Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Exzesse der Engstirnigkeit

In der Flüchtlingskrise zeigen Teile der sogenannten publizistischen Elite blinde Wut. Ihre Erklärung der Migrationsursachen sind plump. Sie verachten die "helfenden Träumer", die Fremde nicht abweisen. Wie ist dieser Beißreflex zu erklären?

Der Irrationalismus, die Ignoranz, die blinde Wut, die Teile der sogenannten politischen Elite gerade in der Flüchtlingskrise zeigen, lassen eigentlich nur eine Erklärung zu: Selbsthass.

Natürlich wäre auch Opportunismus eine mögliche Erklärung, Pyromanie oder echter Rassismus, aber dieser Gedanke ist selbst mir zu scheußlich.

Also Selbsthass: Die Beißreflexe der Berliner und anderer Blasenbewohner sind nur zu verstehen - diese Einsicht verdanke ich George Packer  -, wenn man versteht, dass sich viele Journalisten in den vergangenen zehn Jahren von Angela Merkel verführen ließen.

Ja, verführen; und weil das einerseits performativ unmöglich erscheint und andererseits höchst ödipal (Mutti!) und außerdem Männer so etwas ungern hören, weil sie sich selbst gern als Verführer sehen wollen, deshalb sind die Reaktionen so kurios wie krass.

Was soll man etwa davon halten, wenn der Chefredakteur von "Cicero" schreibt, es gebe eine "Pflicht" zum "Ungehorsam" gegen Angela Merkel, "eine Pflicht, deren Zeit gekommen ist"?

Stellt er sich nun auch jeden Montag mit einer Stauffenberg-Fahne auf den Dresdner Theaterplatz?

Oder was soll man davon halten, wenn der Chefredakteur vom "Handelsblatt" schreibt, Angela Merkel sei "die Kanzlerin der Flüchtlinge, aber nicht die der Deutschen"?

Wo genau diese Grenze verläuft, das weiß womöglich die Parteispitze der AfD besser als ich.

Ein Stück weiter nach rechts

Und in der "Frankfurter Allgemeinen" verschieben einige Autoren ihre Zeitung jeden Tag mit jedem Wort ein Stück weiter nach rechts, Nikolas Busse schreibt zum Beispiel:

"Niemand, der Syrien, Afghanistan oder Eritrea verlässt, käme von selbst auf den Gedanken, sich auf den beschwerlichen und gefährlichen Weg in ein weit entferntes Land in Europa zu machen, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird und eine andere Kultur herrscht."

Ich wüsste nun einerseits gern, wer dieser Niemand ist, ich würde sagen, es sind etwa fünf bis zehn Millionen.

Ich wüsste außerdem gern, was die empirische Grundlage für diesen Satz ist.

Ich wüsste weiter gern, ob die "Frankfurter Allgemeine" sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst ist.

Und ich frage mich, ob im Jahr zehn der Merkel-Jahre die Wirklichkeit für all die Leute, die sich im Gegensatz zu den helfenden Träumern so gern als Realisten bezeichnen, überhaupt noch eine wahrnehmbare oder relevante Größe ist.

Die unverzichtbare Europäerin

Haben sie zum Beispiel mal nachgelesen, was jüngst der "Economist" geschrieben hat, fast immer Gradmesser der journalistischen Vernunft, der Angela Merkel auf dem Titel feiert als "die unverzichtbare Europäerin"?

"Die Flüchtlinge wären eh gekommen", steht da. "Sie hat gehandelt, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Zäune werden den Zustrom nicht verhindern. Frau Merkel kann weder die Kriege beenden, die die Menschen aus ihren Häusern treiben, noch kann sie die Politik verändern der Länder, durch die diese Menschen müssen. Ihre Kritiker bieten keine glaubhafte Alternative an. Wenn die Länder der EU nicht internationales und europäisches Recht brechen wollen und Flüchtlinge ertrinken oder erfrieren sehen wollen, müssen sie die Ansprüche der Asylbewerber ernst nehmen. Die Frage ist: Wird das geordnet passieren oder chaotisch?"

Oder, wenn sie kein Englisch können, vielleicht Stefan Braun in der "Süddeutschen Zeitung", der den Punkt mit dem Chaos aufnimmt und das Wort gegen die wendet, die es dauernd verwenden: Denn das Chaos ist zuerst einmal das Chaos derjenigen, die dafür verantwortlich sind, dass sie seit allerallerallerspätestens 2013 wussten, was auf Deutschland zu kommt, und die nichts, nichts, nichts getan haben.

"Schon während der Koalitionsverhandlungen im Herbst 2013 war die Katastrophe von Lampedusa bekannt", schreibt Braun. "Und allen, der Kanzlerin wie dem Vizekanzler, dem Außenminister wie dem Innenminister, musste klar sein, dass dieses Unglück der Vorbote einer noch größeren Wanderung sein würde. Nur reagieren wollten sie darauf nicht. Sie ignorierten Mahnungen der Experten; sie hielten anderes für wichtiger. Deshalb liefen sie verantwortungslos unvorbereitet in eine Flüchtlingswelle, die vor weit mehr als einem Jahr begann."

Es traurig, es ist tragisch, es ist wie in der Griechenlandkrise: Die deutsche Politik und die deutsche politische Publizistik befinden sich mehrheitlich auf einem anderen Planeten.

Damals wurde ökonomisches Grundwissen ignoriert, die Erde ist eine Scheibe; heute werden wieder Engstirnigkeitsexzesse gefeiert, begleitet von bizarrer kulturanthropologischer Regression.

Deutschlands Rolle hat sich verändert

Was soll es zum Beispiel bedeuten, wenn der "Cicero"-Chef schreibt, Thomas de Maizière, Nachfahre von hugenottischen Flüchtlingen, habe eine "preußische Persönlichkeitsstruktur"?

Ersetzt so eine Formulierung heute schon ein Argument? Oder soll das Wort "preußisch" einfach verschleiern, dass der Innenminister, siehe Stefan Braun, seit Wochen, Monaten, Jahren dilettiert und einen handwerklichen Fehler nach dem anderen macht?

Irgendwie scheint aber gerade eh alles egal: Wenn ich etwa meiner achtjährigen Tochter erklären würde, wie der Humanismus nach den Dublin-Regeln funktioniert, sie würde entweder mich oder die EU für verrückt halten.

Tatsächlich fatal und von einer historischen Ironie ist allerdings, dass ausgerechnet die konservative politische Publizistik nach zehn langen Merkel-Jahren verleugnet, wie sich Deutschlands Rolle verändert hat, wie die Bedeutung gewachsen ist.

Es ist nicht mehr das kleine Deutschland, das sich wegducken und durchmogeln konnte; es ist das große Deutschland, das führen muss. Das ist, siehe "Economist", die akute humanitäre Mission.

Sonst wirft man Europa Männern wie Orbán, Seehofer, Cameron zum Fraß vor. Männer, die ihren Selbsthass gegen andere wenden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde das Zitat aus der "Frankfurter Allgemeinen" fälschlicherweise dem Autor Reinhard Müller zugeschrieben. Tatsächlich stammt es jedoch, wie im Text mittlerweile richtig dargestellt, von Nikolas Busse.

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