Fichtners Tellergericht Sumpfblüten des Blätterwalds

Sie propagieren Kabeljau-Rezepte, obwohl der Fisch kurz vor der Ausrottung steht: Hochglänzende Food-Magazine strahlen wie Blüten im Blätterwald, schlagen dem aufgeklärten Feinschmecker jedoch auf den Magen. Ullrich Fichtner empfiehlt stattdessen: das "Greenpeace"-Magazin.


Neulich, am Hamburger Flughafen, habe ich im Zeitschriftenshop in Terminal 2 tief in die Tasche gegriffen und alle "Food"-Magazine zur Kasse getragen, die ich so finden konnte. Es ging mir nicht um "Feinschmecker" und "essen&trinken", die guten, alten Schlachtschiffe der Szene. Es ging mir um die Orchideen, oder die Sumpfblüten, wie man's nimmt, um Hefte mit geringer Auflage und ebensolcher Reichweite. Sie liegen nun vor mir und obenauf liegt "Mohltied!", das "Besseresser-Magazin für die Region Ostseefjord-Schlei". Tja, sowas gibt's.

Cover des neuen Food-Magazins "Effilee": "Was will uns der Dichter damit sagen?"

Cover des neuen Food-Magazins "Effilee": "Was will uns der Dichter damit sagen?"

Und es gibt auch "Vivre", das "Nachrichten-Magazin für Geniesser", und "bistro" und "café solo", das "neue Magazin für Kaffeekultur" und es gibt "crema", "for coffee-lovers", und vor allem gibt es "Effilee", das "Magazin für Essen und Leben", "jetzt neu", und darin erfährt man vor allem, was sein Herausgeber Vijay Sapre über die Welt so denkt und meint.

Es ist eine gute Regel, nicht auf Kollegen herumzuhacken, und ich will mich für dieses Mal gern daran halten. Trotzdem, nur der Ordnung halber: "effilée"? So heißt auf Französisch Geflügel, wenn es ausgenommen ist. Oder Mandeln heißen so, wenn sie gehobelt wurden. Was will uns der Dichter in diesem Fall damit sagen? Dass wir, als Leser, ausgenommen werden? Oder, von wegen Hobel, über den Tisch gezogen?

Blind für die Zeichen der Zeit

Ich muss nicht viele Worte machen: Von den Heften, die ich da wahllos gekauft habe, und auf dem Stapel liegen noch mehr davon, überzeugt mich keines sonderlich. Sie sind zwar fast alle üppig gemacht, auf Hochglanzpapier gedruckt, gut gestaltet, gut geheftet, aber es fehlt der "content", wie das heutzutage heißt. Es steht, anders gesagt, nichts drin. Oder was drin steht, das wollte man nie wissen. Mir scheint, das ist das Drama der meisten Food-Magazine.

Sie haben, soweit ich das beurteilen kann, mehr oder minder alle den gravierenden Makel, die Welt des Essens gnadenlos schönzureden. Blind für die Wirklichkeit veröffentlichen sie noch völlig kommentarlos Rezepte für Rinderkoteletts in Rotwein, während draußen in der Welt längst der BSE-Wahnsinn grassiert. Blind für die Zeichen der Zeit stellen sie Kabeljau-Rezepte vor, ohne jemals zu erwähnen, dass es den Kabeljau bald vielleicht gar nicht mehr geben wird. Oder sie veröffentlichen schicke Wein-Reportagen aus dem Languedoc, die gänzlich ignorieren, dass die Weinwirtschaft dort in der größten Krise aller Zeiten steckt.

Anders gesagt: Sie malen eine lügenhafte Scheinwelt hin, die den Leser zur Flucht aus seinem Alltag einlädt, statt diesem Alltag ein wenig näher auf den Leib zu rücken. Dagegen wäre nun nicht weiter viel zu sagen, wenn die Magazine ein erklärter Teil des Amüsierbetriebs (oder gleich der Werbewirtschaft) wären. Aber sie wollen ja alle Journalisten sein, und da dürfte man sich ein wenig mehr Realitätssinn wohl wünschen. Wer gerne isst und kocht, muss heutzutage auch stark genug sein, die schlechten Nachrichten aus der Welt der Lebens- und Genussmittel zu verdauen. Sonst wird alles nur Chi-Chi.

Das millionste Rezept für die Weihnachtsgans

Dass das möglich ist, zeigt etwa das "Greenpeace"-Magazin. Gewiss, das ist kein Feinschmecker-Blatt, aber ich finde dort stets Informationen, die ich als aufgeklärter Esser eben auch haben will. Welcher Fischbestand ist wie stark bedroht? Mit welchen Mittelchen wird heutzutage in der Viehzucht hantiert (oder nicht mehr hantiert, es gibt da schöne Fortschritte)? Welcher Wein ist chemiefrei? Und was treibt die Aromaindustrie gerade?

Derlei Fragen stünden den Gourmet-, Kulinarik- und sonstwie einschlägigen Magazinen gut zu Gesicht. Sie müssten die Konzentration auf das Gute und Schöne ja nicht ersetzen, aber sie könnten es doch sinnvoll ergänzen. Stattdessen wird immerfort die siebenhundertachtzigste Reportage über die "Schlemmerregion Elsaß" in Auftrag gegeben, die tausendste Betrachtung über die Weltklasse deutscher Weißweine, das millionste Rezept für die Weihnachtsgans.

Die Begründung dafür lautet meist: Die Leser wollen es so, wir als Redaktion würden ja gerne anders, aber der Markt…

Nun, ich behaupte, dass das so pauschal nicht mehr stimmen kann. Wenn schon Großkonzerne umdenken müssen, weil die Kundschaft nicht mehr alles kritiklos schluckt, dann öffnen sich auch Freiräume für Redakteure. Viele Leser, viele Esser heute wollen bessere Nahrung – aber nicht nur für den Bauch, sondern auch für den Kopf.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Hinkelbein 30.01.2009
1. Völlig richtige Darstellung
Ich kann die Beurteilung der Ausbeute wirklich nur bestätigen. Das gilt im Übrigen auch für die Mehrzahl der Kochbücher: Tolle Fotos, blanke Rezepte, ohne Hinweis darauf, warum man wie was machen sollte und so gut wie nie kritische Anmerkungen oder gar Einschätzungen zur Wertigkeit von Lebensmitteln. Die Unwissenheit über Lebensmittel, Hygiene, Verarbeitung, Bestandteilen von Fertigfutter etc. ist enorm, wie ich immer wieder feststellen muss. Das gilt auch bei ansonsten gut gebildeten Menschen. Leider. Nur so können uns Konzerne, wie kürzlich Nestle, hinters Licht führen und Studien veröffentlichen, in denen scheinheilig beklagt wird, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie sich richtig ernähren sollen. Als Lösung für dieses Problem werden dann Fertiggereichte angeboten. Das ist einfach nur dreist.
ubiton 30.01.2009
2. die scheuklappen ablegen
Hallo Hr. Fichtner! Als leidenschaftlicher Koch im Privaten (zusammen mit meinem Mann) wird uns mit Ihrem Bericht aus der "Bio"-Seele gesprochen. Der Anspruch an Ästhetik und Qualität bei Lebensmitteln darf nicht einseitig mit den Interessen des Lebensmittel-Käufers einhergehen, sondern muss auch "ganzheitliche" Aspekte, wie bewusste Umweltzerstörung, totale Überfischung zahlkreicher Fischarten, Pestizit- Hormon- und Antibiotika-Belastungen in Obst-Gemüse-Fleisch-Fisch Rechnung tragen. Stattdessen eine Mentalität nach dem Motto "weiter so ,aber mit Hochglanz-Bildern!" weiterzuverfolgen ist weder ethisch noch zeitgeistgemäß in den heutigen Tagen... Auf einen zukünftig ehrlichen, bewussten Genuss und Konsum von kulinarischen Köstlichkeiten der Welt!
Firedancer 30.01.2009
3. Was fehlt ist das Niveau
Auch wenn sich der Herr Fichtner, meiner Ansicht nach, mittlerweile mit den Kritiken arg übernimmt und einen Idealismus an den Tag legt, der mit dieser Welt nicht mehr viel zu tun hat, in einem Punkt hat er Recht: Es wird alles hundert Mal durchgekaut und es kommt immer wieder das selbe heraus. Meiner Ansicht nach gab es nur 2 gute Food Magazine (und ich meine jetzt nicht Anwandlungen von Rezeptsammlungen und reinen Gastrokritiken). Das war zum einen der Gault Millau als Magazin (nicht der Restaurantführer und leider mittlerweile eingestellt) und das ist auch das SlowFood Magazin, wenn man denn etwas über die Hintergründe mancher Lebensmittel erfahren möchte. Welche Zeitschrift diskutiert denn heute noch kontrovers über Entwicklungen in der Küche und auf dem Teller? Das sind doch leider fast nur noch die Exotenmagazine, die irgendwelchen Vereinigungen nahestehen, die von vielen Leuten einfach nur belächelt werden. Ich blättere mittlerweile jeden Monat durch die Fülle an Magazinen und was sieht man da? Rezepte, Beschreibung kulinarischer Gegenden und Restaurantkritiken. Seien wir doch mal ehrlich: Der Feinschmecker besteht zu mindestens 50% (von der Werbung mal abgesehen) aus Restaurantkritiken. Wer bitte hat in dem Abstand zur nächsten Ausgabe die Zeit und Muße, auch nur 1/10 davon sich anzusehen? Der Feinschmecker ist in diesem Fall längst kein Gourmet mehr, sondern eher ein Gourmand.
tblock 30.01.2009
4. Im Glashaus und so...
Hallo Wer keinen "content" hinbekommt, soll doch bitte nicht von Anderen mehr "content" fordern! Das wird hier ja immer schlimmer! Wenn Herr Fichtner erst jetzt mitbekommt, wie immer mehr Show und Glamour, dafür aber immer weniger "content" in den Medien geboten wird, dann aber: "guten Appetit und guten Morgen!" Einfach mal ne Kochsendung ansehen. Das sind doch mittlerweile Talkshows die zufällig in der Küche stattfinden! (Kennt jemand "silent cooking" auf 3Sat?) Und dass Gourmet-Hochglanzmagazine nicht die ökologischen/sozialen Folgen der Lebensmittelproduktion beleuchten, versteht sich doch von selbst... Oder sieht man in Modemagazinen Berichte Über Kids aus Bangladesh? - Wohl kaum! Also wie gehabt bei Fichtner: Ich muss meine Kolumne vollkriegen, weiss aber nix, also ein Skandälchen produzieren! P.S.: Wenn wir Ihrer Meinung nach mehr über den bedrohten Kabeljau wissen sollten, hätte ich da ein Thema für die nächste Kolumne... :-)
mrrun 01.02.2009
5. henne oder ei
In Deutschland ist ein Tempolimit schwer vorstellbar, genauso die Tatsache für ein Suppenhuhn mehr als 1,99 auszugeben. Wozu also das ganze Jammern. Die Allgemeinheit kümmert sich halt lieber um Alufelgen und ißt Currywurst. Und klar ist auch, dass die Menschen denen das Thema Ernährung von Bedeutung ist hierzulande auch in diesem Jahrhundert in der Minderheit sein werden. In meiner Schulzeit wurden Mit-Schüler zum Aufpäppeln in die Ferien verbracht, heute sehen die Kinder eher wie Teletubbies aus und machen Bewegungsspiele am Strand. Und natürlich sind sinnentleerte Kochshows und Kirmesmagazine mit bunten Rezeptchen aus der Molekularküche genau das, was beim Publikum ankommt - sonst würde es dies ja nicht geben. Wir können halt nur in unseren Köpfen und Töpfen das richtige reintun und Restaurants unterstützen, die in umserem Sinne agieren. Es gibt viel Schatten, aber auch das ein oder andere Licht. Und Qualität hat halt auch einen Preis!
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