Fichtners Tellergericht Wider den Gaumen-Stalinismus!

Sind Stopfleber-Genießer Verbrecher? Verdirbt Rindfleisch-Konsum das Karma? Gibt es überhaupt politisch korrekte Gaumenfreuden? SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner widmet sich einem pikanten Thema: Ethik und Essen.

Kann man politisch korrekt essen? In bestimmten (besseren) Kreisen ist dies die Debatte des Augenblicks. Man studiert vor dem Einkauf die Greenpeace-Liste der aussterbenden Fische (und darf danach eigentlich nur noch Makrelen kaufen), man lässt sich von foodwatch auf dem Laufenden halten über die ethische Correctness von Aldi, Edeka und Co., man achtet auf einschlägige Kurznachrichten, liest die richtigen Weblogs. Man hofft, den Zumutungen unserer Zeit zu entkommen – und die Welt sozusagen im Alleingang zu retten.

Auch ich bin dafür, natürlich. Wie könnte irgendwer dagegen sein, wenn der Kampf sauberem, anständig und "nachhaltig" produziertem Essen gilt! Ich bin dafür, dass der Skandal der Massentierhaltung immer neu aufgedeckt, die Praxis selber abgeschafft wird. Ich bin dafür, dass uns genmanipulierter Soja nicht einfach wortlos untergejubelt wird. Ich will das Klima nicht belasten, die Gewässer nicht, und natürlich will ich nicht, dass Urwälder abgeholzt werden, damit Weiden entstehen, für Rinder, die bei uns zu Hackfleisch werden.

Aber ich will auch nicht wie ein Heiliger leben und vor allem: Ich kann es nicht. Ich kann nicht immer nur Makrelen essen. Ich muss manchmal zum Thunfisch greifen – obwohl ich weiß, dass er ausstirbt, obwohl ich weiß, dass damit auch Delphin-Blut an meinen Händen klebt. "Es irrt der Mensch, solang’ er strebt", so steht’s im "Faust", und es ist meine Ausrede.

Sie meint: Ich will mich gern bemühen, nach Kräften, will regionale Produkte kaufen, so oft wie möglich, will Öko-Waren bevorzugen, will "Nachhaltigkeit" als Konsument belohnen. Ich will gern immer wieder kleine Lichter anzünden gegen die große Dunkelheit und will auch jede Politik in diese Richtung freudig unterstützen – aber ich will schon auch noch einfach leben, manchmal: irrational, unvernünftig, lustvoll.

Will ein fettes Stück Kabeljau essen, gedankenlos, solange es den guten Fisch eben noch gibt. Will mich an Rindfleisch satt essen, hin und wieder, ohne an Treibhausgase und Schlimmeres zu denken. Will an Festtagen selbst auf Gänsestopfleber nicht verzichten (!) und insgeheim von großen Dosen Kaviar träumen (die ich mir aber glücklicherweise nicht leisten kann, wodurch sich ethische Probleme auf billige Weise erledigen).

Wer mich nun als Zyniker steinigen will, bittesehr! Ich würde allerdings zurück fragen, wer von uns hier nicht im Glashaus sitzt, wenn es wie immer um die große Frage geht: Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Ich würde meinen: Nur Faschisten und Stalinisten (und ein paar Veganer vielleicht) können darauf herzhaft "Ja!" sagen. Alle anderen sind verurteilt zu einem Leben zwischen den Stühlen, einem Leben im Ungenauen, im moralischen Morast.

Im übrigen sind nicht alle derzeitigen Weltprobleme einfach nur die Summe individueller (Fehl-) Entscheidungen oder Folge unserer Konsumgewohnheiten. Es gibt schon auch noch die Sphären der Wirtschaft und der Politik, in der der Einzelne nicht viel ausrichtet. Viele Entscheidungen, die in Washington oder Peking oder Brüssel fallen, sind in jeder Hinsicht so weitreichend, dass man sie nicht durch den privaten Verzicht auf ein Schnitzel oder ein paar Fischstäbchen korrigieren kann.

Ich verbitte mir deshalb moralische Kommentare zu meinem Lebensstil von engagierten Mitmenschen, die so naiv sind zu glauben, wir könnten, je einzeln, die Welt retten. Aber das können wir nicht, es geht nur gemeinsam, und in Wahrheit heißt dieses alte Spiel: Politik. Nur sie könnte, müsste entscheiden, zum Beispiel, dass der Fang von Kabeljau oder Thunfisch für ein paar Jahre einfach verboten wird. Das wäre besser und objektiv hilfreicher, als dem einzelnen Esser eine Schuld einzureden, für die er in Wahrheit eine ganze Nummer zu klein ist.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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