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10. März 2009, 08:44 Uhr

Film-Methusalem de Oliveira

Fit wie ein Debütant

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Funktioniert das? Eine Ausstellung über einen Film-Regisseur abseits des Kinos? Und ob: Eine Berliner Schau porträtiert den 100 Jahre alten Manoel de Oliveira, den Methusalem des europäischen Autorenkinos.

Die portugiesische "Stiftung Serralves - Museum für zeitgenössische Kunst" zeigt in der Berliner Akademie der Künste noch bis zum 29. März die Ausstellung "Manoel de Oliveira". An zwei Wänden hängen Fotografien und Zeichnungen; in Vitrinen sind kleinere Fotos, Originaldrehbücher und andere Dokumente zu sehen. Ihren Fokus legt die Ausstellung aber auf die Filme selbst: Ausschnitte aus rund 50 Werken des portugiesischen Regie-Altmeisters laufen teilweise auf Monitoren, teilweise sind sie großformatig an den Wänden zu sehen.



Der abgedunkelte Ausstellungsraum ist durch eingestellte Wände so aufgeteilt, dass man einen Überblick über den gesamten Raum hat, und trotzdem, ohne in stickige Boxen gehen zu müssen, die einzelnen Filme sehen kann - sogar sitzend. Der einzige Wermutstropfen: Nicht vor jeder Projektion gibt es Kopfhörer, deshalb sind manchmal Musik und Ton der nebenan laufenden Filmsequenzen nicht zu überhören.

Im Mittelpunkt der Schau steht der erste Film, den Oliveira 1931 im Alter von 23 Jahren gedreht hat: "Douro Faina Fluvial" (Harte Arbeit am Fluss Douro) ist ein Stummfilm, eine Dokumentation über Häfen, Kähne und Schiffe, über barfüßige Lastenschlepper, das Sortieren des Fischfangs, die armseligen Pausen der erschöpften Arbeiter und ihre kleinen Flirts.

"Douro Faina Fluvial" ist in voller Länge in der Akademie zu sehen, rechts und links wird er von zwei Filmen auf Monitoren flankiert, die für Oliveira Referenzen für sein Erstlingswerk sind: "Die Sinfonie einer Großstadt" von Walter Ruttmann (1927) und "Der Mann mit der Kamera" von Dziga Vertov (1929). Wie seine Vorbilder zeigt Oliveira Fakten: die Hektik der Arbeit und das harte Leben der Menschen. Allerdings hat er seinen Film anders als die Kollegen mit kleinen fiktiven Szenen versetzt.

Ein zweiter Dokumentarfilm zum gleichen Thema ist auf die Wand nebenan projiziert. "Famalicao" von 1939 erzählt mit manchmal fast abstrakt wirkenden Bildern von Maschinen und menschlicher Arbeit und zeigt die Produktionsgegensätze in der ländlichen und der industriellen Welt.


Szenen aus "Aniki Bóbó" von 1942, Oliveiras erstem Spielfilm mit Ton, laufen an zwei Wänden über Eck. "Theaterkino, Kinotheater", fragt sich Oliveira selbst im Katalog zu diesem Film, dem Publikum der Erstaufführung war's egal: Der Film über arme Kinder "über Schuld und Sühne, Gut und Böse, Schicksal und Willen, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit", gedreht mit Kindern und Laien, wurde ausgebuht - und gilt heute als wegbereitend für den portugiesischen Neorealismus.

Nach dem Flop von "Aniki Bóbó" und während der Diktatur Salazars zog sich Oliveira in die Bewirtschaftung seines Weingutes zurück und drehte nur noch wenige Filme. Zwei über Kino und Malerei sind in der Akademie zu sehen, ebenso "Der Leidensweg Jesu in Curalha", dessen Themen Fiktion und Realität sind. Am meisten beeindruckt allerdings der 1963 entstandene "A Caca" (Die Jagd), der groß und in voller Länge gezeigt wird: Ein Junge versinkt in einem Sumpfloch; die Männer, die ihn retten könnten, zerstreiten sich; der Junge ertrinkt. Dann erscheint auf der Leinwand die Erklärung, dass die Zensur ein positives Ende erzwungen habe und der Film läuft noch einmal - mit Happy End.

Erst nach dem Ende der Diktatur wird Oliveira 1970 erneut als Regisseur aktiv. 62 Jahre ist er alt, als er mit den Dreharbeiten zu "O Passado e Presente" (Vergangenheit und Gegenwart) beginnt - einem Theaterstück in drei Akten. Und mehr als zuvor polarisiert er Zuschauer und Kritiker mit einer ungewohnten Theatralik und mit absoluter Künstlichkeit, die auch jetzt noch verblüfft.

"Jeder dachte, das wird sein letzter Film gewesen sein", schreibt ein Weggefährte im Katalog, aber dann kam, bis heute, jedes Jahr ein neuer Film, auch mit Stars wie Catherine Deneuve, John Malkovich, Marcello Mastroianni oder Bulle Orgier.

Für seine Arbeit ist de Oliveira inzwischen mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft worden. Erst vor einem Monat war er in Berlin, um auf der 53. Berlinale seinen jüngsten Film "Singularidades de uma rapariga loura" (Die Eigenheiten einer jungen Blondine) zu zeigen und eine Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk entgegen zunehmen.

Trotzdem kam der älteste noch aktive Regisseur der Filmgeschichte, der seinen ersten Film noch in der Stummfilmzeit drehte, auch jetzt wieder nach Berlin zur Eröffnung seiner Ausstellung.

Und dass er in der Pressekonferenz von seinen Plänen für einen neuen Film sprach, hat niemanden wirklich gewundert, denn Oliveira ist in fast alterslos scheinender Verfassung - körperlich wie geistig.

Er hielt zwei Reden, beantwortete jede Frage, schrieb Autogramme und führte selbst durch seine Ausstellung. Nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal: zuerst die Journalisten, dann den Portugiesischen Staatspräsidenten Aníbal Cavaco Silva, der auf Staatsbesuch in Berlin war.

In der Akademie der Künste war Oliveira nicht zum ersten Mal zu Gast. 1978 hatte der Filmhistoriker und langjährige Leiter des Internationalen Forums des Jungen Films der Berlinale, Ulrich Gregor, auf einem Festival Oliveiras vier Stunden langen Film "Amor de Perdicao" (Das Verhängnis der Liebe) gesehen. "14 Tage lang hat mein Mann ununterbrochen von diesem Film gesprochen", sagt Erika Gregor, "dann haben wir den in Deutschland völlig unbekannten Oliveira eingeladen und hier in der Akademie hat er 1979 eine 16 Millimeter Kopie von ,Amor de Perdicao' gezeigt". Schon nach 20 Minuten sei sie verzaubert gewesen, "der Film war unterirdisch schön". Nicht alle fanden das, am Ende des Films war nur die Hälfte der Besucher geblieben, aber die klatschten, und ein "harter, meist ironischer" Berliner Filmkritiker weinte sogar an Erika Gregors Schulter.

Ein Jahr später hatte Oliveira sein Debüt auf der Berlinale - im "Internationalen Forum des Jungen Films".

Der Debütant war 79 Jahre alt.


Ausstellung "Manoel de Oliveira". Berlin. Akademie der Künste am Hanseatenweg. Bis 29.3.

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