Fichtners Tellergericht Futter verfault? Fragen Sie Vater Staat!

Was kaum einer weiß, aber jeder in Anspruch nehmen sollte, verbirgt sich hinter dem ominösen Kürzel VIG. Das seit Mai in Kraft getretene Verbraucherinformationsgesetz legitimiert den Bürger, sich mit Fragen zu Glykolwein, Gammelfleisch und Nikotin-Eiern an den Staat zu wenden. Also los!

Von Ullrich Fichtner


Es hat zwar kaum jemand bemerkt, aber seit Mai ist das VIG in Kraft, das heißt ausgeschrieben: "Verbraucherinformationsgesetz" und könnte eine ziemlich scharfe Waffe in den Händen des mündigen Bürgers sein. Jedermann darf jetzt Briefe schreiben an Bundes- und Kommunalbehörden und sie um Informationen über Lebens- und Futtermittel, Wein und Weinerzeugnisse nicht nur bitten – die Behörden sind sogar verpflichtet, sie zu erteilen.

Gute alte Currywurst: Aber was ist wirklich drin? Fragen Sie den Staat!
AP

Gute alte Currywurst: Aber was ist wirklich drin? Fragen Sie den Staat!

Nun fragt sich der mündige Bürger natürlich, was er von Behörden wissen will, die den Wahnsinn unseres Lebensmittelmarktes so brav organisieren und in der Regel nur dann einschreiten, wenn sie von der Öffentlichkeit zum Jagen getragen werden. Aber das Gesetz bietet nun immerhin die schöne Möglichkeit, wenigstens das eigene Querulantentum einmal richtig auszuleben, und ich hätte ein paar Vorschläge zu machen, was man unsere Beamten, streng nach den Richtlinien des VIG, so alles fragen könnte.

Wie wär’s mit: "Sehr geehrte Damen und Herren, stimmt es, dass der Kinderjoghurt 'Biene Maja' von Bauer fast doppelt so viel Zucker enthält wie Coca Cola?" oder: "Würden Sie mir bitte Informationen darüber zusenden, wie viel Tonnen Tiermehl deutsche Firmen als Futtermittel nach Vietnam und Malaysia verkaufen, obwohl das streng verboten ist?" oder, auch schön: "Ich habe letztes Jahr mit dem Rauchen aufgehört, lese aber nun ständig über Nikotin in Hühnereiern. Geht von ihnen eine Gefahr für meine Gesundheit aus?"

Sollte einer der Leser hier einen solchen Brief nach VIG wirklich schreiben, bitte ich darum, mir die Antwort der zuständigen Behörde in Kopie zuzuschicken. Denn ich habe den leisen Verdacht, dass dieses Gesetz ein arger Papiertiger ist. Ich glaube nicht, dass Herr Müller und Frau Meier wirklich Antwort erhalten, wenn sie einen Brief an den Staat aufsetzen mit dem Ziel, den Aromastoffgehalt eines "Du darfst"-Geflügelsalats zu recherchieren. Aber wer weiß.

Für den Moment will sowieso niemand besonders viel wissen. Im SPIEGEL stand gerade, dass seit Mai vier, in Worten: vier Anfragen bei den diversen Bundesbehörden eingetrudelt sind. Da ist noch Spielraum für mehr, und es gibt genug drängende Fragen: Hatte mein China-Restaurant an der Ecke schon mal Probleme mit der Lebensmittelaufsicht? Haben Sie Erkenntnisse darüber, ob mein Bäcker in der Bismarckstraße verbotene Backtriebmittel verwendet? Kann ich den 1998er "Gran Reserva", den Penny vor zwei Jahren wegen Glykolpanschereien aus dem Regal nehmen musste, jetzt wieder trinken? Und wo kommt eigentlich der Thunfisch meines Sushi-Ladens her, wo die EU doch gerade ein totales Fangverbot verhängt hat?

Fragen über Fragen. Und streng nach Verbraucherinformationsgesetz muss Vater Staat nun persönlich die Antworten darauf geben. Ganz blöd ist er allerdings auch nicht. Er hat, wen wundert's, ein paar Bremsen eingebaut. Denn wer sich dazu entschließen sollte, wirklich einen Brief zu schreiben, weil die Pfirsiche aus dem Supermarkt verfault waren, dem wünsche ich viel Spaß beim Versuch, in der "Behördensuchmaschine" des zuständigen Berliner Ministeriums den richtigen Ansprechpartner zu finden. Nach ein paar Stunden quälenden Surfens dort kommt man jedenfalls zu dem Schluss, dass es am Ende doch besser wäre, einfach seinen Arzt oder Apotheker zu fragen.

Auf alle Fälle ist bei jedem geplanten Brief höchste Vorsicht geboten. Denn es fallen, natürlich, immer auch Bearbeitungs- und Verwaltungsgebühren an, und zwar je nach Land unterschiedlich hohe, sonst wär's ja nicht Deutschland. Im Saarland ist von jedwedem Brief an den Staat schon mal unbedingt abzuraten, denn dort kann so eine VIG-Anfrage am Ende bis zu 10.000 Euro kosten, sagt die Verbraucherorganisation Foodwatch. Na ja, und da schmeißt man dann die verfaulten Pfirsiche besser einfach weg. Und hält die Klappe.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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insgesamt 3 Beiträge
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eval, 04.07.2008
1. VIG- Eine traurige Angelegenheit für den Verbraucher!
Die Ausführungen stimmen uns Verbraucher nicht froh. Wenn die Gebühren für den Verbraucher höher sind, als die Strafen, die den Gammelfleischproduzenten drohen, fragt man sich schon,warum dieses Gesetz auf den Weg gebracht wurde. eval
lindtwurm 04.07.2008
2. Fragen Sie Vater Staat..
Behördensuchmaschine? Brauchste nicht, schreibste an das Bundeskanzleramt, die leiten alles fein weiter da hin wo es hingehört. Easy.
MarthaMuse, 05.07.2008
3. Jede Behörde
Nach der Gemeinsamen Geschäftsordnung (GGO) der Behörden ist jede Behörde verpflichtet, Schreiben, die irrtümlich an sie geschickt wurden, an die RICHTIGE Stelle weiterzuleiten. Kein Mitarbeiter darf einen Brief zurückschicken mit dem Hinweis: Lieber Bürger, ich bin da doch der falsche Adressat. Gute Möglichkeit übrigens, wenn man mal zu Protestzwecken eine Behörde lahmlegen will: Briefe an möglichst falsche Adressaten schicken, aber so, dass der Mitarbeiter dort tüchtig Arbeit hat, rauszufinden, welche Stelle die richtige wäre.
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