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26. Dezember 2008, 11:20 Uhr

Fichtners Tellergericht

Ein Fest für Kannibalen

Von Ullrich Fichtner

Silvester sind Gourmets in Alarmbereitschaft. Denn die Gastronomie rüstet zum kreativen Großangriff. Keine Komposition ist zu verwegen, kein Menü zu exaltiert. Sogar Schotten werden aufgetischt!

Nach Weihnachten kommt Silvester, wenigstens darauf kann man sich verlassen. Und mit dem Jahreswechsel kommen die hysterischen Galamenüs, die sich häufig lesen wie veritable Henkersmahlzeiten: Man lässt es noch einmal, ein letztes Mal richtig krachen, ehe das böse Ende naht. Wie schon im vergangenen Jahr habe ich mir wieder den Spaß gemacht, das Netz nach Menüfolgen zu durchsuchen, und dieses Jahr vergebe ich Ehrenpreise in verschiedenen Kategorien. Nach abgeschlossener Recherche stand mir der Sinn nach einer einfachen Hühnerbrühe, denn die Chefs lassen wieder keinen Stein auf dem anderen.

Brust und Keule - und auch noch vom Schotten! Lecker!
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Brust und Keule - und auch noch vom Schotten! Lecker!

In der Kategorie "Bestes Berliner Angeber-Menü" gewinnt das gute, alte Hotel Kempinski, wo zum Jahreswechsel das Blattgold stäubt, so als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Im Kempinski gibt es am 31. Dezember: Amuse bouche, Petit Fours von der Gänsestopfleber mit Blattgold und Pistazien, zweierlei Suppen vom Sellerie mit Hummer und Wachtel, Crepinette vom Steinbutt auf Langostinoschaum mit Patissons, Sorbet von Mango und Banane mit Champagner, Hirschkalbsrücken an gebackenen Kartoffel-Maronenpralinen mit kanadischen Cranberries, Hausgemachter Rumtopf mit Parfait von weißer Schokolade. Das nennt sich Gala-Erlebnis-Menü, kostet 295 Euro und isst sich mutmaßlich im Smoking. Guten Rutsch.

In der Kategorie "Verwegenstes Gala-Menü" gewinnt das Berliner Hotel Villa Kastania, wo gleich nach dem allfälligen Amuse Bouche aufgetrumpft wird mit Thunfischtartar und Hummerschere mit Shisosalat, Wasabi-Gurken-Marmelade, Maränenkaviar und Holundergelee. Da klingt nach Underberg, zumal dazu, ich zitiere, "die bezaubernde Anara Churikova" singt, "begleitet von Dr. Gottfried Eberle am Klavier".

Im Anschluss gibt es: Essenz von der Wachtel mit ihrem Ei, Maronen und Gemüsejulienne; kross gebratenes Filet von der Dorade auf sautierter Paprika mit Pfefferaubergine und Kapern-Rosinen-Vinaigrette; Granité von Gurken mit Cassis-Senf-Sorbet; Medaillons vom Milchkalb mit getrüffelter Kalbsjus, Champagnerkraut und Pommes carrés (sic!); Ravioli von Flugananas auf Passionsfruchtcoulis und Pina-Colada-Sorbet. Danach, so vermute ich, weiß man nicht mehr so genau, wo oben und unten ist oder wie sich süß und salzig buchstabieren.

Schotten zum Anbeißen

Mit dem Buchstabieren ist es im Schloss Nordkirchen, dem "Westfälischen Versailles", auch nicht weit her, dort gibt es zu Silvester "Das Beste vom Jahr 2008", und ein schöner Schreibfehler sorgt dafür, dass man meinen könnte, unter die Kannibalen geraten zu sein. Nordkirchen gewinnt jedenfalls in der Kategorie "Poetischste Menükarte", es gibt: Gaumenschmeichel fünffach in Silvesterstimmung; Süppchen von Jaipur Curry mit Kokos-Gambaspraline; Cordon bleu vom Steinbutt mit Rote-Beete-Risotto und Zuckerschotten (!).

Außerdem: gestreiftes Sorbet auf Champagnergranite; zartrosa Bisonrücken mit getrüffeltem Wurzelgemüse, Serviettenknödeln alles auf Kubebenpfeffersauce; Venusgarten mit süßen Highlights und Fruitcaviar; Tete de Moine mit Feigensenf und Brioche. Man weiß also nicht so ganz genau, was einen in Nordkirchen erwartet, aber dafür sind die Getränke inbegriffen.

In der Kategorie "bestes Preis-Leistungsverhältnis" siegt der Nürnberger Hobelwirt, nähe Bärenschanze, dort gibt es für 39 Euro ein Sieben-Gänge-Menü "Österreich", bestehend aus: weißer Gemüseschaum mit Kräutercroutons; Wildentenpastete an Salat der Saison; Hendlfilet an Paprikarahm mit in Butter geschwenkten Petersilienkartoffeln; zweierlei Filets im Südtiroler Speckmantel an Cognac-Pfefferrahmsauce mit Butterspätzle; Rohmilchauswahl aus der Bretagne mit Kremser Traubensalat; Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster und Vanilleeis. Und nach dem Feuerwerk, siebter Gang, wird gar noch ein Chili con Carne aufgetischt.

Käse reloaded

Weiß der Himmel, wie die ihre Rechnungen bezahlen. Im Berliner Margaux gibt es, zum Vergleich, zu Silvester auch ein Sieben-Gänge-Menü, aber das kostet 395 Euro pro Nase und im Fischers Fritz, ebenfalls Berlin, nehmen sie für sechs Gala-Gänge 490 Euro, aber da ist dann zum Glück der Wein schon mit drin. Ich weiß schon, das Essen beim Nürnberger Hobelwirt wird den Berliner Kreationen nicht das Wasser reichen können. Aber vielleicht isst man dort, in Nürnberg, für 39 Euro in ausgelassenerer Gesellschaft?

Wenn ich die Wahl hätte, würde ich nach Linz fahren, um dort im Arcotel Nike zu tafeln. Denn es würde mich brennend interessieren, wie allein der Käsegang des dortigen Silvestermenüs auf dem Teller aussehen mag, Gewinner in der Kategorie "Stärkster Käsegang". Nämlich: Gebratener Pecorinospitz gefüllt mit Mousse vom Ziegenfrischkäse und Rispentomaten an Essenz von der schwarzen Nuss und hausgemachtem Oliven-Thymian Ciabatta. Dafür, scheint mir, muss man nicht Koch, sondern Maschinenbauingenieur sein.

In diesem Sinne: Guten Appetit und guten Rutsch!

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