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Finanzkrisen-Theater: Schauspieler als Aktien-Kenner

Foto: Sebastian Hoppe

Finanzkrisen-Theater Gemetzel an der Börse

Im Theater kriselt's ganz gewaltig: In der neuen Saison stehen Kapitalismus- und Finanzdramen auf den Spielplänen. Den Auftakt macht das Düsseldorfer Schauspielhaus mit der Premiere von Émile Zolas "Das Geld".
Von Sophie von Puttkamer

"Geld oder Leben", so heißt das diesjährige Spielzeitmotto in Düsseldorf. Passend dazu eröffnet Intendantin Amélie Niermeyer am 12. September mit der Premiere eines spannenden Börsenspektakels: "Das Geld", nach einem 1891 erschienenen Meisterwerk von Émile Zola, in einer Bühnenfassung John von Düffels, inszeniert von Tina Lanik.

"Das Geld" spielt im Paris der 1860er Jahre und rankt sich um den geldgierigen Spekulanten und Finanzjongleur Saccard, der mit einer neuen, windigen Geschäftsidee die Finanzwelt aufrüttelt. Durch Zufall hört er von einem Silbervorkommen im Orient und streut das werbewirksame Gerücht, er plane den Abbau des wertvollen Edelmetalls. Zur Finanzierung seines verführerischen Projekts gründet Saccard die Universalbank und legt Aktien auf. Seine geniale und ebenso kriminelle Idee zündet schnell: Wie verrückt kaufen Groß- und Kleinanleger die Universalbank-Wertpapiere, die in immer monströsere Höhen steigen. Ewig kann das wilde Spekulationsspiel allerdings so nicht weitergehen, am Ende platzt auch diese Blase, es folgen totaler Zusammenbruch und Ruin.

"Zolas Roman ist das beste Handbuch zur Krise. Man versteht endlich, wie alles entsteht", sagt die Regisseurin Tina Lanik. "Ich wusste sofort, den Stoff muss ich auf die Bühne bringen." Die 35-Jährige, vor sechs Jahren zur besten Nachwuchsregisseurin gekürt, arbeitet normalerweise am Bayerischen Staatsschauspiel in München. "Das Geld" ist ihre erste Inszenierung in Düsseldorf. Ein Stück zur Finanzkrise - diese Idee hat sie fasziniert, auch wenn das Thema selbst für die gelernte Politologin einer besonderen Vorbereitung bedurfte. "Wir haben viel Zeitung gelesen, Dutzende Filme geschaut und uns von echten Fachleuten, also Volkswirten und Bankern, beraten lassen." Mittlerweile kenne sich das gesamte Team so gut in der Finanzwelt aus, dass einige Schauspieler sogar Aktien gekauft hätten.

Lanik inszeniert "Das Geld" aus dem Blickwinkel der Börse, ohne es zu einem Plädoyer für oder gegen den Aktienmarkt werden zu lassen. "Ich wollte nicht sagen: diese bösen, bösen Börsianer." Es gehe ihr nicht darum, ein moralisches Urteil zu fällen, sondern das System begreifbar machen. Trotzdem sei ihr Stück kein Volkwirtschaftsseminar, sondern ein echtes Drama.

Menschen und Millionen werden weggemäht

John von Düffel, der bereits Thomas Manns "Buddenbrooks" oder Theodor Storms "Schimmelreiter" für die Bühne umschrieb, hat sich bei "Das Geld" weitgehend an das Original gehalten, vor allem sprachlich. Zola beschreibt das Börsengeschehen mit flammenden Kriegsmetaphern: Bei der finalen Anlegerschlacht, einem Gemetzel, werden Menschen und Millionen "wie ganze Reihen von Soldaten von Granaten weggemäht. Stunde für Stunde ein Morden, überall ein lauernder Hinterhalt." Der französische Schriftsteller und Journalist Émile Zola (1840-1902) hatte die Finanzskandale seiner Zeit, etwa den Zusammenbruch der Banque Union Générale, vor Augen, als er den Roman schrieb. "Ich wollte den Blutkreislauf des kapitalistischen Systems darstellen und seiner Pumpstation, der Börse", erklärte er damals.

Die Düsseldorfer Inszenierung ist längst nicht das einzige Stück dieser Spielzeit, das unsere marode ökonomische Weltlage thematisiert. Tina Lanik selbst, dann schon Spezialistin auf dem Gebiet, bringt im Dezember noch Georg Kaisers "Von morgens bis mitternachts" nach München. Es geht um einen Bankkassierer, der Geld raubt und nach dem emotionalen Gegenwert dessen sucht. Elfriede Jelineks Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns", das - im April in Köln uraufgeführt - als erste Reaktion einer Dramatikerin auf die aktuelle Wirtschaftkrise gilt, wird auch in dieser Saison mehrmals gespielt: In Hamburg, Nürnberg, Freiburg, Göttingen, Potsdam und Karlsruhe. Hochkonjunktur hat jetzt auch "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht, die in Berlin, Dresden, Schwerin, Darmstadt und Konstanz aufgeführt wird. Nicht zu vergessen "Die Buddenbrooks" in der Düffel-Adaption, dieses Jahr beispielsweise in Nürnberg, Freiburg und Heilbronn. Eine weitere Uraufführung präsentiert am 18. September das Schauspielhaus Zürich  mit Gottfried Kellers "Martin Salander" in Bearbeitung von Thomas Jonigk. Das Stück erzählt, ähnlich wie "Das Geld", von den skrupellosen Spekulationen eines Kaufmanns.

Am Ende muss allerdings das Publikum entscheiden: Verkraftet es die Finanzkrise noch auf den Bühnen - oder hat sich das Thema bereits auserzählt, und wird es für die Theater eine Pleite? Tina Lanik zumindest glaubt fest daran, dass die Geschichte vom Schein oder Nicht-Schein die Leute interessiert.


Das Geld. Premiere am 12.9. im Düsseldorfer Schauspielhaus . Auch am 13., 18., 21., 29.9. sowie 1., 3., 4., 17. und 18.10., Tel. 0211/36 99 11.

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