Fichtners Tellergericht Kommt gar nicht in die Tüte!

Das wird Ihnen gar nicht schmecken: Die Lebensmittel-Industrie lügt, dass sich die Packungen biegen. Wie gut, dass Verbraucherschützer sagen, was Sache ist. Es ist nämlich höchste Zeit, einer arroganten Branche auf den Zahn zu fühlen.


An trüben Wintertagen, wenn die Sonne endgültig so tut, als wäre sie gar nicht aufgegangen, amüsiere ich mich neuerdings bei der Lektüre von www.abgespeist.de. Die Webseite, hinter der sich die notorische Verbraucherschutzorganisation "foodwatch" versteckt, kümmert sich in satirischem Ton darum, dass "Etiketten lügen wie gedruckt". Nun, das wussten wir schon, im Großen und Ganzen, aber hier geht es um die gemeinen Feinheiten.

Süßigkeiten rechnen sich. Vor allem mit schmackhaftem Marketing
DPA

Süßigkeiten rechnen sich. Vor allem mit schmackhaftem Marketing

Die gute, alte "Kinderschokolade" zum Beispiel, "für die Extraportion Milch" und mit viel "wertvollem Kalzium", wird hier sauber zerlegt. Wir erfahren im Kurztext, dass die angeblich so gesunde Süßigkeit auch reichlich Butterreinfett enthält, dazu synthetisches Vanillin und, für den schönen Schmelz, den Emulgator Sojalecithin.

Das Beste ist aber der knochentrockene Kommentar, dass ein Kind glatt 13 Kinder-Riegel essen müsste, um seinen Tagesbedarf an Kalzium zu decken, aber "damit hätte es dann auch 48 Stück Würfelzucker und zugleich ein halbes Paket Butter verspeist". Gut gebrüllt!

Andere Schlager der Woche: "Fruit2Day" von Schwartau, laut Eigenwerbung "100 Prozent der täglichen Portion Obst" – doch enthält dieses Früchtchen vor allem Saftkonzentrat und "natürliche" Aromastoffe, die in der Regel kaum je mit Obst in Berührung kamen. "Biene Maja" von Bauer? Eine "Zuckerbombe" sprengkräftiger als Coca-Cola. "Frucht-Tiger" von Eckes-Granini? Kein "gesunder Durstlöscher", wie behauptet wird, sondern, sagt "foodwatch", auch reich an E330, sprich: dem Zahnkiller Zitronensäure.

Delikate Unkenrufe

Ich muss sagen, die Verbraucherschützer fangen an, mir Spaß zu machen. Nur widerwillig habe ich bislang den Newsletter der Organisation überflogen, weil mir ihr apokalyptischer Ton und die kulinarische Erbsenzählerei auf die Nerven gingen. Immer wenn mir die neuesten Meldungen über "Dioxin in Dorschleber", "Acrylamid in Kartoffelchips", "Cumarin in Frühstücksprodukten" ins Postfach flatterten, dachte ich bei mir: Tja nun, Leute, so ist das Leben, und ob wir nun Dorschleber oder Bio-Karotten essen – sterben müssen wir so oder so.

Mit "abgespeist.de" zieht nun ein neuer, lässigerer Ton bei "foodwatch" ein – und mir will scheinen, dass diese Art kecker Gegenaufklärung die Industrie wirklich sehr ärgern wird. Denn sie tut ja nun alles dafür, ihr Handwerk im Trüben und Verborgenen zu treiben, sie stemmt Milliarden in die Werbung, um davon abzulenken, dass sie uns in aller Regel irgend welchen chemisch aufgepeppten Ramsch andrehen will – und mit Klauen und Zähnen wehrt sie sich seit Jahren ziemlich erfolgreich dagegen, dass auf den Verpackungen endlich steht, was wirklich drin ist in ihren Bechern, Schalen, Tüten.

Aber eine "Kennzeichnungspflicht", wie sie in allerlei Gesetzesentwürfen und –texten längst formuliert wurde, besteht natürlich noch immer nicht. Wieder und wieder wirft die Ernährungs-Branche ihre Macht in die Waagschale und ihre Anwälte und Lobbyisten in die Bresche, um den fürsorglichen Staat in letzter Sekunde auszubremsen.

Den Lügnern die Suppe versalzen

Ihre Macht ist dabei gewaltig, auch wenn sie sich immerfort hinter gemütlichen Labeln und idyllischen Werbespots versteckt. Die Branche ist längst einer der größten Arbeitgeber im Lande, abgehängt praktisch nur noch von der Autoindustrie, aber anders als diese wesentlich laxer kontrolliert und zu penibler Rechenschaft gezwungen.

Nun, wir wollen aber auch nicht scheinheilig sein. Wir selbst haben die Industrie schließlich zu dem gemacht, was sie ist. Je liebloser unser kulinarischer Lifestyle wird, desto mehr Türen öffnen wir den tausendundeins Fertigprodukten, und die Maggis und Krafts, Unilevers und Nestlés können sich täglich mit ein bisschen mehr Recht zur Mutter der Nation aufspielen, die uns vom "Frühstückchen" bis zum letzten Betthupferl päppelt und nährt.

So stehen wir, vor dem Supermarkt-Regal, wirklich wie unmündige Kinder, dazu verurteilt zu essen, "was auf den Tisch kommt". Es wäre schön, wir kämen endlich in die Pubertät. Und lehnten uns, bewaffnet mit guten Argumenten, gegen die Autoritäten auf. Agenturen wie Foodwatch helfen dabei, und das ist sehr gut so.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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