Fichtners Tellergericht Deutschland, deine Würste

Neuerdings gelten ja schon mittlere Kleinstädte als Metropolen - und werben mit Errungenschaften wie Brühwurst für die Gourmet-Nation Deutschland. Muss das sein? SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner plädiert dafür, dass wir unsere Rolle als kulinarische Barbaren endlich akzeptieren.


Die französische Post hat diese Woche Feindpropaganda bei mir abgeladen, unter Briefen und Zeitungen fand sich die Broschüre "Escapades culturelles", herausgegeben von der Deutschen Zentrale für Tourismus, das ist sozusagen unser volkseigener Verein in Sachen Außenwerbung. Die Aufmachung des 36-seitigen Heftchens schwankt ungefähr zwischen Krankenkassen-Broschüre über Hüftschäden und dem TUI-Katalog "Bulgarien Kroatien", alles kommt ein wenig muffig daher, aber vielleicht ist das gerade Trend? Keine Ahnung.

Wurst-Crash in der Werbung: Selbstironie täte gut

Wurst-Crash in der Werbung: Selbstironie täte gut

Inhaltlich herrscht nicht das kleine, sondern das große Karo vor. Der französische Leser darf vor allem darüber staunen, was aus unseren Städten geworden ist gut 60 Jahre nach dem total verlorenen Krieg. Das einst ausgebombte Hamburg etwa: heute wieder "die hanseatische Metropole", Karlsruhe: "eine junge Metropole", Stuttgart: "eine dynamische Metropole", München: "eine gesellige und dynamische Metropole", Berlin: "Kunst-Metropole", und Frankfurt? Am Main? "Eine Metropole von internationalem Rang"!

Ich musste am Ende vor lauter "Metropole" im Fremdwörterlexikon nachschlagen. Dort durfte ich allerdings zu meiner Beruhigung lesen, dass sich an meiner gefühlten Definition nichts weiter verändert hat: "Metropole, Hauptstadt mit weltstädtischem Charakter, Weltstadt", so steht es da und dem ist nicht viel hinzuzufügen. Mag jeder selbst beurteilen, ob der Begriff von unseren Tourismuswerbern sauber verwendet wird. Ich gestatte mir hier nur den Hinweis, dass zum Beispiel die Metropole Karlsruhe ungefähr 260.000 Einwohner hat und leicht abseits des Europäischen Fernwanderwegs E1 bequem zu Fuß zu erreichen ist…

Seien wir ruhig stolz...

Aber kommen wir zur Sache: Was haben unsere Weltstädte, was hat Deutschland dem Franzosen kulinarisch zu bieten? "Escapades culturelles" drückt sich nicht um Antworten, und sie klingen, auf Doppelseite 30/31 unter der Überschrift "Parcours culinaire" so: "Kein Zweifel, Deutschland ist das Land des Brotes…", heißt es da, beziehungsweise "Deutschland ist das Land des Bieres…". Verschmitzt wird gefragt: "Und was wäre Deutschland ohne seine Würste?" Also ohne Nürnberger und Thüringer, ohne Münchner Weißwurst und Frankfurter, ohne Currywurst "berlinoise"? Tja, frage ich da zurück, was wäre denn Deutschland ohne sie? Ein zivileres Land vielleicht? Wo man sein Essen nicht immerfort in Därme stopft, brüht, kocht und alles am liebsten über offenen Feuern verbrennt?

Ich würde die ganze Sache so wenden: Seien wir mit der Deutschen Zentrale für Tourismus ruhig stolz auf unsere kulinarischen Eigenheiten, auf unsere Biervielfalt, geschenkt. Sorgen wir durch gezielten Konsum auch dafür, dass das ewige Wir-haben-300-Brotsorten-Gerede von unseren Bäckern wirklich in gute Taten übersetzt wird. Aber vielleicht sollten wir im Ausland, und in Frankreich zumal, damit besser nicht Hausieren gehen? Ich meine, es gibt viele deutsche Schön- und Besonderheiten, die jede Reise wert sind, das wissen sogar die Japaner. Aber das Essen gehört, bei aller Liebe (und in aller Regel), nicht dazu.

Wir Deutschen sind, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, kulinarische Exoten, und wir sollten damit heiter-spielerisch umgehen, Selbstironie täte gut. Wir sollten uns klar machen, dass ein deutsches Gasthaus nicht viel bietet, woran sich Franzosen und andere Ausländer wirklich freuen können. Die schockierende Wahrheit ist: Die finden unsere Knödel nicht lecker, sondern zum Lachen! Und was uns fad vorkommt, schmeckt für die total versalzen!

Noch einmal anders gesagt: Ein Pariser steht auf dem Münchner Oktoberfest vor "Steckerlfisch" und "Ochs am Spieß" ungefähr so, wie unsereins vor den gegrillten Hunden in Vietnam: Ratlos, leise angewidert und nur im besten Fall dunkel elektrisiert, aber sicher nicht im fröhlichen Sinne kulinarisch gereizt. Machen wir uns also nichts vor: Wir Deutschen sind im europäischen Konzert der Esskulturen die gemütlichen Barbaren, und das wäre nicht weiter schlimm, wenn wir nur endlich damit aufhörten, darauf auch noch stolz zu sein.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 35 Beiträge
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AllesSchmarrn, 12.10.2007
1. Deutschland lecker
Deutschland ist ein kulinarisches Schlaraffenland verglichen mit Grossbritannien.
schleckischleck 12.10.2007
2. In Frankreich nur schlecht gegessen
Jaja, Herr Fichtner, jetzt machen Sie wieder unser Land nieder, unsere schönen Stadt und unser Essen. Wir sind letztes Jahr mit der Familie zwei Wochen durch Frankreich gefahren - und wir haben fast überall nicht besonders gut gegessen. Bitte vergessen Sie niemals: Nicht jeder Mensch heißt Fichtner und kriegt seine Nobelrestaurantbesuche in Paris vom Spiegel bezahlt. Vielleicht müssen Sie einfach mal wieder ein paar mal in Deutschland gegessen haben, bevor Sie pauschal urteilen. Das Niveau finde ich ist in den letzten Jahren auch bei uns gestiegen. Grüße
Floak 12.10.2007
3. Muh!
Blabla! Nur weil wir in der Grillsaison die Bratwurst und in der Schnellen Küche zu hause ab und an ein Wienerle reinhaun, sind Würste und Ochs am Spieß noch lange nicht alles was Deutschland zu bieten hat. Ich glaube da hat der Fichtner ein bissl den Blick fürs Wesentliche verloren. Warum? Weil er scheinbar ausschließlich auf die Haut Cousine unserer Nachbarn guckt. Das die ebenso wie die Erzeugnisse unserer eigenen "Jungen Wilden" oder "Weltraumköche"(manchen scheinen soviele gefühlte Sterne ihr eigen zu nennen, dass sie schon eine eigene Galaxy darstellen müssten) wenig mit der Traditionellen und vor allem täglichen Küche zu tun haben, sollte aber jedem klar sein. Auch die franzosen kennen Fastfood und gediegene Kost. Das jeder Franzose sich ausschliesslich von Trüffeln, Foie Gras oder Coq au vin ernährt ist nichts als reine Fantasie. Dort gibts genauso Eintöpfe mit Kartoffeln, Kraut, Bohnen, fettestem Schwein und ähnlicher Kost. Und auch dort gibts Braten, oder Rindersuppe mit Gemüße und Fleischeinlage, die einzig durch die regional üblichen Gewürze unterschiedlich wirken. Und auch die Franzosen haben ihre Würste! Kann es sein das hier jemand ein bissl übertrieben romantisiert? Und kann es sein, dass hier jemand einen etwas starren Blick auf Frankreich hat und dabei ausschließlich Frankreich als "Rest Europas" sieht? Oder hat der Herr Fichtner etwa die Briten vergessen? Und wo ist der Blick nach Osten? Tschechien und Polen haben einen Knödelfetisch der unserem mindesten Ebenbürdig ist. Und was ist mit Schweden, Norwegen oder Dänemark im Norden? Was sind deren internationale kulinarische Verdienste? Und im Süden sehe ich auch nicht viel ausser die Italiener, die meiner Meinung nach in Sachen feiner Kost die Nase weit vor den Franzosen haben, aber trotzdem auch eine sehr Bodenständige Küche kennen die eben durch die regionalen Unterschiede stark geprägt wurde und uns aufgrund ihrer für uns recht wenig alltäglichen Beschaffenheit romantisiert wie etwas besonderes vorkommt. Ja, es gibt Unterschiede. Aber haben wir deswegen eine schlechte Küche? Ich denke nicht. Wir müssen vielerorts noch lernen, ja das stimmt. Z.B. scheint es in deutschen Metzgereien beinahe unmöglich richtig gutes Rindfleisch zu bekommen - es sei denn in besonderen Läden. Das fängt beim Bauer an und endet beim Metzger die in meinen Augen zu 90% aus schlichtem Desinteresse oder aus Gewohnheit nicht in der Lage sind Spitzenklasse zu erbringen. Und ebenso gibt es eine ziemliche Fantasielosigkeit in Sachen Schinken und Salamizubereitung. Dafür gibt es andere schmankerl, wie z.B. die eher regional in Franken erhältlichen Wurstsorten Gelbwurst, Pressack(in weiss, rot und als Sülzpressack), Blutwurst oder Stadtwurst. Natürlich gibts das auch anderswo in Deutschland in entsprechenden Facetten. Und auch wir haben hinter der Fassade der Nachkriegsküche auch noch tiefere Wurzeln die langsam wieder zum Vorschein und in Mode kommen. Z.B. traditionelle Küche in verbindung mit Bärlauch, Brennesseln, Ringelblumen und anderen Wildkräutern, die durchaus einiges zu bieten haben. Daneben haben wir noch das obligatorische, sehr gute Brot und Bier, was immerhin zwei "Grundnahrungsmittel" sind, die fast auf der ganzen Welt verzehrt werden. Ich persönlich sehe deswegen keinen Grund warum man sich irgendwie verstecken muss.
latraviata 12.10.2007
4. Deutschland .- Wurstland ?
Ich möchte dem Verfasser des Artikels hier vehement widersprechen. Als sehr häufige Frankreichbesucher haben wir auch dort nicht nur kulinarische Sternstunden erlebt. Ganz im Gegenteil, nach meiner Erfahrung isst man in normalen Restaurants eher durchschnittlich bis schlecht. Lediglich in der höheren und besternten Gastronomie darf man das erwarten, was hier bei uns so gerne unter "französischen Spezialitäten" verstanden wird. Die Gastronomie in Deutschland ist im mittleren Segment im Vergleich zu Frankreich um einiges feiner, kreativer und braucht sich eines Vergleichs nicht zu schämen, was übrigens auch die Weine hier bei uns betrifft. Unsere französischen Freunde kommen übrigens sehr häufig zu Besuch und lieben besonders das Münchener Okoberfest, wo sie gerade unsere typische Landeskost suchen und diese immer genießen. Es handelt sich dabei um sehr anspruchsvolle Menschen, was das Lukullische betrifft, ebenso wie die Schreiberin und ihre Familie, selbst Gastronomen und Hoteliers.
ichnicht 12.10.2007
5. Selbstironie
Ich fange mal damit an, die Nahrungsmittel die in Frankreich immerfort in Därme gestopft werden, aufzuzählen: Boudin noir, Saucisse de Lyon, Merguez, Chipolatas, Andouillette, etc. Es gibt unzählige. Es ist generell falsch, allgemein über die Küche eines Landes zu sprechen, vielmehr sollte man sich an dem durchschnittlichen Restaurant an der nächsten Ecke orientieren um ein Bild zu erhalten. Essen ist in Frankreich zweifelsohne ein grosses Thema, wobei daraus eben nicht folgt dass die (normale, und eben nur auf die kommt es an) Küche so viel besser ist, als in Deutschland. Die franz. Küche ist vor allem fett: Cassoulet, Confit de canard, Choucroute, Foie gras, um nur einige zu nennen (wow, ich kann ja auch ganz toll französisch sprechen...). Nach ca. 2 Jahren in Frankreich kann ich eines sagen: Der durchscnittliche Franzose isst Pizza, Nudeln, Schweinebraten(oh ja!) und ab und zu MacDonalds. Noch ein Wort zu den kulinarischen Exoten. Was erinnert mehr an gegrillte Hunde in Vietnam? Steckerlfisch, Ochs am Spiess oder doch eher Rinderzunge, Kalbshirn, Fischeier und Froschschenkel ?? Ach ja, und wenn der so "selbstironische" Autor dann vielleicht auch einmal ein bisschen Selbstironie zeigen würde anstatt nur darüber zu schreiben...
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