Fichtners Tellergericht Ein Hirn, richtig gut durch

Was hat der Kannibale mit dem Kantinenkoch gemein? Viel mehr, als beide glauben. Diese Erkenntnis verdankt die Welt dem großen Anthropologen Claude Lévi-Strauss. Ullrich Fichtner verneigt sich vor einem Denker, der wohl nie das Wort "Mouth-Feeling" in den Mund nähme.


Claude Lévi-Strauss feiert 100. Geburtstag, und zwar im Kreise seiner Lieben, das heißt, der Mann lebt noch, obwohl sein Werk so berühmt und längst so "klassisch" ist, dass man meinen möchte, der Autor sei seit langem unter der Erde.

Ist er aber nicht.

Anthropologe Lévi-Strauss: Lotete die Untiefen unserer Essgewohnheiten aus
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Anthropologe Lévi-Strauss: Lotete die Untiefen unserer Essgewohnheiten aus

Lévi-Strauss gibt ab und an noch immer Interviews, er geht auf Vortragsreisen, macht bald sogar in Köln Station, und wer sich fragt, was sein Name hier zu suchen hat, der sei daran erinnert, dass Band I von Lévi-Strauss' "Mythologica" schlicht und schön hieß: das Rohe und das Gekochte.

Ich werde mich hüten, eine Zusammenfassung zu versuchen, Schuster, bleib' bei deinem Leisten!, aber ich bitte alle Leser, die gern Essen und Trinken, heute Abend ein Glas auf den großen alten Franzosen zu heben.

Niemand hat die Untiefen unserer Essgewohnheiten, unserer Speisen und ihrer Herstellung so weit ausgelotet wie er, niemand hat, außer Jürgen Dollase vielleicht, die Angelegenheiten des Herdfeuers, des Bratens und Kochens, des Jagens und Sammelns, des gemeinsamen Mahls, so ernst genommen wie er.

Lévi-Strauss stellte Verbindungen her, die bis dahin niemand zu sehen imstande war, und durch ihn lernte die Menschheit, dass Wald- und Städtebewohner, Kannibalen und Kantinenköche, Indianer und Börsenmakler, vermeintlich Wilde und vermeintlich Zivilisierte am Ende viel mehr vereint, als sie in der Regel zu glauben geneigt sind.

Die Anthropologie ist folglich Lévi-Strauss' Fach, er näherte sich ihr mit den Mitteln des so genannten Strukturalismus, und entlockte der Welt Geheimnisse, die sonst im Dunkeln geblieben wären.

Es geht im Grunde um Dinge, die jeder Mensch, sofern er sie nicht weiß, in Wahrheit tagtäglich spüren könnte, wenn sein Bewusstsein noch einigermaßen intakt ist. Wer etwa nur in ein Rumpsteak beißt, verleibt sich das Stück eines Tiers und seines Mythos ein, was einfach so hingeschrieben schockierend klingen mag, aber unsere Lebenswelten sind auf derlei unheimliche Beziehungen gebaut, und Lévi-Strauss benannte sie kühl und spann dabei Bögen, die nachzuvollziehen selbst Menschen mit Doktortiteln bis heute schwer fällt.

A und O unserer Existenz

Aber die Bögen sind da, unsichtbar, immer, und wenn an dieser Stelle oft davon die Rede ist, dass Essen eine ernste, wichtige Angelegenheit ist, die unserem Leben Kraft nehmen oder schenken kann, dann hat das stets auch mit Lévi-Strauss’ Erkenntnissen zu tun.

Der wahre Wert unseres Essens ist nicht in Kalorien anzugeben oder mit "lecker" zu benennen; der wahre Wert besteht in den tausendfachen Verbindungen, die Essen unbemerkt herstellt, mit der Natur, mit Kultur, Tradition, Religion, es ist nie zuerst Freizeitvergnügen, nicht zuerst "Kochspaß", sondern das A und O unserer Existenz.

Wir behandeln es schlecht und mit den Jahren immer schlechter. Hier im französischen Fernsehen hat kürzlich ein Metzger unwidersprochen gesagt, dass in Frankreich nur noch zwölf Prozent der Leute selber kochen. Ich weiß nicht, woher er die Zahl nimmt, sie kommt mir dramatisch niedrig vor, aber andererseits entsteht hier in Paris an jeder Ecke gerade eine neue "Subway"-Filiale, ein neuer China-Imbiss oder ein neuer Tiefkühl-Supermarkt, wo sie einem jetzt schon die Schnittchen und Häppchen zum Aperitif schockgefrostet und auf Präsentiertellern fix-und-fertig arrangiert verkaufen.

Das geschieht in Frankreich, wie gesagt, dessen Präsident sich gerade anschickt, die hiesige Kochkunst zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Man wartet irgendwie auf einen Kommentar von Lévi-Strauss dazu, aber der alte Mann schweigt, natürlich, es dürfte unter seiner Würde sein, in die Tagespolitik einzugreifen. In einem Porträt über ihn habe ich gelesen, dass er das Haus heutzutage nicht mehr oft verlässt, die ganze Zeit Wagner-Opern hört und in der Zurückgezogenheit des Alters den Mythen nachsinnt.

Man wüsste dabei gern, was und wie er so isst, mittags, abends, das kam in dem Porträt nicht vor. Ob seine Mahlzeiten womöglich heiligen Akten gleichen, ernsten Zeremonien, ob er unkonzentriert nur zu Tiefkühlkost und Kartoffelchips greift oder seine Fasane noch selber in den Wäldern draußen schießt. Bislang hat er darüber nicht viel verraten, auch dazu schweigt der alte Mann, mit 100 Jahren längst ein Mythos seiner selbst.

Ein Gigant, vor dem sich eine tiefe Verbeugung ziemt, in einer Zeit, in der Menschen ungestraft "Mouth-Feeling" sagen dürfen, wenn sie, angeblich, über unser Essen reden.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



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julielarousse 30.11.2008
1. Eine würdige Würdigung
Die Würdigung für Claude-Levi Strauss ist der Bedeutung dieses Mannes wirklich würdig. Es ist vielleicht ganz gut, wenn er nicht mehr oft seine Wohnung verlässt, da bleibt ihm der Anblick der Snack- und Tiefkühl-Ladenketten erspart. Das ziemlich Schlimmste ist wohl die Installierung der US-Kette Starbucks, die ihren labbrigen Kaffee für dickes Geld an vermeintlich "moderne" junge Leute verkauft. Was die französische Esskultur angeht, erscheinen mir die von dem zitierten Metzger angegebenen zwölf Prozent seiner noch kochenden Landsleute wohl etwas arg niedrig angesetzt, doch kommt es auch darauf an, was man unter "Kochen" versteht. In wie vielen Familien wird noch ein ganzes Huhn von guter Qualität in den Ofen geschoben und wieviele machen ihr Püree noch nach alter Art aus handgepressten Kartoffeln, Butter und Milch? In einigen Pariser Restaurants wird dieses traditionelle Essen gern am Sonntagmittag angeboten und der Zulauf ist angeblich beachtlich. Von raffinierteren Dingen ganz zu schweigen... Wenn man sieht, was im Supermarkt über das Förderband geht und wenn man hört, dass Leute in gestandenem Alter (die noch in der Zeit Kinder waren, als es keine Fertigkost gab) auf dem Markt den Händler fragen, wie man denn Spargel oder Pfifferlinge behandelt, ist Sorge berechtigt. Andererseits ist es eine wahre Freude, dass es eben immer noch viele sehr gut besuchte Wochenmärkte (mit Direkterzeugern) gibt und dass selbst ganz nahe bei Paris Erzeuger sich zusammenschliessen und an Ort und Stelle direkt superfrisch Gemüse, Obst, Eier, Milchwaren und Geflügel zu sehr vernüftigen Preisen anbieten. Der Zuspruch ist dort sehr gross und der Kunde hat ausser der exzellenten Ware die Genugtuung, dass das Geld direkt in die Tasche derjenigen geht, die die Arbeit damit haben und nichts von Zwischenhändlern abgezweigt wird. Aber Sorge ist in der Tat berechtigt, wenn man sich daran erinnert, dass die Franzosen einen Mann zum Präsidenten gewählt haben, der keinen Wein trinkt und nach Aussagen seiner letzen Ex-Ehefrau nie Zeit fand, sich mit seiner Familie in Ruhe an den Esstisch zu setzten... Und wenn sich dann noch die "Gesundheits"-Ministerin mit ihrem verrückten Vorhaben durchsetzen sollte, Weinproben beim Winzer oder bei Weinmessen kostenpflichtig zu machen, um dem Alkoholismus vorzubeugen, kann man nur noch verzweifeln...
jury 05.11.2009
2. Es gibt viele Starbuxer auf der großen weiten Welt
Zitat von julielarousseDie Würdigung für Claude-Levi Strauss ist der Bedeutung dieses Mannes wirklich würdig. Es ist vielleicht ganz gut, wenn er nicht mehr oft seine Wohnung verlässt, da bleibt ihm der Anblick der Snack- und Tiefkühl-Ladenketten erspart. Das ziemlich Schlimmste ist wohl die Installierung der US-Kette Starbucks, die ihren labbrigen Kaffee für dickes Geld an vermeintlich "moderne" junge Leute verkauft. Was die französische Esskultur angeht, erscheinen mir die von dem zitierten Metzger angegebenen zwölf Prozent seiner noch kochenden Landsleute wohl etwas arg niedrig angesetzt, doch kommt es auch darauf an, was man unter "Kochen" versteht. In wie vielen Familien wird noch ein ganzes Huhn von guter Qualität in den Ofen geschoben und wieviele machen ihr Püree noch nach alter Art aus handgepressten Kartoffeln, Butter und Milch? In einigen Pariser Restaurants wird dieses traditionelle Essen gern am Sonntagmittag angeboten und der Zulauf ist angeblich beachtlich. Von raffinierteren Dingen ganz zu schweigen... Wenn man sieht, was im Supermarkt über das Förderband geht und wenn man hört, dass Leute in gestandenem Alter (die noch in der Zeit Kinder waren, als es keine Fertigkost gab) auf dem Markt den Händler fragen, wie man denn Spargel oder Pfifferlinge behandelt, ist Sorge berechtigt. Andererseits ist es eine wahre Freude, dass es eben immer noch viele sehr gut besuchte Wochenmärkte (mit Direkterzeugern) gibt und dass selbst ganz nahe bei Paris Erzeuger sich zusammenschliessen und an Ort und Stelle direkt superfrisch Gemüse, Obst, Eier, Milchwaren und Geflügel zu sehr vernüftigen Preisen anbieten. Der Zuspruch ist dort sehr gross und der Kunde hat ausser der exzellenten Ware die Genugtuung, dass das Geld direkt in die Tasche derjenigen geht, die die Arbeit damit haben und nichts von Zwischenhändlern abgezweigt wird. Aber Sorge ist in der Tat berechtigt, wenn man sich daran erinnert, dass die Franzosen einen Mann zum Präsidenten gewählt haben, der keinen Wein trinkt und nach Aussagen seiner letzen Ex-Ehefrau nie Zeit fand, sich mit seiner Familie in Ruhe an den Esstisch zu setzten... Und wenn sich dann noch die "Gesundheits"-Ministerin mit ihrem verrückten Vorhaben durchsetzen sollte, Weinproben beim Winzer oder bei Weinmessen kostenpflichtig zu machen, um dem Alkoholismus vorzubeugen, kann man nur noch verzweifeln...
Den übrigen Bemerkungen stimme ich gerne zu, aber zumindest in dem hiesigen "Starbucks" erhält man einen vorzüglichen Espresso - eher oberhalb der Qualität des schwarzen Segafredo - zu einem fairen Preis. Wie die "Starbucks"-Cafés in Frankreich schmecken, kann ich nicht beurteilen - in manchen Pariser Bistros jedenfalls habe ich schon ziemlich grausige warmgemachte Wasserbrühen aus dickem Normal-Café als Espresso serviert bekommen. Vielleicht sollte man sich hüten, die Dinge zu sehr zu pauschalisieren. In den USA sieht das natürlich anders aus: Pappbecher und eine Qualität, die nach meinen Erfahrungen eher den Mövenpick-Schümlis als einem guten Café ähnelt, als mehr als "trinkbar" zu bezeichnen, wäre zuviel der Ehre. Dennoch - dass sich Starbucks in den USA - einem Land mit einer vormals abgrundtief grausigen Cafékultur - wirkliche Verdienste um einen wenigstens trinkbaren Café erworben hat, steht ganz außer Zweifel. Grüße aus Saarbrücken! Jury
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