Fight Night auf ProSieben Killer-Queen der Herzen

Was für eine Überraschung: Stefan Raab moderiert mit Regina Halmich eine Box-Show - und es macht Spaß. Die Hamburgerin Susianna Kentikian wurde in einem blutigen Kampf Weltmeisterin und warf aus allen Ringecken Luftküsse.


Selbstverständlich wolle man bei der freitäglichen "Fight Night" seriösen Sport präsentieren - das wurde ProSieben-Unterhaltungschef Jobst Benthues vor der Box-Nacht nicht müde zu betonen. Bei der Vorstellung des erstmals im Sender-Portfolio auftauchenden Programmpunkts Boxen auf der Jahres-Pressekonferenz Ende Januar in Hamburg konnte er sich kleine Seitenhiebe auf die derzeitigen Senioren-Comebacks von Axel Schulz und Henry Maske bei RTL nicht verkneifen.

Im Gegensatz dazu gehe es bei der vorerst auf drei Nächte angelegten ProSieben-Kooperation mit dem Hamburger Profistall Spotlight um ein Podium für junge Athleten mit Zukunft. Als Nachwuchsförderer wollen die Münchner sich ein Stück vom publikumsträchtigen Box-Kuchen im Free-TV sichern, den bislang ARD, ZDF, RTL, DSF und Eurosport unter sich aufteilen.

Gewisse Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Unterfangens waren allerdings angebracht. Schließlich waren als Moderatoren der Allzweck-Entertainer Stefan Raab ("Schlag den Raab") und seine einstige Showkampf-Gegnerin Regina Halmich gesetzt. Das Duell der beiden (bei dem die amtierende Weltmeisterin des Verbandes WIBF dem Showmaster 2001 die Nase brach) hatte mit 55 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe den höchsten Wert der Sendergeschichte erzielt.

Dazu hatte man mit dem ewigen Elton als Ringsprecher und Michael-Buffer-Verschnitt sowie der kürzlich beim Bundesvision Song Contest eingeführten Co-Moderatorin Johanna Klum als VIP-Befragerin die übliche Raab-Entourage nominiert. Nicht unbedingt ein Ausweis für sportliche Ambition.

Erneut im Ring: Raab und Halmich als Moderatoren

Was jedoch gestern ab 20.15 Uhr aus einem vergleichsweise intimen Kölner Studio übertragen wurde, war annehmbar. Der ausnahmsweise feierlich in Smoking und Fliege gewandete Raab ("Herzlich willkommen, mein Name ist Waldemar Hartmann") nahm sich weitgehend zurück und schäkerte in gerade noch erträglichem Maße über einen Revanchekampf mit der widerstrebenden Halmich.

Die demnächst rücktrittswillige 31-jährige Sportlerin ihrerseits meisterte den Part an Raabs Seite halbwegs wacker ("Ich suche Gegner, keine Opfer, Stefan") und tat die ersten Schritte in ihre künftige Medienkarriere. Überdies war sie glaubwürdig als Patin ihrer designierten Nachfolgerin Susianna Kentikian. Zwei Musik-Acts (Monrose und Manowar) auf der Strecke von dreieinviertel Stunden waren nicht übertrieben, und Ringreporter Jan Stecker rückte den Sportlern insgesamt nicht zu nah auf die Pelle.

Sportlich wurden drei Livekämpfe und eine Zusammenfassung geboten; zunächst lieferten sich der von Fritz Sdunek trainierte Schweriner Mittelgewichtler Sebastian Zbik, 24, und der aus Dänemark kommende Fawaz Nazir, 27, einen engen, engagiert geführten 12-Runden-Kampf um die WBO-Interkontinentalmeisterschaft, den der Deutsche knapp nach Punkten gewann.

Babyface wollte kein "Fallobst" sein - und war es dennoch

Der altgediente Kommentator Matthias Preuß kommentierte so kundig wie gedrosselt empathisch. Seine Einschätzungen von "ganz, ganz enge Kiste" bis zu "etwas statisch, das letzte Risiko geht keiner ein" ließen sich allesamt unterschreiben. Arg kurz gestaltete sich der zweite (Aufbau-)Kampf zwischen dem Schwergewichtler Sebastian Köber, 27, aus Frankfurt/Oder und seinem 37-jährigen Gegner Zoltan Beres aus Ungarn: Bereits in der zweiten Runde ging der Budapester mit dem vielsagenden Kampfnamen Babyface zu Boden, und Köber wurde zum Sieger durch K.o. ausgerufen. So beklagenswert präsentierte sich Beres, dass eilends versichert wurde, es handle sich bei ihm nicht um "Fallobst", so etwas könne im Schwergewicht eben passieren.

Zum Höhepunkt kam es dann planmäßig ab 22.30 Uhr, mit dem als Hauptkampf annoncierten Schlagabtausch zwischen der 19-jährigen in Hamburg lebenden Armenierin Susianna Kentikian und der zehn Jahre älteren Venezolanerin Carolina Alvarez. Entschlossen trieb die 1,53 Meter kleine Kämpferin mit dem Kampfnamen Killer-Queen ihre Gegnerin vor sich her, bis der Ringrichter den Kampf in der neunten Runde aus Rücksicht auf die stark aus der Nase blutende Alvarez beendete.

Die Killer-Queen sprudelte über vor Danksagungen

Nicht nur dank ihrer imposanten Energieleistung, auch wegen ihrer in gewisser Weise an "Rocky" und Eastwoods "Million Dollar Baby" gemahnenden Biografie als Asylbewerberin, die sich ihre Aufenthaltsgenehmigung erst erkämpfen musste, avancierte die frisch gebackende WBA-Weltmeisterin im Fliegengewicht zur großen Gewinnerin des Abends. Spätestens, als sie nach dem Kampf aus allen Ringecken Küsse ins Publikum warf, ihrem Interviewpartner Stecker das Mikrofon aus der Hand nahm und es vor lauter Danksagungen gar nicht mehr hergeben wollte, wurde sie zur Killer-Queen der Herzen.

Ob der Sender mit seiner neuartigen Sport-und-Show-Kombination dauerhaft den gewünschten Erfolg – einen zweistelligen Marktanteil in der Zielgruppe – erreichen kann, wird sich zeigen müssen. Eine gewisse Kondition im Kampf ums Publikumsinteresse dürfte angesichts der weitgehend unbekannten Newcomer-Sportler schon gefordert sein.

Gestern jedenfalls hatte das Faustkampf-Spektakel gegen Karneval aus Mainz (ARD, 7,16 Millionen Zuschauer) und "Wer wird Millionär" (RTL, 7,04 Millionen Zuschauer) keine Chance und blieb mit 1,3 Millionen Zuschauern (7 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe) hinter den Erwartungen zurück.

Aber wem, wenn nicht den innovationsfreudigen Münchnern sollte man derzeit einen solchen langen Atem zutrauen? Mit Kentikian hat man nun jedenfalls schon so etwas wie einen ersten Star im Stall, mit dem es sicherlich ein Wiedersehen geben wird.

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