Fichtners Tellergericht Was Blogs so anrichten

Wer gerne kocht, kommt im Internet auf den Geschmack? Nicht unbedingt. Die zahllosen Kulinarik-Blogs versalzen einem nämlich schnell das Vergnügen. SPIEGEL ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner knirscht schon mal mit den Zähnen.

Man möchte meinen, Goethe wäre schon mit dem Web 2.0 vertraut gewesen, denn die Klage seines Faust klingt wie ein Kommentar auf unsere Zeiten: "O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!", heißt es da, und finster fährt Faust fort: "Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen." Nun, es geht um die Blogs, und wer noch immer ohne die elektronischen Tagebücher lebt, sei herzlich beglückwünscht. Denn schiere Masse treibt einen in den Wahnsinn.

Ein paar Stündchen Surfen genügen, und man steht, als kulinarisch interessierter Mensch, bis zum Hals in tausendundeins Optionen. Man könnte sich, tagein, tagaus, allein mit Tee-Blogs beschäftigen, wo sich Menschen die Mühe machen, ihre Abenteuer zwischen Assam, Ceylon und Darjeeling zu erzählen, ihre Aufguss-Methoden zu erörtern und alle Vor- und Nachteile von First und Second Flush zu debattieren. Wer das wissen will? Tja, das ist die Frage.

Aber vorerst gilt die Parole: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Die Seiten für Köche heißen "Küchenlatein", "Kochknecht", "Farmgirl Fare" oder "FoodFreak". Es gibt "Petras Brotkasten" und "Wie Gott in Deutschland" (von einer Französin!), es gibt "Spülkönig&Kitchenqueen"; auf "Schnuppschnüss" berichtet eine Frau über ihre Erlebnisse mit einem Manz-Ofen, den sie "Manzfred" nennt. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt.

Es gibt schöne Seiten, wie "Fool for Food", sehr hell, sehr licht, sehr essensverliebt. "Kochfrosch", das ist eine Kathi aus Erlangen, die eigentlich aus dem Bayerischen Wald stammt und ihr kulinarisches Überleben als Studentin schildert. Es gibt "1 x umrühren bitte", aus Wien in die Welt gesandt, wo in allerlei Sprachen die Welt des Kochens durchschritten wird, beliefert auch von Beiträgern aus aller Welt – mit dem Ergebnis, dass es dort neulich, zum Valentinstag, fast 90 sehr diverse Rezepte für gebackene Herzen gab. Nicht schlecht.

Es gibt, natürlich, "Delicious Days", vom US-Magazin "Time" im Jahr 2006 völlig zu Recht unter die "50 coolest Websites" gewählt, es gibt den Frosta-Blog, wo das Eigenlob stinkt. Es gibt Seiten, die heißen: "Kräutersturm im Hexentopf", "Drink Tank" und "Planet Bordeaux", wohinter sich Mario Scheuermann versteckt, dem es kürzlich gelang, einen regelrechten "Bordeaux-Krieg" im Web loszutreten, indem er einen Welt-Am-Sonntag-Artikel über eine angebliche Wein-Krise an der Gironde auseinander nahm.

Der Senf der anderen

Es gibt also viel, sehr viel zu lesen, man reibt sich bald die müden Augen, und nach ein paar weiteren Stunden zwischen Google und diversen Link-Listen sehnt man sich in Goethes Zeiten zurück, in denen es noch nicht einmal Telefon gab, geschweige denn DSL-Leitungen. Denn, ganz ehrlich: Ich will nicht wissen, was Heidi und Moni und Stefan und Dieter mit ihren Nudeln machen. Es ist mir schnurz, wie lange Horst und Petra ihren Tee ziehen lassen. Und warum soll ich den Senf, den meine Nachbarn im Treppenhaus schon jeden Tag zum Weltgeschehen geben, nun auch noch am Computer nachlesen?

Das digitale Selbstgespräch ist ein Hobby, das mir seltsam fremd bleibt. Mir begegnen im Netz Menschen, deren Tagebücher dafür sprechen, dass sie sich für gebildeter als Siebeck, für witziger als Axel Hacke, für beseelter als Hape Kerkeling und für schlauer als Einstein halten. Das Problem ist nur: Sie sind es in aller Regel nicht.

Ich finde kühl designte Seiten, Abteilung Manufaktum, wo es mehr um Form als um Inhalt geht und wo man den Bildern ansieht, dass die Küche nie nach Zwiebeln riecht. Warum damit Zeit verschwenden?

Und die Hausfrauen-Seiten: Ich habe dort Anleitungen gefunden, step-by-step, mit Fotos, wie aus der Gewürzmischung für "Hackbällchen Toskana" eine Lage Hackbällchen Toskana herzustellen ist. Jetzt mal ganz offen gefragt: Spinnen die? Oder spinne ich?

Es wird nicht mehr lange dauern, bis im Netz "Tipps & Tricks" dafür zu finden sind, wie man Milch in einem Topf erwärmt. Oder wie man Butter auf eine Scheibe Brot streicht. Oder eine Tasse Kaffee eingießt. Und irgendwer wird das dann wieder verrückt und toll und irgendwie "kultig" finden.

Aber, Leute: Es ist doch, bei Licht betrachtet, ein Wahnsinn. Und glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen…

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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