Fichtners Tellergericht Moses für die Mundpflege

Okay, wir haben erst November. Aber in Sachen Essen ist es ja nie zu früh, um sich gute Vorsätze fürs neue Jahr auszudenken. Ullrich Fichtner hat deswegen mal ein bisschen Moses gespielt - und vier Gebote für gaumengefälliges Besseressen aufgestellt.


Auch dieses Jahr neigt sich so langsam dem Ende zu, die Lebkuchenherzen im Supermarkt künden davon, bald werden die Weihnachtsmärkte die Städte sinnlos verstopfen, und es wird also Zeit, sich gute Vorsätze fürs neue Jahr auszudenken.

In Shanghai habe ich im Frühjahr eine junge Chinesin getroffen, die es sich damit ziemlich einfach macht. Sie stellt ihre Jahre regelmäßig unter ein Ein-Wort-Motto, "Liebe", "Geld", "Arbeit", solche Sachen, für 2009 wollte sie sich "Genießen" wählen.

Ich bin dabei.

So nicht!
Corbis

So nicht!

Und ich wage den Versuch, das Thema heute hier in vier Gebote zu fassen, die wir im kommenden Jahr und überhaupt immer brav befolgen sollten, wenn uns das Leben lieb ist. Denn Essen hat, ich wiederhole es, viel mit gelingendem Leben zu tun und es ist eine ernstere Angelegenheit, als wir gemeinhin denken.

Wer es immer nur als lästige Nebensache abtut, der möge sich später über Hautausschläge, allgemeines Unwohlsein und leise Depressionen nicht beklagen. Hier das Gegengift, die Vier Gebote:

1. Du sollst besser essen.

Wer sein Leben lang lieblos die nötigen Kalorien in sich hineinschlingt, im Gehen, beim Reden, vor Fernsehern und Computern, ohne dem Essen ein eigenes Recht, eine eigene Zeit, einen eigenen Raum zu geben, verschüttet sich eine wesentliche Quelle für Wohlgefühl, Gesundheit und gutes Leben.

2. Du sollst kochen.

Wie oft höre ich Menschen sagen, sie hätten keine Zeit zum Essen machen. Dieselben Menschen finden aber – statistisch lückenlos nachweisbar – die Zeit dafür, drei Stunden täglich in den Fernseher zu glotzen, zwei Stunden am Computer zu chatten und zu surfen, sie haben Zeit, Kreuzworträtsel zu machen, stundenlang zu telefonieren, tagelang den nächsten Urlaub zu besprechen. Vernünftiges Essen zu machen, wenigstens einmal am Tag, dauert eine Stunde. Weniger, wenn’s einfach zugeht, länger, wenn’s festlicher sein soll. Wir hätten dafür Zeit. Aber wir nehmen sie uns nicht, das heißt: Wir treffen eine Wahl. Und wer noch nicht kochen kann – der kann jederzeit damit anfangen.

3. Du sollst deinen Kindern/mit deinen Kindern Essen machen.

Eine Studie hat jüngst hier in Frankreich wieder belegt, dass Jugendliche Fisch von Fleisch kaum mehr unterscheiden können, dass sie, wenn’s hochkommt, fünf Früchte zu benennen in der Lage sind, kaum Gemüsesorten, und dass ihnen die Zubereitung einer Mahlzeit eine unlösbare Aufgabe ist. Sie wachsen auf mit Essen, das aus Tüten und Kartons kommt, und das nicht mehr rückführbar ist auf seine natürlichen Grundzutaten. Gleichzeitig erlernen sie einfachste, uralte Kulturtechniken nicht mehr, Handgriffe, deren versichernde Kraft wir nur erahnen, deren Totalverlust wir uns aber gewiss nicht leisten können. Deshalb: Wer seine Kinder ausschließlich mit Fertigfutter aufzieht, begeht einen Akt kultureller Misshandlung. Und die Frage ist, ob sich ein Land als zivilisiert betrachten darf, wenn seine Bürger zwischen Gurke und Zucchini nicht mehr unterscheiden können.

4. Du sollst dein Essen nach den Geboten der Nachhaltigkeit auswählen.

Ein Apfel aus Neuseeland hat 15.000 Kilometer Reise hinter sich, ehe wir in ihn hineinbeißen. Nun rechnen mir zwar neuerdings dauernd irgendwelche Experten vor, dass das trotzdem ökobilanzmäßig vernünftiger sein kann als ein Apfel vom Bodensee – nur glaube ich davon kein Wort. Ich gebe aber zu, dass das Streben nach Nachhaltigkeit ein harter Brocken ist. Es macht Arbeit. Man muss sich informieren. Über Überfischung, über Handelswege, über Konzerne, man muss Fragen stellen und darf im Winter keine Kirschen mehr essen. Aber der Lohn ist sagenhaft groß: Wer sucht und wirklich gute Lebensmittel findet, begreift überhaupt erst den Sinn des Wortes: Lebensmittel. Und wird nebenbei sogar ein besserer Mensch.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Hador, 07.11.2008
1. Lob!
Zitat von sysopOkay, wir haben erst November. Aber in Sachen Essen ist es ja nie zu früh, um sich gute Vorsätze fürs neue Jahr auszudenken. Ullrich Fichtner hat deswegen mal ein bisschen Moses gespielt - und vier Gebote für gaumengefälliges Besseressen aufgestellt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,589047,00.html
An dieser Stelle mal ein Lob für Herrn Fichtner. Mit seiner Kolummne schafft er es immer wieder auf Recht lockere Art und Weise wichtige Punkte einer guten Küche darzustellen ohne dabei Oberlehrerhaft rüberzukommen. Das Gegenteil davon stellt leider Kollege Theurich dar, der lässt in seinen Artikeln grundsätzlich immer nur eine Meinung zu: Seine eigene und erreicht damit vor allem eins, nämlich, dass er ungemein arrogant rüberkommt.
slimchasy 07.11.2008
2. amen
Der Artikel verdeutlicht schön die derzeit populäre Tendenz, Essen und Kochen als Ersatzreligion zu betrachten. Dieses mal in Form von 4 Geboten. Das ist so derart banal, dass ich laut auflachen musste. Da halte ich mich doch besser ans Original (Moses), das wirkt auch gegen Hautausschläge und allgemeines Unwohlsein. Davon abgesehen beweifle ich, dass französische Kinder glücklicher wären, wenn sie 3 Gemüsearten mehr kennen. Oder umgekehrt: Den Unterschied zwischen Gurke und Zucchini zu kennen, macht mich nur dann zivilisierter, wenn ich außerdem weiß, was sich wo besser anfühlt. Eines stimmt dann aber doch: Wer sich eine Stunde täglich fürs Kochen nimmt, läuft weniger Gefahr, beim Internetsurfen auf einen derartigen Artikel zu stoßen.
Tycho 07.11.2008
3. Moses für die Mundpflege
Hallo zusammen! Genau meine Meinung! Als ich jünger war, kamen die "Fix"-Produkte heraus. Zunächst fand ich sie klasse und verwendete sie auch fleissig. Als ich mir aber die Inhaltsstoffe genauer betrachtete, wurde ich nachdenklich. Mittlerweile würze ich meine Gerichte wieder mit einzelnen, bzw. selbst zusammengemischten Gewürzen nach meinem Geschmack. Das macht Spaß und dauert nicht wesentlich länger, als mit Fertigkram. Den angesprochenen Punkt, die Kinder mit einzubeziehen, finde ich sehr wichtig. Vielleicht könnte man junge Familien mit entsprechenden Kochkursen für selbstzusammengestellte Schnellgerichte motivieren, wieder öfter selber zu kochen. Sicher würde ein Großteil sich nach einiger Zeit auch an aufwändigere Gerichte wagen. Ich weigere mich ebenfalls schon lange, Gemüse und Obst außerhalb der Saison zu kaufen, von Tiefkühlware einmal abgesehen.
Mansour, 07.11.2008
4. Es fängt ganz am Anfang an...
...und zwar in der Schule. Die heutige Fix-Produkt-Generation hat es doch gar nicht mehr gelernt zu kochen und somit können deren Kinder es auch nicht lernen. Ich sage: Kochunterricht in der Schule einführen! Mindestens 2-3 Jahre. MfG, Mansour
number12, 07.11.2008
5. Wieder mal nett ...
Ich lese die Kolumne von Herrn Fichtner immer wieder gern. Es stehen zwar diesmal für mich nicht die dramatischen Neuheiten drin, aber ich kann ihm nur beipflichten: Selber kochen muss sein und es kann auch schnell gehen. Gestern habe ich für die Zubereitung meiner sebstgemachten Hühnersuppe weniger als eine halbe Stunde gebraucht bevor sie eine Stunde auf dem Herd durchziehen konnte. Einziges Hilfsmittel waren zwei Gläser Hühnerfond. Der Rest war frisch. Dosen kaufe ich nie, Tütennahrung ebenfalls nicht und die einzige "Köstlichkeit", die ich in der Tiefkühltruhe finde, sind Pommes (kann man auch selber machen, aber manchmal muss es halt pervers sein). Das macht mich zwar nicht zum "besseren Menschen", aber nehme somit nichts zu mir, von dem ich nicht weiß woher es kommt. Der letzte Aldi-Besuch liegt etwa drei Monate zurück. Grund: Meine über 80-jährige Nachbarin brauchte Wassernachschub. Wir nahmen dann noch Eier mit, die es in sich hatten: Sie stanken und schmeckten nach Fischmehl ... seitdem lassen wir das mal lieber.
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