebenverdienst angewiesen sein.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung