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"Die letzten Gladiatoren": Fußball als Kampfsport

Foto: Michael Löwa

Prügel-Fußball Die Gladiatoren von Florenz

Halbnackte, tätowierte Männer prügeln sich um einen Ball - beim florentinischen Fußball gelten andere Regeln. Michael Löwa hat die Freizeitsportler in seiner Fotoserie "Die letzten Gladiatoren" porträtiert.
Zur Person
Foto: Michael Löwa

Michael Löwa wurde 1974 in Hildesheim geboren. Er studierte Fotojournalismus an der Fachhochschule Hannover. Bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" absolvierte er eine halbjährige Hospitanz als Redaktionsfotograf. Seit 2007 arbeitet er als freiberuflicher Fotojournalist in Hannover. Seit vier Jahren wird er durch die Fotoagentur laif vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Löwa, Sie haben übel drein schauende, grobe, harte, tätowierte Männer auf einem Platz in Florenz fotografiert. Es sieht so aus, als würden die sich prügeln. Aber was machen die Jungs da genau?

Löwa: Sie spielen florentinischen Fußball - ein Spiel, das 500 Jahre alt ist und bei dem sich die Teilnehmer aus taktischen Gründen auch schlagen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das denn für ein Spiel?

Löwa: Das Spiel wurde vom Adel erfunden - als Ersatz für den Krieg, weil niemand von den edlen Herren damals in die Schlacht gezogen ist und demnach auch nicht als Held gefeiert werden konnte. Mit dem Spiel haben sich die Mitglieder des Adels den Krieg nach Hause geholt und auch den Siegeszug. So konnten sie bei den Frauen ihr Ansehen verbessern. Nun wird es immer noch gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft das Spiel genau ab?

Löwa: Pro Mannschaft treten 27 Spieler gegeneinander an und die Spielzeit beträgt 50 Minuten. Von der Spielart her ist es ein Gemisch aus American Football, Catchen und Fußball. Die Spieler nehmen den Ball meist unter den Arm und versuchen dann Meter zu machen, also den Ball in Richtung Tor zu bewegen. Die Gegner versuchen sie daran zu hindern - und zwar indem sie sie in Kämpfe verwickeln. Dann sind die Spieler abgelenkt und können sich nicht um den Ball kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich aber brutal an.

Löwa: Das ist es auch. Ich war froh, dass ich nicht auf dem Platz stehen musste, sondern durch eine Bande geschützt direkt neben dem Spielfeld stand, als ich die Fotos machte. Fouls gibt es auch - aber nur, wenn einer den anderen von hinten angreift oder einer dem anderen ins Gesicht tritt. Dann wird der Verantwortliche vom Spiel disqualifiziert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Schiedsrichter?

Löwa: Ja. Er ist während des gesamten Geschehens immer auf den Platz und muss aufpassen, dass alle Regeln eingehalten werden und er nicht selbst noch etwas abbekommt.

SPIEGEL ONLINE: Und was passiert mit den Verletzten?

Löwa: Die Personen, die sich schwer verletzen, sind raus und werden auch nicht ersetzt. Manche haben aber nur einen Knock-out, können nach ein paar Minuten weiterspielen. Es gab auch Jahre, wo das Spiel abgebrochen werden musste, weil es so brutal war.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen die Leute bei so etwas mit?

Löwa: Das Turnier geht zwei Wochen. In dieser Zeit interessiert sich in Florenz so gut wie jeder dafür. Die Einwohner wissen genau, wer mitspielt, sie kennen jeden Sportler. Das sind Menschen, die den Rest des Jahres kaum wahrgenommen werden. Drei Viertel von ihnen sind arbeitslos, die anderen haben einfache Jobs - so wie der Maler Gianni.

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Foto: seen.by

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Gianni?

Löwa: Das ist ein Stürmer, den ich während des Turniers begleitet habe, um nicht nur den Sportler zu sehen, sondern die ganze Person zu begreifen. Ich wollte verstehen, warum sich Männer wie er für so eine brutale Sportart begeistern.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Gianni an?

Löwa: Das, was alle Männer antreibt, die da mitmachen. Während des Turniers stehen sie im Mittelpunkt, werden bejubelt und sind Helden. Im Alltag haben sie ein ganz normales Leben, das nicht an den Status herankommt, den sie während des Turniers genießen.

SPIEGEL ONLINE: Muss man bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um Spieler zu werden?

Löwa: Jeder, der möchte, kann zum Training kommen. Dann wird geschaut, wer sich eignet. Das sind dann die, die am stärksten und widerstandsfähigsten sind. Jeder historische Stadtteil hat ein Team. Und wenn man sich einmal für eines entschieden hat, spielt man ein Leben lang dafür. Es gibt auch Seniorenteams. Einer der ältesten Spieler ist mittlerweile 70 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen die Spieler auch Geld dafür?

Löwa: Geld kriegen sie nicht. Aber das Gewinnerteam bekommt eine Kuh. Die blaue Mannschaft ist aus dem Stadtviertel Santa Croce - die hat in den vergangenen immer gewonnen. Vermutlich hat sie schon einen ganzen Bauernhof voller Kühe. Nur in dem Jahr, in dem ich da war, hat Santa Croce verloren. Das fand ich ganz spannend für meine Reportage.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Löwa: Normalerweise versuche ich immer ein Happy End für meine Geschichten zu finden. Vor allem bei Sozialreportagen will ich einen positiven Ausblick geben. Sonst wird doch immer nur das Negative berichtet. Ich will aber auch eine Lösung für das Problem zeigen, das ich fotografiere. Doch die Geschichte über den florentinischen Fußball bricht ohnehin mit dem, was ich normalerweise mache.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Löwa: Durch die Niederlage habe ich die Chance bekommen, die Spieler noch einmal auf eine andere Art zu erleben, nämlich niedergeschlagen und trostbedürftig. Dadurch bekamen sie auf einmal eine Persönlichkeit.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby .

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