Ausstellung "Digital Revolution" Totes Kino, lebendiger Film

Was wird aus der Kunstform Film in Zeiten von Streaming und CGI? Eine Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum sucht zwischen "Pac-Man" und "Inception" nach Antworten.

Warner Bros.

Wie viele Tode ist das Kino schon gestorben? Spätestens mit der massenhaften Einführung von Fernsehapparaten sahen etliche Filmemacher das Kino Mitte des vorigen Jahrhunderts bereits am Ende. Bekanntlich war es das damit noch lange nicht - aber die Frage, ob man es aktuell mit dem letzten Röcheln zu tun hat oder Film und Kino gerade nur wieder mal neue Formen annehmen, bleibt ob der digitalen Umwälzungen virulent. Vielleicht kann "Digital Revolution" Aufschluss geben?

Die neue Ausstellung im Deutschen Filmmuseum & Filminstitut in Frankfurt am Main wurde aus dem Londoner Barbican Centre übernommen, wo sie 2017 als gigantisches Spektakel einen umfassenden und interaktiven Blick auf digitale Umwälzungen in Kunst, Medien, Individuum und Gesellschaft ermöglichte.

Das DFF zeigt jetzt eine reduzierte Version: Statt 1600 Quadratmetern wie in London stehen hier nur rund 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung. So wurde manches ins Rahmenprogramm ausgelagert - Diskurse, Fragen nach Urheberschaft, auch der Film selbst.

Sorry, sagt die Software

Gut die Hälfte der Ausstellungsfläche ist der digitalen Archäologie gewidmet, wozu der schreibmaschinenähnliche Apple-Computer ebenso gehört wie Großformat-Synthesizer, Ataris und Pacman-Arcade-Maschine - was viel Freude macht, denn unter Achtziger-Soundtracks kann hier an Konsolen und Computern nahezu alles gespielt und angehört werden.

Der Film nimmt dann flächenmäßig eine vergleichsweise kleine Rolle ein: "Inception" und "Gravity" werden als Paradebeispiele digitaler Produktionsmöglichkeiten angeführt, auch hier darf selbst ausprobiert werden, wie CGI-Welten entstehen. Es folgen einige weitere Filmausschnitte und Videoarbeiten, die allerdings manchmal an ihre Grenzen geraten: "Your address doesn't contain enough data to 100% enjoy this experience," entschuldigt sich die Software. Sie sollte den potentiell interaktiven Videoclip zu Arcade Fires "We Used To Wait" eigentlich an Hand meiner Adresse aus Kindertagen mit passenden Ansichten aus Google Street View individualisieren.

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Ausstellung "Digital Revolution": Einmal noch gemeinsam staunen

Wer "Digital Revolution" durchschreitet, diesen interaktiven und oft spaßigen Spielhöllenschlund, dem dämmert, dass die fantastische Möglichkeit, vom Konsumenten zum Produzenten zu werden, untrennbar mit einem weiteren Phänomen einhergeht: Der zunehmenden Unfähigkeit, sich Formaten auszuliefern, deren Start- und Endpunkt man nicht selbst bestimmen kann.

Denn für jene Momente steht natürlich das Kino, das Film in einer Art Frontalunterrichtsmanier präsentiert. Aus der Bereitschaft seines Publikums, sich darauf einzulassen, ein oder zwei Stunden lang einmal nicht (inter-)aktiv sein zu können, sich mit allen Anwesenden zur gleichen Zeit auf dasselbe Geschehen einzulassen, bezieht es seine Berechtigung - als immer noch magischer, für die Spieldauer eines Filmes alle gleich machender Ort.

Effekte statt Ideen

Gute Geschichten werden, davon zeugt auch "Digital Revolution", ebenso im Gaming erzählt, digitale Angebote verändern die Produktionsbedingungen, vieles wird durchlässiger. Als Medium und Kulturform muss man um den Film, digital wie analog hier einmal zusammengenommen, bis auf Weiteres nicht fürchten. Aber das Kino als sozialer Raum, diese Ära scheint doch unausweichlich auszuklingen (auch, wenn hier wie überall gilt: keine Regel ohne Ausnahme).

Und das Kino im Filmmuseum? Das präsentiert zumindest im nächsten Monat eher offenkundige Titel - die Filme aus der Ausstellung, oder zum Beispiel "Young Sherlock Holmes" ("Das Geheimnis des verborgenen Tempels") mit dem Glasritter, der ersten menschenähnlich animierten CGI-Figur von 1985. Allesamt sehenswerte, technisch allemal beeindruckende Filme.

Der Glasritter in "Young Sherlock Holmes"
action press

Der Glasritter in "Young Sherlock Holmes"

Aber angesichts der digitalen Umbrüche und ihrer kreativen Möglichkeiten, die hier ausführlich angekündigt werden, hätte man zeigen können, dass es einem ernst ist mit der These: Warum nicht einen Low- oder No-Budget-Film wie der später Millionen einspielende "El Mariachi" von Robert Rodriguez, der ohne die Möglichkeiten günstigster Massentechnologie so nicht denkbar gewesen wäre (der Filmemacher transferierte sein auf wenigen Filmrollen gedrehtes Material auf Video, um ohne großen Materialaufwand schneiden zu können)? Wieso kein "Tangerine L.A.", der 2015 komplett auf dem iPhone gedrehte Independent-Film - von noch experimentelleren Titeln ganz zu schweigen?

Fast scheint es, als sei den Ausstellungsmachern in Frankfurt dann aller großen Worte zum Trotz gar nicht so viel mehr zum Thema Digitales, Film und Kino eingefallen als brillante VR- und CGI-Effekte.


Ausstellung "Digital Revolution", bis 20. Oktober 2019. Deutsches Filmmuseum Frankfurt.

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insgesamt 2 Beiträge
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darthkai 10.06.2019
1. Das tote Kino...
scheint das Feuilleton-Pendant zum "Ende von Microsoft" im Heise-Forum zu sein - seit Jahrzehnten verkündet, und jedes Jahr steigen verlässlich die Umsätze ^^ https://www.statista.com/statistics/271856/global-box-office-revenue/
spi-on 10.06.2019
2. Digital ist modern. Schlechtes Deutsch nicht.
Digital ist modern. Schlechtes Deutsch nicht. Bild Nr. 6 zeigt kein "Filmstill", sondern eine "Szene" oder ein "Bild". "Still" ist englisch, und existiert nicht in der deutschen Sprache, auch nicht als Fremdwort. Zudem ist das gezeigte Bild ist noch nicht einmal ein "Still", denn historisch waren die "Stills", also die "Standbilder" separat photographierte Aufnahmen, nicht aber aus dem Film herauskopierte Einzelbilder, wie in diesem Fall. "Stills" zeigten also stets leicht unterschiedliche Einstellungen und Inhalte, die so gar nicht in den fertigen Filmen zu sehen waren. Grund dafür war die begrenzte Qualität des einzelnen 35 mm Filmbildes, das für Aushangfotos, Pressebilder oder Vorlagen für Werbematerial als nicht ausreichend betrachtet wurde. Zudem hätte ein Herauskopieren die Gefahr einer vorzeitigen Beschädigung des Filmmateriales bedeutet, noch bevor der Film endgültig fertiggestellt worden war. --- Diese Verwirrung könnte man sich ersparen, würden sich Ihre Autoren bewusster eines guten Ausdruckes bemühen, anstatt oft gehörte Begriffe aus englischen Publikationen unreflektiert nachzuplappern.
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