Fichtners Tellergericht Kulinarisches Krippenspiel

Glückliches Frankreich! Dort verspeisen schon Kleinkinder in der Krippe Drei-Gänge-Menüs. Das hat aber nichts mit Elite-Züchtung zu tun, sondern mit kulinarischer Früherziehung. Ein Vorsprung, den wir Deutsche wohl nie aufholen werden.

Von Ullrich Fichtner


Frankreichs System der Kinderbetreuung wird zu Recht gerühmt, man kann sich das als Deutscher (und vor allem: als deutsche Mutter) gar nicht schön genug ausmalen. Vorwiegend heiter und jedenfalls selbstverständlich wird der Nachwuchs schon wenige Monate nach der Geburt tagsüber in fremde Fürsorge gegeben, und das heißt auch: in die Obhut fremder Köche.

Deutscher Kindermampf: Mit Nudelsalat und Würstchen zum Schlechtesser erzogen
DDP

Deutscher Kindermampf: Mit Nudelsalat und Würstchen zum Schlechtesser erzogen

In dieser Woche hat der nationale Kantinenbetrieb wieder begonnen, in Frankreichs Krippen und Vorschulen setzen sich Kleinstkinder am Mittag wie große Leute um große Tische, sie werden bedient von herzhaften Betreuerinnen in Kittelschürzen, und an den Wänden hängen schöne Schaubilder über französischen Käse, hiesige Brotsorten und das Leben von Austern, Kühen und bretonischen Hummern.

Wer sich fragt, woher Frankreichs kulinarischer Vorsprung rühren könnte, wer sich fragt, wie man ein Volk zum Genuss erzieht, der muss in diese Krippen und Schulen gehen. Und dort steht er, als Deutscher zumal, fassungslos inmitten einer Wunderwelt. Schon zweijährige Kinder werden mit drei Gängen konfrontiert, sie bekommen Entrée, Hauptgang und Dessert serviert, manchmal gibt es Käse als vierten Gang, und die Kleinen, sie sitzen da, als wäre nichts weiter, und essen. Gemeinsam. Versonnen. Selbstverständlich.

In der Krippe meines kleinen Sohnes, er ist zweieinhalb, schreibt der Koch das Menü des Tages auf eine Schiefertafel im Windfang. Er hat vorher für den Kindergarten des Elysée-Palasts gearbeitet, er hält also auf Qualität. Seine Zutaten kauft er täglich auf dem Markt und arbeitet auch sonst nur mit frischer Ware. Daraus fertigt er luftige Gemüsepürees, kleine Fischgänge, Kartoffelgratins, neulich gab es gar ein "Duett von Lachs und Jakobsmuscheln" – und die Kinder griffen zu, als hätte er Pommes frites mit Ketchup auf den Tisch gestellt.

Kulinarisches Glück für alle

Besucht mein Sohn eine Elite-Krippe? Isst er in Gesellschaft von Adeligen und verwöhnten Bürgerskindern? Aber woher! Der Kindergarten gehört zur guten, alten "Libération", der linken Tageszeitung Frankreichs, die Eltern sind Drucker, Büroboten und schlecht bezahlte Redakteure, alles Leute, die seit je auf soziale Gleichheit geeicht sind – aber eben auch auf kulinarisches Glück. Also gibt die Direktorin mehr Geld fürs Essen aus und weniger für neues Spielzeug. Die Möbel sind alt, die Wände könnten frische Farbe vertragen, aber an Fisch und Fleisch, an Gemüse und Obst wird nicht gespart. Glückliches Frankreich!

Nun gut, es ist nicht so, dass alle Schulen, alle Krippen von ambitionierten Koch-Brigaden versorgt werden. Es gibt auch Fehlleistungen, natürlich. Nur protestieren, in Frankreich, wenn das Essen nicht stimmt, bald die Eltern. Ich bin selbst auf Versammlungen gewesen, die sich hitzig um das leibliche Wohl der Kinder drehten. Besorgte Väter traten auf und forderten nicht etwa Computer, sondern besseres Essen für die Schüler ein – tatsächlich verbunden mit der Erklärung, notfalls auch mehr dafür bezahlen zu wollen. Glückliches Frankreich!

Trauriges Deutschland. Man muss zu dem Schluss kommen, dass sich in den Schulspeisungen ein wesentlicher Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Gesellschaft spiegelt: Während sie links des Rheins immer schon danach trachteten, den (kulinarischen) Reichtum an alle zu verteilen, haben wir uns, rechts des Rheins, schnell darauf geeinigt, vor allem die Armut demokratisch zu verwalten. Dass sich daraus zwei grundverschiedene Lebenswelten entfalten, liegt auf der Hand. Und bald auf allen Tellern.

Aber nun liegen ja längst alle Pläne in Sachen "Neue Deutsche Ganztagsschule" vor und die allfälligen "Pilotprojekte" laufen. Werden also auch wir bald die Chance nutzen und die Schule zu einer kulinarischen Anstalt machen? Es wird niemanden wundern, dass ich daran nicht glaube. Ein deutscher Kantinenkoch hat mir einmal erzählt, dass er seinen Gästen für 50 Cent mehr pro Teller 100 Prozent besseres Essen auftischen könnte. Aber, sagte der Mann, "das ist mit den Leuten einfach nicht zu machen". Und damit ist ja praktisch alles gesagt.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 11 Beiträge
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unti 07.09.2007
1. volle Zustimmung
Ja, glückliches Frankreich! Und hier in Belgien liegen die Dinge ähnlich, Krippenversorgung für alle Kinder ist selbstverständlich, arbeitende Mütter auch und natürlich die Betonung auf "kulinarischen Genuss". Es macht tatsächlich einen grossen Unterschied, ob eine Nation ihren Nachwuchs mit französischem Käse und einer Vorliebe für gutes Essen heranzieht oder, wie in Deutschland, mit Aldi-Frass. Und das ist nicht unbedingt eine Frage des Geldbeutels, sondern der Prioritäten. Auch Erwachsene können von Frankreich und Belgien eine Menge lernen.....
kleinanja 07.09.2007
2. ... Miserable Uniküchen
In Kindergärten und Schulen mag das Essen in Ordnung sein. Sie sollten sich jedoch einmal die Mensen der Universitäten anschauen. Gruselig! Ich habe 5 Monate an der INSA in Lyon studiert. Ich kann nur sagen, so widerliches Essen habe ich nie zuvor und Gott sei Dank auch später nie wieder gegessen. Es gab entweder matschigen Fisch oder geschmackloses, zähes Fleisch und als Beilage Nudeln oder Pommes. Und man "durfte" unter den Soßen Ketchup, Majo und Senf wählen. Sofern man so mutig war den graubraungrünen Salat anzurühren, musste man auf Springkäfer gefasst sein, die zwischen den Sandkörnern hervorhüpfen. Vielleicht verstehen die Franzpsen dies als besonderes Gütesiegel für Bio-Anbau. Dem Appetit war es nicht gerade zuträglich. Ich hoffe, die Mensen in Lyon waren eine schlechte Ausnahme, allerdings berichteten Studenten anderer Unis ähnliches. Das schlimmste: Dort war man dazu verpflichtet, in der Mensa zu essen - und zwar früh, mittags und abends - wenn man in einem Studentenwohnheim gewohnt hat! Ok, essen musste man nicht, aber bezahlen! Es gab zahlreiche Proteste der Studenten, bisher wurde diese Verpflichtung meines Wissens nach jedoch nicht aufgehoben.
Bouli 07.09.2007
3. Es ist auch nicht alles Gold, was glänzt ...
..., aber Silber kann es schon sein! Es stimmt schon, dass in Frankreich das Essen und vor allem der Genuss dabei überaus wichtig sind. Essen ist nicht nur Ernährung, sondern ein wichtiger Teil des täglichen Lebens. Und so wird es zelebriert; in mehreren Gängen und über lange Zeit (übliche Mittagspause 12 bis 14 Uhr!). Das ganze beginnt natürlich auch schon bei den ganz kleinen. Ich meine jedoch, dass es eher die Ausnahme ist, wenn der Koch seine Zutaten frisch auf dem Markt holt und sich viel Mühe beim Anrichten gibt. In den meisten (staatlichen) Einrichtungen, sei es Krippe, Vorschule, Oberschule oder Uni, hat das Essen dann doch Großküchen"qualität".
deroptimist, 07.09.2007
4. Essen ist Kultur
Zitat von untiJa, glückliches Frankreich! Und hier in Belgien liegen die Dinge ähnlich, Krippenversorgung für alle Kinder ist selbstverständlich, arbeitende Mütter auch und natürlich die Betonung auf "kulinarischen Genuss". Es macht tatsächlich einen grossen Unterschied, ob eine Nation ihren Nachwuchs mit französischem Käse und einer Vorliebe für gutes Essen heranzieht oder, wie in Deutschland, mit Aldi-Frass. Und das ist nicht unbedingt eine Frage des Geldbeutels, sondern der Prioritäten. Auch Erwachsene können von Frankreich und Belgien eine Menge lernen.....
Aldi an sich muss kein Frass sein. Frass ist eher das, was man daraus macht oder eben auch nicht. Hierzulande wächst eine Generation auf, die Gurken nicht von Zucchini unterscheiden kann und schon beim Spiegelei handwerklich überfordert ist. Essen (und Kochen!) ist Kultur und muss vermittelt werden. Geschmacksempfinden und Warenkunde müssen erlernt werden. Wird das schon zu Hause versäumt, so liegt hier der Hund begraben. Und der wird sich in der deutschen Kantine kaum reanimieren lassen.
Bocuse 07.09.2007
5. kindliche Genusserziehung und Prioritäten
gut beschrieben, ich meine aber, das problem liegt tiefer: (insofern stimme ich meinem vorredner zu) natürlich haben kinderbetreuungs-einrichtungen eine wichtige aufgabe, aber solange der einzelhandel und die restaurants nur über den preis um marktanteile kämpfen und gleichzeitig für ein oder mehrere autos zigtausende euros ausgegeben werden (kommen ohne mühe ca 25 eur pro TAG!! zusammen), läuft etwas grundsätzlich schief. ich meine ja nicht dass in jeder familie jeden abend grosse küche zelebriert werden muss, aber die kinder darüber zu informieren, wie das essen hergestellt wird, wo es herkommt und wie man es einfach und schmackhaft zubereitet sind wir unserem nachwuchs schuldig. das ist auch ohne grossen aufwand möglich, überwürzte fertiggerichte sind meist sowieso teurer als selberkochen. und der besuch beim bauernhof bzw dem metzger um die ecke kostet nichts ausser aufwand. noch drastischer ist der vergleich, dass es in D üblich ist, mit dem 5er BMW oder porsche zu aldi einkaufen zu fahren, wohingegen vor französischen luxusrestaurants sehr viele kleine autos vom kaliber twingo stehen. bin gelernter restaurantfachmann und engagierter vater...
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