Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Eine andere Art von Notwendigkeit

Die Flüchtlinge brauchen Unterkunft, Nahrung, Ausbildung - und ebenso wichtig wäre ein wenig Freundlichkeit im Alltag. Doch wer Angst hat, kann kaum freundlich sein.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt man. Man ist lieber Skeptiker als naiv. Das ist von Anfang an cooler und falls es am Ende schiefgeht, kann man sagen, man hat es ja geahnt, und falls es nicht schiefgeht, kann man sagen, es hätte aber schiefgehen können und war vielleicht auch knapp.

Angst verbreitet sich aber leichter als Hoffnung. Es ist die billigste Variante von Politik, Menschen Angst zu machen und ihnen dann vermeintliche Lösungen anzubieten.

Wir reden über Transitzonen und wie sie aussehen sollen und wie man Menschen zwingt, da durch zu gehen und wie frei sie sich dort bewegen dürfen und ob man sie da auch festhalten darf. Und wie die Zonen am besten heißen sollen. "Einreisezentren" klingt nicht abschreckend genug für die Union . Und abschreckend sollen sie ja sein, soll ja nicht nach Urlaub klingen. Wie viele da eigentlich abgeschreckt werden sollen, ist auch erst mal nicht so wichtig. In den Transitzonen sollen Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern schneller zurückgeschickt werden können. Das sind inzwischen vergleichsweise nicht besonders viele. Egal.

Und in so einer Situation kommt aus der AfD, dass man im Zweifel auch mal schießen sollte. Nur in die Luft, natürlich. "Die Verteidigung der deutschen Grenze mit Waffengewalt als Ultima Ratio ist eine Selbstverständlichkeit", sagt der nordrhein-westfälische AfD-Landesvorsitzende Marcus Pretzell. Ultima Ratio. Es wird nicht besser durch Latein. Letzte Möglichkeit - bevor was genau passiert? Egal.

Immerhin ein Blick nach vorne

Wer so spricht, der redet einen Kriegszustand herbei, der nicht da ist. "Ultima ratio regis" stand auf den preußischen Kanonen. Das letzte Mittel des Königs. Menschen, die vor Krieg geflohen sind, durch Schüsse abhalten - man hat schon Empathischeres gehört.

Und zwar Empathischeres für beide Richtungen. In Richtung der Flüchtlinge, weil Schüsse, auch in die Luft, das Perverseste sind, was man sich ausdenken kann für Menschen, die vielleicht schon von Hubschraubern oder Krankenwagensirenen Panik kriegen. Und in Richtung der eigenen Bevölkerung ist es genauso falsch, weil es Ängste schürt vor Menschen, die trotzdem kommen werden. Und je unwürdiger sie behandelt werden, desto traumatisierter kommen sie. Wir reden über Menschen, eingepfercht in Gehege, draußen, wie Tiere. "Wie Vieh treiben sie uns durch die Felder", sagt ein Mann in einer Reportage auf Zeit Online . So jemand braucht keine weitere Abschreckung.

"Wann, in Anführungsstrichen, amortisiert sich denn dann so'n Flüchtling?", fragt der N24-Moderator . Nach fünf bis sieben Jahren bringt ein Flüchtling dem Staat Geld, sagt der Experte, und das klingt vielleicht alles ein bisschen kalt und unglücklich, wie Werbung für ein Blockheizkraftwerk, aber es ist immerhin ein Blick nach vorne.

Fragen werden weniger, die Kriegsrhetorik mehr

"Ich glaube, dass die Menschheit nur durch Mitgefühl überleben kann", hat Swetlana Alexijewitsch gesagt , die dieses Jahr den Literaturnobelpreis bekommen hat. Wir entfernen uns davon, im Moment. Je mehr wir über Zauntypen und Zonen vs. Zentren reden und Schüsse zur Abschreckung. Wie mitfühlend wird man mit Menschen umgehen, die man sich vorher vom Hals halten wollte wie eine Horde Krimineller?

Das Zitat von Alexijewitsch ist aus einem Interview, in dem die Autorin von einem japanischen Filmteam spricht, das zu ihr nach Minsk kommt und in ihrem Garten die Löwenzahnblüten wieder aufrichtet, die es runtergedrückt hat. Das wirkt ein bisschen albern und hippiemäßig, vielleicht, wenn man über Katastrophen und Kriegszustände spricht. Aber vielleicht auch gerade nicht.

"Empathie bedarf des Wissens um die eigene Unwissenheit", schreibt Leslie Jamison in ihrem neuen Buch "Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer." "Empathisch zu sein bedeutet nicht nur, zuzuhören, sondern auch, überhaupt erst die Fragen zu stellen, die dann Antworten hervorbringen, die man anhören muss." Die Fragen werden weniger werden, je mehr Kriegsrhetorik jetzt aufgefahren wird.

Empathie zählt wie Wohnen, Essen, Trinken

Wer hier ankommt, wird sich für lange, lange Zeit merken, wie die ersten Reaktionen der Menschen hier waren. Wahrscheinlich ein ganzes Leben. Manchmal reicht ein Satz, eine Geste, ein Blick, damit jemand sich willkommen oder nicht willkommen fühlt. Das ist eine andere Art von Notwendigkeit als Wohnraum und Essen und Trinken, aber immer noch Notwendigkeit, weil wir über Menschen reden.

Als meine Familie Anfang 1988 von Polen nach Berlin kam, war einer der ersten Sätze, die meine Mutter von einer fremden Deutschen hörte, die Frage: "Musste das sein?" Wir zogen zu meinen Großeltern in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln, Gropiusstadt. Mein Bruder war vier, ich knapp zwei und meine Mutter war schwanger mit meiner Schwester. Mein Bruder und ich waren zu laut für die dünnen Hochhauswände, die Nachbarin von unten kam hoch, sah uns Kinder, sah den dicken Bauch meiner Mutter und fragte: "Musste das sein?" Meine Mutter konnte im Gegensatz zu meinen Großeltern noch gar nicht genug Deutsch, um zu verstehen, was die Frau sagte, aber sie sah ihren vorwurfsvollen Blick auf ihren Bauch, mit dem noch ungeborenen Kind, auf das sie sich freute und für das sie sich eine gute Zukunft wünschte. Und der Satz brannte sich ein: "Musste das sein?"

Angst ändert nichts

Und es musste ja gar nicht. Alles nicht. Wir hätten gar nicht da sein müssen in diesem Land. Man hätte es schon aushalten können in Polen. Klar. Polen ist nicht Syrien. Es war kein Krieg. Es war nur ziemlich aussichtslos, oft unwürdig und anstrengend und dreckig und man musste für jede Rolle Klopapier stundenlang anstehen und für ein Auto jahrelang.

Meine Mutter ließ meinen Bruder und mich dann ohne Hausschuhe rumlaufen, in Socken, damit wir die deutschen Nachbarn nicht stören. Meine Großeltern ließen uns draußen lieber nicht mehr polnisch reden. "Wir wurden behandelt wie Asoziale", sagt meine Mutter heute. Und das Gefühl ging nur schwer wieder weg. Fast 28 Jahre später erinnert sie sich, wie sie sich freute, als eine türkische Frau, die auch Kinder hatte, sie anlächelte und nach ihrem Entbindungstermin fragte.

Es ist solcher Kleinkram, der am Ende genau so zählt wie Wohnen, Essen, Trinken. Vielleicht braucht es manchmal Überwindung, sich um so etwas zu kümmern: lächeln, Fragen stellen, all das. Diese Hürde wird größer, je mehr Angst jetzt geschürt wird. Angst ändert nichts, sie macht es nur anstrengender. Für alle. Und es den Deutschen schwer zu machen, ist etwas, was eigentlich nicht einmal die AfD wollen kann.

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Foto: SPIEGEL ONLINE