Filmindustrie Alptraumfabrik Hollywood

Eine Woche nach den Anschlägen auf das World Trade Center wird in New York wieder gedreht. Doch auch vor der Kamera gilt: Nichts ist mehr, wie es einmal war.

Von Carolin Ströbele


Die New Yorker Skyline nach den Attentaten
AP

Die New Yorker Skyline nach den Attentaten

Man könnte die beiden Türme einfach ausradieren, das bereits vorhandene Filmmaterial nachbearbeiten. So, als ob es nie eine andere Skyline von Manhattan gegeben hätte. "Digital Erase" heißt das computertechnische Nachretuschieren im Fachjargon.

Bilder kann man ausradieren, die Gefühle der Kinobesucher können die Filmmacher nicht so einfach abstellen. Daher reagierten die Produktionsfirmen in Hollywood auch sofort nach der Katastrophe vom vergangenen Dienstag: Der Trailer von "Spider Man" verschwand umgehend aus den Kinovorschauen. Der Held spannt dort ein riesiges Spinnennetz - zwischen den Zwillingstürmen.

Kann in der geplanten Version nicht in die Kinos kommen: Jackie Chans neuer Film
AP

Kann in der geplanten Version nicht in die Kinos kommen: Jackie Chans neuer Film

Auch die Fortsetzung von "Men in Black" muss neu geschrieben werden, weil dort das World Trade Center eine wichtige Rolle spielt. Bei dem geplanten Jackie-Chan-Film "Nosebleed" hilft auch das Umschreiben nichts mehr. Der Kampfkunst-Star sollte einen Fensterputzer beim World Trade Center spielen, der einen Terroranschlag auf die Freiheitsstatue verhindert.

Der Start des neuen Schwarzenegger-Film "Collateral Damage" wurde bis auf weiteres ausgesetzt. Der Action-Star spielt darin einen Feuerwehrmann, dessen gesamte Familie Opfer eines terroristischen Anschlags geworden ist. Sogar Komödien wie Tim Allens "Big Trouble" wurden erst mal verschoben, weil in dem Film eine Atombombe in einem Koffer in ein Flugzeug geschmuggelt wird.

Explosionen wie in James-Bond-Filmen: Künftig tabu?
UIP

Explosionen wie in James-Bond-Filmen: Künftig tabu?

All diese Maßnahmen sind jedoch nur Äußerlichkeiten, kleine Schönheitsfehler in der Filmwelt, auch wenn sie die Produzenten Millionen kosten. Hollywood muss sich jetzt mit einer ganz existenziellen Frage beschäftigen: Welche Filme darf man in Zukunft überhaupt noch drehen? Nach jeder Katastrophe muss die Kunst reagieren. Und nach jeder Katastrophe solchen Ausmaßes muss sich die Kunst nach ihrer Existenzberechtigung fragen.

Das genau scheint das Problem der amerikanischen Filmindustrie zu sein. Hollywood hat sich schon so sehr vom Kunstbegriff wegbewegt und mit apokalyptischen Ballerstücken die Massen vereinnahmt, dass man nur noch vereinzelt von Filmkunst sprechen kann. Der Anschlag auf das World Trade Center war gleichzeitig ein Schlag ins Gesicht für Hollywoods Alptraumfabrik, die schon so oft Drehbücher für ähnliche Katastrophen geschrieben hat.

"Die Branche muss umdenken": Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen
DPA

"Die Branche muss umdenken": Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen

"Wir werden andere Geschichten erzählen", sagte der Regisseur Wolfgang Petersen ("Das Boot") kürzlich in einem Interview mit der "Zeit". Petersen hatte 1997 mit "Air Force One" auch einen dieser typischen Hollywood-Action-Filme gedreht, der nun bedrohlich nah an die Realität herangekommen ist. Das Flugzeug des US-Präsidenten wird von Verbrechern gekapert. Die Regierung bleibt zwar am Ende siegreich, doch die "Air Force One" geht in Flammen auf. "Es ist natürlich aufregend, im Film bekannte Wahrzeichen in die Luft zu sprengen", gestand der Regisseur, "denn große Symbole sind mit großen Emotionen belegt."

Solche Szenen verbieten sich nun nach den Terroranschlägen, da von den Gefühlen Tausender nur noch offene Wunden geblieben sind. "Die Branche muss umdenken", sagte Petersen. Eine andere Art von Film wird jetzt gebraucht. "Vielleicht werden es aufbauende, positive Geschichten sein."

Auch der Leiter des Film Festivals in Toronto, Piers Handling, kündigte eine "große Veränderung in der Filmwelt" an. "Es gibt offensichtlich bestimmte Bilder, die das Publikum nicht mehr sehen will und die nicht nur unangemessen wären, sondern auch in kommerzieller Hinsicht katastrophal."

So bleibt als schwache Hoffnung, dass, wenn nicht das eigene Gewissen, so doch der Geldbeutel den Produzenten und Regisseuren den Weg weisen wird zu einem Kino, das zukünftig mit weniger Gewalt- und Zerstörungsorgien auskommt. Doch das liegt vor allem an uns selbst, dem Publikum.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.