Finanzkrise Ein Hoch auf die Abwrackistas!

In Frankreich nimmt man Manager als Geiseln, in Deutschland mobilisiert die Krise andere Kräfte: Man kauft - angespornt von der Abwrackprämie - Autos. Die Massenbewegung made in Germany ist aber gar nicht bieder, sondern Symbol einer neuen deutschen Lässigkeit.

Von Reinhard Mohr


Die Experten wissen natürlich immer alles besser, auch wenn sie sich häufig gegenseitig widersprechen: Sinnlos hinausgeworfenes Steuergeld sei das, ein Strohfeuer, das später als Bumerang einer tiefen Absatzdelle zurückkehre, nichts als konjunkturpolitische Symbolpolitik. Die Abwrackprämie - ein schädliches Nullsummenspiel.

Dieselben Wirtschaftsexperten haben allerdings noch vor Jahresfrist kein Wort über die schwerste Rezession seit 70 Jahren verloren, die nun die ganze Welt in Bann schlägt. Die prophetischen Gaben der versammelten Ökonomieprofessoren sind also äußerst dürftig, auch wenn sie stets das Gegenteil behaupten.

Dabei ist der umwerfende Erfolg der Abwrackprämie zum großen Teil gar nicht ökonomisch, sondern massenpsychologisch, kulturell und gesellschaftspolitisch zu erklären. Sie ist die einzige Maßnahme der Regierung, die sofort gewirkt hat und selbst den schwer angeschlagenen Opelanern ein wenig Luft verschafft. Dass die Aktion nur einen vorübergehenden, geradezu künstlich hervorgerufenen Absatzboom in der Autobranche hervorgerufen hat, ist offensichtlich. Aber darum geht es ja gerade: Jetzt zu handeln, gleichsam stante gaspedalis, im Augenblick der größten Not.

Gegensteuern und durchstarten

Was den semantischen Gehalt des "Strohfeuers" betrifft: Was waren denn die gigantischen Immobilien- und Kreditblasen der vergangenen Jahre anderes als riesige, freilich unsichtbare Strohfeuer, in denen jetzt ganz real Billionen verbrannt werden? Wo war denn dort das Prinzip vorausschauender Nachhaltigkeit? Und wo waren all die professionellen Besserwisser, Masters of the Universities, die laut und vernehmlich vor dem Supercrash gewarnt hätten?

Nun ist guter Rat teuer, während die apokalyptischen Warnungen im Stundentakt auf uns herniederprasseln. Und hier kommt, neben allen Krisengipfeln, Finanzmarktreformen und internationalen Dauerkonferenzen, die Psychologie ins Spiel. Die Wahrheit ist: Der kleine Mann und die kleine Frau auf der Straße können eigentlich gar nichts tun - außer die Ruhe zu bewahren, morgens wie immer ins Büro zu fahren und schön weiter einkaufen zu gehen.

Auch die Demonstrationen vom vergangenen Wochenende haben nichts daran geändert: Die Bürger, so wütend sie über all die Bank- und Bonus-Exzesse sein mögen, sind zur Passivität verdammt. Selbst der Blick nach Frankreich, wo orts- und kulturübliche Aktionen in Fabriken bis hin zur Geiselnahme einzelner Manager für para-revolutionäre Gefühlsabfuhr sorgen, bringt uns nicht weiter.

Denn auch das sind eher hilflose Strohfeuer einer Volkswut, die nicht recht weiß, wohin mit all den vagabundierenden Empörungsenergien. Aber so ist er eben, der sympathische Franzose: Erst einen kleinwüchsigen Ersatzkaiser wählen und dann, ein Jahr später, schon wieder mit der Revolution liebäugeln. Allerdings, naturellement, nur bis zum nächsten Piquenique am Meeresstrand.

Die Deutschen, gebrannte Kinder von Inflations-, Arbeitslosigkeits-, Revolutions- und Kriegswirren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sublimieren ihre Erregungsängste ganz anders. Ihre Revolte ist die Abwrackprämie, die geordnete und staatlich reglementierte Metamorphose von alt zu neu. Ohne Antrag läuft hier nichts, dafür gibt es auch etwas gratis: Die Veränderung eines misslichen Jetzt-Zustandes in ein Stück Zukunft auf vier Rädern.

Die Möglichkeit, etwas selbst zu tun, handeln zu können. Wenigstens ein bisschen. Ein letzter Hauch von Fortschrittsoptimismus, der in all den schwarzen Untergangsszenarien nicht mehr zu finden ist.

Das ist die Logik des guten alten Futurismus: Die Vergangenheit wird zu werthaltigem Schrott verarbeitet, und schon die neue Sechsgangschaltung ist ein kleiner Schritt ins Paradies.

Staatlich finanzierte Massenbewegung

Hinzu kommt der massenpsychologische Effekt dieser kollektiven Demonstration in den Autohäusern der Republik, der sich beinah spielbildlich zu jenen Protesten verhält, die unter dem Motto "Wir zahlen nicht für eure Krise!" standen. Die nunmehr über eine Million Vorkämpfer für die Abwrackprämie, die offenbar allein von schlechter Computersoftware zu stoppen sind, versammeln sich unter einer ganz anderen Parole. Sie könnte heißen: "Wir rechnen damit, dass ihr zahlt - und wir nehmen, was wir kriegen!"

Obwohl in allen Massenmedien seit Monaten konsequent daran gearbeitet wird, dass die Laune der Deutschen endlich wieder viel schlechter wird als die Lage - was dem langjährigen Normalzustand entspräche -, trotzen gerade Hunderttausende Abwrackistas zwischen Kiel und Füssen dem historischen Trend. In langen Schlangen anstehend verbreiten sie einen unverschämten Kaufoptimismus. Wer am vergangenen Sonntag über den Berliner Kurfürstendamm flanierte, sah gehobene Exemplare dieser Gattung sogar durch den Luxussalon von BMW streifen.

Mag sein, dass die blankgeputzte Kühlerhaube eines BMW Z4 Roadster des Deutschen Himmelreich ist, was unter Klimaschutzaspekten gewiss der Kritik unterworfen werden kann. Doch entscheidend ist das, was im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" jüngst als neue German Lässigkeit bezeichnet wurde: Eine Gelassenheit, die aus den Untiefen der Erfahrung kommt.

Sie weiß, dass das Leben weiter geht und richtet sich auch in der Krise, ja, erst recht in ihr, darauf ein. Mit einem schönen neuen Opel geht's dann vielleicht schon bald wieder mal nach Italien.

Wie früher, damals, als alles anfing.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
seiwol, 02.04.2009
1. deutsche Lässigkeit
Zitat von sysopIn Frankreich nimmt man Manager als Geiseln, in Deutschland mobilisiert die Krise andere Kräfte: Man kauft - angespornt von der Abwrackprämie - Autos. Die Massen-Bewegung made in Germany ist aber gar nicht bieder, sondern Symbol einer neuen deutschen Lässigkeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,616958,00.html
Eine der dümmsten Aussagen die ich seit langem gelesen habe.
Sapere aude 02.04.2009
2. Aha
Zitat von sysopIn Frankreich nimmt man Manager als Geiseln, in Deutschland mobilisiert die Krise andere Kräfte: Man kauft - angespornt von der Abwrackprämie - Autos. Die Massen-Bewegung made in Germany ist aber gar nicht bieder, sondern Symbol einer neuen deutschen Lässigkeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,616958,00.html
Und jetzt, lieber Herr Mohr, bringen sie diese These noch mit der Tatsache in Übereinklang das der Konsum im letzten Monat um real 5% einbrach.
Strichnid 02.04.2009
3.
Zitat von sysopIn Frankreich nimmt man Manager als Geiseln, in Deutschland mobilisiert die Krise andere Kräfte: Man kauft - angespornt von der Abwrackprämie - Autos. Die Massen-Bewegung made in Germany ist aber gar nicht bieder, sondern Symbol einer neuen deutschen Lässigkeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,616958,00.html
Was für ein unnützer Beitrag. Triefend von so viel Ahnungslosigkeit in wirtschaftlichen Fragen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Da kann sich ein Herr Mohr noch so viel Lässigkeit wünschen: Diese Krise ist erst vorbei, wenn auf allen Konto in Zahlen ein Zehntel dessen steht, was vor der Krise dort stand.
Hercules Rockefeller, 02.04.2009
4. Schade
Blödes shoppen ist nicht lässig, sondern lächerlich. Zumal der deutsche Michel nicht kapiert, dass er sich die Abwackprämie selber zahlt, über Steuern und dergleichen. Blöder gehts nimmer! Dagegen sind Manager in Geiselhaft eine wahre Wohltat und nur logische Konsequenz. Zumal Geiselhaft wahrlich ein milder Umgang mit diesen Gestalten ist. In Deutschland ist das aber nicht zu befürchten. Hier beweint man verlebte Zockerinnen im Nerzmantel und geht auf die Straße, damit die ihre Milliarden zurück bekommt. Hier gilt "Hauptsache Arbeit"-Lohn und Leben kann man ja immer noch im Jenseits haben.
indosolar 02.04.2009
5. Gelassenhheit ????
wenn Sie sich da mal nicht taeuschen Herr Mohr. Die ueberaus heftige Inanspruchenahme der Abwrackpraemie zeigt, dass das Volk doch nicht so dumm ist, wie es verkauft wird. Vielleicht erstellt man mal eine Umfrage unter den Abwrackistas, dann wird man feststellen, die Leute kaufen jetzt, da sie Ihr Geld dann doch lieber in ein sehr reales Auto anlegen, noch dazu wo es ein 2500 Trostpflaster gibt, als es den weiterhin nicht vertrauenswuerdigen Banken und Finanzinstituten anzutrauen, Sie warten einfach nicht, ob eine Inflation kommt, wer jetzt noch Geld hat, gibt es aus!!!
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