Fichtners Tellergericht Explosive Kost in Kandahar

Räudige "Ratpacks", fade Kalorienbomben, schleimige Brotaufstriche - das Soldatenleben ist auch in kulinarischer Hinsicht kein Spaß. Doch dass sich die Feldrationen auch als Waffen eignen, war für den pappsatten Reporter dann doch eine Überraschung.

Von Ullrich Fichtner


Dass das Soldatenleben kein Spaß ist, wird allgemein vorausgesetzt, aber niemand denkt dabei an die Verpflegung im Krieg. Sie ist, gemessen an der Mühsal, die ein Kampfeinsatz mit sich bringen kann, natürlich nicht weiter der Rede wert. Aber wer nur einmal mit britischen Soldaten in Afghanistan sein "Corned Beef Hash" aus der Alutüte gelöffelt hat, bekommt eine neue Vorstellung davon, wie weit das Feld des Essens wirklich ist. Dasselbe gilt für die berühmten MREs der Amerikaner, "Meals ready-to-eat", die die Soldaten nicht umsonst als "Meals rejected-by-everyone" verhöhnen. Sie können tatsächlich grauenhaft sein.

Britischer Soldat in Kabul: Essen-fassen aus der Alutüte
Getty Images

Britischer Soldat in Kabul: Essen-fassen aus der Alutüte

Ich war gerade in Afghanistan, unterwegs unter anderem mit einer britischen Luftlandeeinheit, die in einem Distrikt von Kandahar einen staubigen Außenposten besetzt hält. Es blasen dort die Staub- und Sandwolken über den Flur von räudigen Baracken und immer nach Sonnenuntergang brodeln die Blechnäpfe über Karbid-Flammen, in denen das Essen erwärmt wird. Die "ration packs" der Briten, von den Soldaten kurz "Ratpacks" genannt, sollen für 24 Stunden reichen – und da jeder Pack um die 4000 Kalorien enthält, muss tatsächlich niemand hungern.

In den braunen Kartons stecken, very british, "All Day Breakfast" samt Bohnen, Würstchen und Speck, es gibt "Chicken Casserole", "Lamb Navarin", "Beef Stew", ein Gemüse "Tikka Masala" oder "Lancashire Hotpot". Ich verbrannte mir den Mund an einem "Chunky Chicken Chili", erntete dafür aber nur spöttisches Gelächter von den Sergeants und Lieutenants, die über jeder Tüte noch vor dem ersten Löffel ohnehin erst eine halbe Flasche Tabasco auskippten, "damit's überhaupt nach was schmeckt".

Nun, es mag überraschen, aber viele der Hauptgerichte im britischen "Ratpack" sind nicht schlechter als das, was in hübscheren Verpackungen auch im Supermarkt verkauft wird. Nur muss man von den Extras schweigen, den schleimigen Brotaufstrichen, dem Pulverkaffee, dem Instant-Tee. Aber wenn sich am Ende doch noch ein "Lemon Sponge Pudding" in der Packung fand, legte ich mich anschließend sehr satt und zufrieden auf das Feldbett unter freiem Himmel, über mir die Sterne Afghanistans.

Veggie Burger mit Mullbinden-Geschmack

Die US-Armee folgt anderen Kriterien bei der Verköstigung ihrer Truppen, das kenne ich aus dem Irak. In jedem Pack steckt nicht das Essen für den ganzen Tag, sondern nur eine Mahlzeit von 1200 Kalorien. Für die US-Soldaten bedeutet das, viel mehr schleppen zu müssen als die Briten, aber dafür ist die Aufwärmtechnik meilenweit überlegen. Jede Packung enthält einen grün-schimmernden Beutel, dessen geheimnisvoller Inhalt bei Berührung mit Wasser starke Hitze entwickelt. Zu diesem Beutel steckt man die Ration, es gibt dafür eine schmale Pappschachtel - und nur Minuten später hat man ein heißes Essen auf den Knien.

"Chicken Tetrazzini" zum Beispiel oder "Country Captain Chicken", es gibt auch "Cheese Tortellini", "Chili and Macaroni", "Beef Teriyaki" und den beliebten "Veggie Burger", der ungefähr die Konsistenz einer aufgerollten Mullbinde hat. Trotzdem gilt auch hier: Manche Gerichte sind, den Umständen entsprechend, so übel nicht. Nun gut: Die Amerikaner finden einen Käseaufstrich in ihren MREs, "Cheese Spread", mit dem man gewiss auch Nagellack entfernen könnte. Und wer die Erdnussbutter ohne Würgen schlucken kann, muss wirklich großen Hunger haben. Aber es bleibt dabei: Es ist eben kein Spaß.

Und es ist unvorstellbar für uns Normalverbraucher, dass die meisten US-Soldaten heutzutage 15 Monate am Stück in den Krieg ziehen. Das heißt viel, aber es heißt eben auch 15 Monate lang "Chili and Macaroni", "Chicken Tetrazzini", "Beef Teriyaki", von morgens bis abends, sieben Tage die Woche. Wer allein das unbeschadet überlebt, muss ein harter Knochen sein. Und niemand kann es den Soldaten verdenken, dass sie aus ihren MREs zum Spaß manchmal kleine Bomben bauen - der kleine chemische Ofen gibt das tatsächlich her. Ob die Entwickler auch daran gedacht haben? Die Feldration als Waffe? Zuzutrauen wär’s ihnen.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.