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Zubereitung: Kalbs-Semerolle mit Kloswürfeln

Foto: Peter Wagner

Fleischspezialitäten Gut Koch will Teile haben

Feinschmecken ist keine Kunst des dicken Geldbeutels, sondern des Wissens: Wer sich auskennt, kann hervorragende, aber wenig bekannte Fleischstücke sehr günstig bekommen.

Don Camillo Tarocci und sein Gegenspieler, der Bürgermeister Giuseppe "Peppone" Bottazzi, schlagen sich in den launigen Geschichten von Giovannino Guareschi zwar immer wieder gern die Köpfe ein. Völlig einig sind sie dagegen stets, wenn es ums Essen geht. Da haben sie, frei nach Oscar Wilde, einen ganz einfachen Geschmack: immer nur das Beste.

Und weil auch in Deutschland der erste Mann im Dorfe entweder der Pfaffe oder der Bürgermeister war, heißen die besten Teile vieler Fleischtierrassen bis heute "Pfaffenstückchen" oder "Bürgermeisterstück". Der Trick dieser Honoratioren und ihrer ergebenen Metzgergesellen: Sobald das Filet blitzschnell verzehrt ist, überlassen sie die in der offiziellen Hitliste folgenden Zuschnitte wie Schnitzel, Kotelett, Rücken, Roastbeef, Entrecôte oder Oberschale großzügig dem gemeinen Volk und laben sich in der Kemenate an den geheimen - und deshalb preislich interessanten - Luxusteilen.

Die finden sich bei Rind und Kalb zum Beispiel als "Falsches Filet" (oberhalb des Brustspitz; ideal z.B. für Sauerbraten), der zum Schmoren geborene "Nierenzapfen" (kräftiger Muskelstrang in der Bauchhöhle, an dem die Nieren aufgehängt sind), die herrlich mürben Backen, das dicke Ende des Zwerchfells (in Frankreich als "Onglet" ein Superstar, in Deutschland als "Kronfleisch" von den meisten Metzgern noch nicht einmal getrennt angeboten), die "Weiße Rolle", von der als "Semerrolle" hier noch die Rede sein wird - und natürlich das eigentliche "Bürgermeister-/Pfaffen-Stück" (der obere, spitz zulaufende Teil der Nuss neben der Unterschale). Das nämlich ist so zart, saftig, feinfasrig und wunderbar leicht marmoriert, dass die weitaus teuerere Oberschale im Schmortopf dagegen voll abstinkt.

Geistliche wie weltliche Dorfvorsteher greifen auch beim Huhn, Kapaun oder Poularde zielsicher zu den beiden kleinen, nach ihnen benannten Fleischnüsschen, die im hinteren Bereich des Rückens oberhalb der Keulen in den Karkassen beidseits der Wirbelsäule versteckt sind. In Frankreich und auch auf den teuren Tellern deutscher Sternegastronomen werden diese Teilchen aber von allen Feinschmeckern derart geschätzt, dass diese "Sot-l'y-laisse", alleine verkauft, horrende Spitzenpreise erzielen. Doch auch hier hilft kluger Einkauf weiter: Die für kleine Münze zur Herstellung von Hühnerbrühen angebotenen Rückenstücke enthalten diese Pfaffenstückchen ebenfalls. Einfach mit einem guten Filiermesser heraustrennen, in Butter nur kurz anbraten - und aus dem Rest eine gute Suppe kochen.

Kalbsmaske in gerollt-gesottener Form

Überhaupt ist es problematisch, Nahrungsmitteln das Prädikat "minderwertig" zuzuweisen. Sofern mit Herstellung, Erzeugung, Haltung und Frische alles in Ordnung ist, gibt es eigentlich nur hochwertige Teile - zumindest im Auge eines versierten Koches. Viele Stücke erleben ja auch ein Auf und Ab der Moden, was jahrelang zum fast völligen Verschwinden der Kalbsmaske geführt hat. Die aber erfährt in Frankreich in gerollt-gesottener Form des Tête de veau à l'ancienne gerade wieder eine Renaissance, zugleich gibt sie gekocht und extrem fein gewürfelt in ganz Europa einen beliebten Spielkamerad sogar für Hummer & Co. in den Spitzengastronomiekreationen ab.

Vincent Klink

Und es muss ja auch nicht jeder Gast von Stuttgarts "Wielandshöhe" wissen, dass der listige Chef das superedle weiße Ragout, auf der Karte unauffällig mit "Blankett vom Kalb" bezeichnet, zum größten Teil aus der Milz des Biokalbes gekocht hat, das Klink einmal die Woche kauft und komplett verwertet.

Auch die Semerrolle für das heutige Rezept sollte auf jeden Fall vom Kalb stammen, denn beim Rind ist dieses Stück zwar ebenso mager, es wird beim Schmoren aber recht zäh. Alternativ kann auch das schmale, längliche Teil der Nuss eingesetzt werden, die im Kalb gleich unterhalb der Unterschale angesiedelt ist. Weil daraus aber auch gern kleine Schnitzel (Piccata) geschnitten werden, ist die Nuss meist deutlich teurer als die Schwanzrolle ("Meiserl" in Bayern, der Franzose nennt es "Ronde de Gîte"). Wichtig bei der Zubereitung ist das langsame Garen bei nicht zu hohen Temperaturen, das in der Endphase unbedingt mit einem Fleischthermometer überwacht werden muss. Denn ein zu lange gegartes Scherzel mutiert rasch zu einem knochentrockenen Zahnzieher.

Und mit so was macht man sich weder Pfaffen noch Bürgermeister gewogen.

Rezept für Semerrolle vom Kalb mit Steinpilzen (Hauptgericht für 4 Personen)

Vorbereitungszeit: 35 Minuten

Zubereitungszeit: 60 Minuten

Schwierigkeitsgrad: einfach

Zutaten

Kalbsbraten
1300 g Semerrolle vom Kalb (längliches Teilstück der Unterschale; in Österreich als "Weißes Scherzel" bekannt)

2 Stück rote Zwiebeln

100 g Karotten, in feine Scheiben geschnitten

80 g Petersilienwurzeln, in feine Scheiben geschnitten

80 g Knollensellerie, in feine Scheiben geschnitten

50 g Stangensellerie, in feine Scheiben geschnitten

100 g Abschnitte der Steinpilze, klein geschnitten

4 El Rapsöl

2 El Pflanzenöl

2 El Butter

1 El roher Rohrzucker

2 Tl Meersalz

1 Prise Pfeffer, frisch gemahlen

4 El frischer Oregano, fein gehackt

3 El Noilly Prat (Vermouth)

150 ml trockener Weißwein

350 ml Kalbsfond

300 g Sahne

Steinpilze
250 g frische Steinpilze

2 El Butter

1 Prise Pfeffer und Salz

Knödelwürfel
800 g Kloßteig halb & halb

8 Scheiben Schwarzbrot, so dünn wie möglich aufgeschnitten

3 El Butter

1 Prise Salz

Zubereitung

Kalbsbraten
Braten 3 Stunden vor der Zubereitung aus dem Kühlschrank nehmen. Das Fleisch sorgfältig parieren (Sehnen, Fett und äußeres Bindegewebe entfernen). Das Fleischstück sollte danach mindestens 1200 g schwer sein. Das ist zwar gut portioniert für vier Esser, wird aber benötigt, um eine gute Sauce zu erzielen.

Rapsöl in einem ofentauglichen Bräter sehr heiß werden lassen, Fleisch 3 Min. ringsherum darin anbraten. Fleisch in Alufolie einwickeln, warm stellen. Fett aus Bräter entfernen, Butter und Pflanzenöl erhitzen (mittlere Temperatur, die Butter darf nicht verbrennen). Zwiebeln schälen und in sehr feine Würfel schneiden, im Fett anschwitzen. Zucker dazu geben, leicht karamellisieren lassen, mit dem Noilly Prat ablöschen, komplett einkochen lassen. Weißwein und Fond dazu geben, auf die Hälfte reduzieren. Sämtliches Gemüse, Salz & Pfeffer und die Hälfte des Oregano zugeben, kurz aufkochen lassen, Fleisch auswickeln und dazu geben. Bräter mit geschlossenem Deckel 45 Min. bei 140 Grad im Ofen lassen.

Bei 120 Grad und geöffnetem Deckel weiterbraten (jetzt auch den Rest des Oregano unterrühren), bis eine Kerntemperatur (mit Fleischthermometer messen) von 60 Grad erreicht ist. Dabei alle 5 Min. mit der Bräterflüssigkeit übergießen. (Zartere Alternative: ca. 3 Stunden bei 85 Grad Ofentemperatur langzeitgaren).

Bräter herausnehmen, Fleisch in den ausgeschalteten Ofen zum Nachgaren zurücklegen (Kerntemperatur darf aber nicht über 66 Grad steigen). Bräterinhalt im Mixer oder mit dem Schneidstab pürieren, durch feines Sieb passieren, mit der Sahne aufkochen. Sauce am Ende nochmals evtl. mit Pfeffer und Salz (bei Gefallen auch mit einem Spritzer Sherry oder Worcestershiresauce) abschmecken.

Steinpilze
Pilze abbürsten (nicht waschen) und in feine Scheiben schneiden. Die 20 schönsten Scheiben in der Butter anziehen, mit Salz & Pfeffer würzen. Restliche Abschnitte für den Braten verwenden.

Knödelwürfel
Vier quadratische Dessertringe innen mit Trennspray einsprühen (oder mit neutralem Öl einpinseln). Knödelteig fest eindrücken, Ränder abziehen. Ringe straff in Alufolie einwickeln, 25 Min. in leicht simmerdem Wasser gar kochen. Brotscheiben in der Butter anrösten, salzen. Mit einem der Dessertringe quadratisch ausstechen.

Anrichten

Vier Schieferplatten oder große Teller gut vorheizen. Knödelwürfel auspacken, aus dem Ring drücken und mit sehr dünnem Messer oder einem gespannten Draht in gleichmäßige Scheiben schneiden. Mittig auf den Teller zwei Knödelscheiben platzieren, je eine Brotscheibe auflegen. Fleisch mit Elektromesser oder sehr scharfem Fleischmesser in dünne Scheiben schneiden, je 3-4 Scheiben pro Teller auflegen. Steinpilzscheiben dazu geben, erst jetzt mit einem Saucenspender 4-5 Saucenstriche aufbringen (für normale Haushaltsmengen ideale Alternative ist der Silikon-Dekostift von Cuisipro ). Mit frischem Oregano ausdekorieren und sofort servieren.

Wenn das Rezept als Alleingericht gekocht wird: restliches Fleisch, Knödel und Sauce getrennt dazu servieren.

Küchen-Klang

Wem beim Kochen schon weihnachtlich zumute ist, aber trotzdem kein "Stille Nacht" hören will, kann sich mit dem Schaffensquerschnitt der Keltenpop-Elfe "The Very Best of Enya" (Warner Music) schon mal die Gehörgänge festlich zart garen.

Getränketipp

Helles Fleisch, schonend gegart, das schreit förmlich nach einem fruchtigen Riesling mit nicht zu straffer Mineralität wie dem 2007 "Kapellenberg"  des Pfälzer Winzertalentes Phillip Kuhn, der es wegen seiner Komplexität auch mit der Oregano-Note der Sauce aufnehmen kann.

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