Außergewöhnlicher "Figaro" in München  Von allen Zwängen befreit

Dem ungarischen Regisseur David Marton glückt mit "Figaros Hochzeit" an den Münchner Kammerspielen ein Experiment: Er bricht mit der Konvention - und dringt so zum Kern von Mozarts Oper vor.

Christian Friedländer

Am Ende steht der wunderbare Schauspieler Franz Rogowski wie ein armer Vergessener am Bühnenrand. Er trägt einen fürchterlich blauen Anzug und einen noch schlimmeren weißen Rolli. Und mit brüchiger, verschwindender Stimme singt er das zauberhafte Lied "Senza Fine", in dem es um die Sehnsucht nach Liebe und um die Augenblicke geht, in denen das Gestern und das Morgen so endlos entfernt sind wie der Mond und die Sterne. Doch dann macht Rogowski noch einen plump-herben Seufzer - damit da auch bloß keine falsche Romantik im Raum und in den Köpfen hängenbleibt.

Aber ist er da nicht ohnehin schon (wieder) aus seiner Rolle gefallen? Schließlich sah man ihn zwei Stunden lang als weltfernen Cherubino (der sich schon mal Töne wie Küsse vom Mund nehmen lässt), und "Senza Fine" ist keineswegs eine Arie aus Mozarts Oper "Figaros Hochzeit", die doch gegeben werden soll, sondern ein Chanson von Gino Paoli - dazwischen liegen Welten, zeitlich und künstlerisch gesehen. Wer also wagt es hier, hehres Kulturgut kurz und quer zu schließen mit profaner Alltagskunst, hineinzupfuschen ins Göttliche und das Klangentrückte herabzuholen auf den harten Boden der weltlichen Dissonanzen?

David Marton natürlich. Der ungarische Regisseur öffnete nach "Somnambula" zum zweiten Mal das "Opernhaus" in den Münchner Kammerspielen, eine Idee, die weniger als Kulturkampfansage ans Nationaltheater schräg gegenüber geboren wurde (wo übrigens just am Premierenabend der "Figaro" im Original und in der weit weniger irrlichternden Regie von Dieter Dorn lief). Es geht dabei um ungleich mehr: Marton will mit seinen außergewöhnlichen Opernproduktionen (die er u.a. auch an der Berliner Volksbühne und am Staatsschauspiel Stuttart entwickelt hat) "eine kleine Insel auf der Insel" schaffen, haarscharf abseits der wirklichen Welt, und er will, durchaus fragend nach Gefühl und Schönheit, die Angst vor der Oper nehmen, indem er sie bis aufs Klang- und Gedankenkorsett entblößt, ja, in Stücke schlägt, um sie neu und ganz anders wieder erstehen zu lassen. Bei konsequenter Beschwörung des Glamours!

Lust am Aufstand

Und es ist sein Verdienst, dass krasse Brüche und Sprünge dieser Un-Art mehr anregen als irritieren, sogar bewusstseinserweiternd wirken, selbst auf die Gefahr hin, dass sie manchmal nerven. Marton macht sich nicht lustig über das Genre; er nimmt es nur anders ernst und entdeckt dabei das verborgen Komische, das verschwiegen Widersprüchliche, nicht das Aktuelle, sondern das ewig Gültige. Auch das Überflüssige.

Der Wiedererkennungseffekt ist zunächst einmal gering. Der "Figaro", wie ihn sich Beaumarchais, dann da Ponte und Mozart erdacht haben, ist allenfalls rudimentär geblieben. Acht Personen suchen da auf der Bühne - ein Hausgerüst, dem die Fassade abhanden kommt, von Christian Friedländer - eine Oper und finden sich selber in einer Handlung, aus der sie immer wieder mit der Lust am Aufstand gegen alles Festgefügte und Museale ausbrechen, um einen zweiten Weg ums Repertoireverstaubte herumzugehen. Aber diese acht (auch singenden) Schauspieler und Sänger erkunden nicht nur das Stück und die Rollen, die ihnen zugewiesen sind, sie tasten sich auch gegenseitig ab, bringen ihre Biografien und Nationalitäten ins Spiel, ihre verschiedenen Sprachen, geraten in persönliche Konflikte und vor menschliche Abgründe weit außerhalb der ohnehin schon gründlich verworrenen Geschichte um den Grafen und Susanna, um Figaro und Gräfin, Marcellina (köstlich: Annette Paulmann) und Bartholo: Sie alle sind dabei und stehen doch auch ständig neben sich, verwundert über die Allianzen und Amouren, auf die sie sich eingelassen haben.

Der Auftrag der Kunst

Neben den klassischen Verwechslungen, heiter harmlosen Identitätskonflikten und den zeitlosen erotischen Verunsicherungen ("Ist Liebe ohne Sperma möglich?") plagen Martons Figuren vor allem offene Streitfragen nach dem Auftrag der Kunst, in die sie hier alle so gnadenlos verstrickt sind, ohne die sie sich aber gar nicht mehr artikulieren könnten und wollen.

Da geht es - eingedenk der einst "revolutionären" Dimension des "Figaro" - dann auch bühnenstürmerisch zu, diskurswütig und intellektuell mäandernd wie bei René Pollesch an der Volksbühnenrampe. In der Badewanne hockend werden mit lächerlicher Bedeutungshuberei polternde Manifeste ersonnen, die in ihrer Absurdität nicht nur den Sinn der Oper in Zweifel ziehen, sondern gleich die gesamte gesellschaftliche Schieflage im Visier haben. Fasst man es grob zusammen, dann soll die Welt von toter und illusionistischer Kunst gereinigt werden und die Phantasie von allen Zwängen befreit. Schlicht (und) einfach.

Nichts anderes führt David Marton auch vor, wenn er musikalisch perfide die betörend rein gesungene Arie (etwa von Thorbjörn Björnsson oder Jelena Kuljic) ins ohrenschmerzend Kakophonische kippen lässt, wenn er aus der atonalen Verwirrung ins lyrisch Schmiegsame überblendet. Aber trotz dieser künstlerisch perfekt zelebrierten Wechselbäder liegt über Martons "Figaro" stets so etwas wie ein melancholischer Schleier, ist da eine Moll-Grundstimmung, die fast wie eine zärtliche Sehnsucht klingt. Vielleicht ist das der unbewusst erbrachte Beweis, dass Mozarts Musik noch über jede Fremdeinwirkung, sei sie noch so klug verspielt und liebevoll respektlos wie in München, erhaben bleibt. "Senza Fine" eben - für immer und ewig.


Figaros Hochzeit. Münchner Kammerspiele, nächste Vorstellungen am 13., 16. und 29.6., Tel. 089/23 39 66 00, Münchner Kammerspiele



insgesamt 5 Beiträge
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hans-jörg_kapp 12.06.2016
1. Münchener Kammerspiele in Bochum?
... hört sich nach einer großartigen Produktion der Münchener Kammerspiele an, doch bei den Terminangaben ist derzeit noch Bochum genannt!
Süd 12.06.2016
2. Andere Vorstellung?
Pardon, die Besprechungshymne ist mir nicht verständlich. Den gestrigen Abend in den Kammerspielen emfand ich überwiegend als langweilig, was am Stück und an der Regie liegt. Mein Verständnis des Figaro ist nicht bereichert worden durch hipst.
Süd 12.06.2016
3. Andere Vorstellung?
hippstercoole Grafen-Monologe über Sperma und Liebe. Die Regie und Personenführung war reduziert. Im Zweifel lässt man die Schauspieler im Kreis laufen. Die vermeintlich Witzigen Einfälle hatten ein ellenlangen Bart. Der sprechende Vorhang, das "Darf ich Sie an die Brust fassen"... Öde.
lorn order 12.06.2016
4. Sperma
Wenn ein Werk wie Figaros Hochzeit heute nicht mehr interessant genug scheint, um ohne solche Effekthascherei (im 18.Jhd. wurde Sperma nicht thematisiert) aufgeführt zu werden, dann sollte man es lassen. Wenn man etwas Modernes zu sagen hat, kann man ja ein neues Werk schreiben und aufführen. Es ist offensichtlich, dass die oftmals sehr pathetische Handlung der großen Opern heute nicht mehr zeitgemäß ist. Ich plädiere deshalb dafür, Opern nur noch konzertant aufzuführen mit Orchester, Chor und Solisten und auf jede szenische Darstellung zu verzichten.
chuckal 12.06.2016
5. @lorn order
Es scheint ja genau das zu sein, was sie einfordern: Ein neues Werk. Das so auf Mozart/Da Ponte fußt, wie die wiederum sich bei Beaumarchais bedient haben. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn das ist das ewige Prinzip der Kunst. Sehr erhellend zu diesem Thema ist da der Film Looking for Picasso, der jüngst auf Arte lief. Dass ist zwar dort für die Bildende Kunst gezeigt, aber gilt für alle Sparten. Wie sich die Kunst in der Beschäftigung mit dem Gewesenen ständig erneuert.
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