Fichtners Tellergericht Fettig, frisch und fröhlich

Ein bisschen Eskapismus muss erlaubt sein - gerade während der großen Finanzkrise. Also schwelgt Besseresser Ullrich Fichtner bei der Lektüre zweier Gourmet-Bücher aus den fetten fünfziger Jahren in Austernorgien, Butterbergen und Lamm-Eintöpfen.


Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten, und jedes Wort übers Essen kommt einem vor wie eines zuviel. Wer wollte noch darüber nachdenken, was er sich Schönes auf den Tisch stellen könnte, während es im Weltgebälk unheilvoll kracht und die stürzenden Trümmer bald auch in unseren Stuben einschlagen werden.

Moderne Steak-Kreation: In den Fünfzigern durfte es dagegen auch mal etwas fettiger sein
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Moderne Steak-Kreation: In den Fünfzigern durfte es dagegen auch mal etwas fettiger sein

Andererseits: Gegessen werden muss, und es gibt wenig menschliche Erfindungen, die tröstlicher wären als ein gelungenes Mahl. Ich habe dies gerade wieder gelernt, noch nicht einmal beim Essen selbst, sondern bei der Lektüre zweier Bücher, die auf den Leser wirken wie ein kleiner, heiterer Urlaub von der großen Krise.

Das eine, "Zwischen den Gängen", hat der amerikanische Reporter A.J. Liebling schon 1959 geschrieben und es liegt jetzt, im Berenberg-Verlag, in deutscher Übersetzung vor. Es ist ein geistreiches, verfressenes Werk, geschrieben von einem Mann, der in den zwanziger Jahren Student in Paris war, 1939 als Korrespondent des "New Yorker" dorthin zurück kehrte, ehe er 1944 im Kugelhagel mit den Alliierten in der Normandie landete.

Der Mann hat folglich große Krisen und viel Leid erlebt – und trotzdem kreiste sein Leben immerfort ums (maßlose) Essen und Trinken. Es finden sich in "Zwischen den Gängen" grandiose Skizzen über opulente Abendessen, die aus Dutzenden Austern oder Schnecken bestehen, gefolgt von ganzen Forellen, gefolgt von gleich zwei schönen Fleischgängen, Lamm-Eintöpfen und Perlhühnern, Cassoulets, Bresse-Tauben, Hummern, Lammschultern. Liebling wünschte sich seinen Pot-au-feu wie im 19. Jahrhundert, aus 15 Pfund Rumpsteak, das in einer Brühe gekocht wird, in der tags zuvor schon 15 Pfund Rindfleisch sieben Stunden lang simmerten. Dazu flaschenweise Chateau Pétrus.

Wer heute leidet am Leicht-und-lecker-Gefasel unserer Zeit, der wird sich freuen, die Bekanntschaft dieses bekennenden Gourmands zu machen, einem Mann gänzlich "frei von den Magengeschwüren, die man sich durch die Sorge um eine ausgewogene Ernährung holt." Er darf sich weiden an den üppigen Bildern, die Liebling von seiner eigenen Fresslust malt, und die noch nicht einmal schweigt, als der Krieg gerade nach Frankreich kommt, und er trotzdem die Zeit findet, sich an die "frischen Bachforellen" zu erinnern, die er mit Champagner in Saint-Dizier genoss, "hinter der bröckelnden Front".

Liebling ist ein eitler Schreiber, und manchmal, das stimmt leider, wirkt sein Humor aus heutiger Sicht ein wenig ranzig und sein Blick auf die Welt altherrenhaft. Aber wer sich durch diese Strecken kaut, wird als Leser anderswo reich belohnt. Der Amerikaner beschreibt schon früh, wie Frankreichs grandiose Esskultur zu schwächeln beginnt, hellsichtig erfasst er, wie die Moden des Sports und der Schlankheit sein Traumland aus Butter, Sahne, Eiern bedrohen, aber immer wieder, erst in den zwanziger, dann in den dreißiger, und immer noch in den fünfziger Jahren findet er die Orte der Sehnsucht, an denen die schönsten Poularden weiterhin mit Gänseleber gestopft und "mit Lammbries und in Madeira gekochten Trüffelscheiben" serviert werden.

Wer es eine Spur leichter mag, der greife zum zweiten Buch, das ich gerade vom Nachttisch geräumt habe, es heißt "Am liebsten nach Süden" und ist seit kurzem bei SchirmerGraf erhältlich. Sybille Bedford hat es geschrieben, ebenfalls in den fünfziger Jahren, die Autorin ist Jahrgang 1911, vor zwei Jahren starb sie in London, sie wurde in Berlin geboren als Tochter des Barons von Schoenebeck und seiner englischen Gemahlin, wuchs auf in Deutschland, England, Italien und Frankreich, und, nun ja, so schreibt sie auch.

Ein kulinarischer Snob, einerseits. Aber andererseits eine elegante Beobachterin, die man liebend gern begleitet hätte auf ihren Reisen nach Capri kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, auf ihren Touren zu Weinschlössern im Bordelais, auf ihren einsamen Autofahrten – weil es damals kaum Autos gab! – durch die Auvergne, durchs Piemont. Sie wärmen das Herz und nähren das Hirn, diese Hymnen auf Italien insbesondere, auf weiße Trüffel und Muschelrisotto, auf Ossobuco und Porcini, und allein Sybille Bedfords kluge Beobachtungen über das Reisen an und für sich bleiben sehr spannend und erhellend.

Zwei Bücher also, geschrieben von Menschen, die große Krisen überlebten, Weltkriege gar, Börsencrashs, Schwarze Freitage. Und die doch nicht aufhörten, mitten in der großen Dunkelheit kleine Lichter anzuzünden: bei Tisch, beim Essen, wo sonst.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



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